16. März 2020

Corona und der Wirtschaftseinbruch Perspektiven 2020

Krise. Normalität. Zukunft.

von Michael von Prollius

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Krisen bieten Chancen: Corona und die Weltwirtschaft

Der Baltic Dry Index (BDI) ist ein Frühindikator für die Weltwirtschaft, der für bis zu zwölf Monate im Voraus auf das Volumen des Welthandels hinweist. Über 90 Prozent der weltweit gehandelten Güter werden per Schiff transportiert. Anfang September 2019 stand der BDI auf einem Fünfjahreshoch mit über 2.400 Punkten. Nach einer kleinen Erholung liegt er Anfang März bei nur gut 600 Punkten. Als die Finanzkrise 2008 weltweit ausbrach, war er von 11.000 auf 700 Punkte abgestürzt.

Der Ölpreis, hier Crude Oil der Sorte West Texas Intermediate (WTI), hat sich seit Jahresbeginn bis Mitte März halbiert und liegt mit gut 30 US-Dollar pro Fass so tief wie Anfang 2016. Vor vier Jahren sorgte der Ölpreisschock für Verwerfungen bei ölexportierenden Schwellenländern und begünstigte Ölimporteure. Gold ist mit gut 1.600 US-Dollar pro Unze nicht weit vom Allzeithoch inmitten der Finanzkrise im August 2011 entfernt und binnen Jahresfrist nunmehr um rund 25 Prozent gestiegen. Zugleich brechen die Börsenkurse gleich mehrfach massiv ein – die Bären sind los.

Die USA haben ein Einreiseverbot für Europäer verhängt. Israel hat alle Touristen ausgewiesen, Einreisende müssen sich 14 Tage in private Quarantäne begeben. Italien befindet sich in einer Art Kriegszustand, hat Stand Mitte März rund 1.000 Tote durch das Coronavirus Sars-CoV-2 zu beklagen und betreibt in Krankenhäusern Triage: Alte Menschen werden zum Sterben abgewiesen oder nach Hause geschickt. In Deutschland baut sich die Corona-Welle gerade auf. Das öffentliche Leben kommt allmählich zum Erliegen. Staatsführungen verhängen Ausgangssperren.

Die weltweite Verschuldung von privaten Haushalten, Unternehmen und Regierungen hat 2019 neue Rekorde erreicht; sie beträgt im Verhältnis von Schulden zum BIP über 320 Prozent. Allein in den ersten drei Quartalen 2019 sind die Schulden um neun Billionen auf insgesamt 253 Billionen US-Dollar gestiegen. Die Hälfte des Anstiegs geht auf entwickelte Länder und Märkte zurück – die USA verzeichnen ein Allzeithoch. Zugleich hält die Triple-N-Ära der Niedrig‑, Null- und Negativzinsen an. Die Euro-System-Probleme sind ungelöst. Teile der Wirtschaft stecken in einer Strukturkrise, forciert durch den Neohandelsprotektionismus.

Gedankliche Klarheit

„Krise“ bezeichnet eine Entwicklung, bei der das Normale für längere Zeit aussetzt. Wiederholt ineinandergreifende Abläufe mit der Hoffnung auf Rückkehr zum Normalzustand sind gestört. Eine Krise ist unvermeidlich auch eine Konstruktion ihrer Beobachter. Eine Krisenbeschreibung ist anspruchsvoll, sobald sie Substanz haben soll. Erforderlich ist eine Theorie des Normalen, ein Diagnosemodell und Kausalität – nicht Korrelation.

Schon das Begreifen der Normalität fällt in der Ära von Nullzinsen, der Transformation durch Digitalisierung und Automatisierung (Industrie 4.0) und eines institutionellen Wandels in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft schwer. Das gilt gerade für die Erosion von Institutionen, deren massiver Vertrauensverlust in den USA beispielgebend von Yuval Levin in „A Time to Build“ untersucht wurde. Der Politikwissenschaftler und Gründer des Magazins „National Affairs“ bietet damit eine übergreifende Erklärung für die Phänomene Elitenversagen, Populismus und korrumpierter Kapitalismus.

Zur Krise gehört das Risiko. Die Krisenperspektive ist auf die Ursachen gerichtet. Der Risikoblick betrachtet die Wirkungen. Krisendiskurse sind eher vergangenheitsorientiert, Risikoanalysen dementsprechend in die Zukunft gerichtet. Die Lage ist derzeit durchaus ernst, aber keineswegs hoffnungslos. Anhänger der Österreichischen Schule können erfahrungsgemäß sogar damit leben, wenn die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst ist. Österreicher bieten Hilfe als Führer durch die Krisenpolitik, beim Identifizieren von Kausalität und sogar beim Blick in die Zukunft.

Mit Friedrich August von Hayek sind in sozialen Zusammenhängen – anders als in der Naturwissenschaft – lediglich Mustervorhersagen (pattern predictions) möglich. In seiner Nobelpreisrede wies Hayek darauf hin, dass Prognosen von bloßen Mustern aus Aussagen über allgemeine Eigenschaften von Strukturen bestehen, die sich ausbilden werden. Das gelte insbesondere für (freie) Märkte, da gerade die Leistungsfähigkeit des Marktes in einem Entdeckungsverfahren bestehe. Anders formuliert: Wir können die Zukunft schwerlich vorhersagen, weil die Menschen noch nicht wissen, wie sie handeln werden, da die dafür erforderlichen Informationen sich erst in der Zukunft herausbilden und selbst den Akteuren nicht bekannt sind.

Elemente einer Krisenperspektive

In der Perspektive der politischen Ökonomie erscheinen mit Blick auf die Weltwirtschaftsepidemie 2020 derzeit insbesondere folgende Aspekte relevant:

Erstens: Die aktuelle Krise weist eine hohe Komplexität auf mit einer kaum übersehbaren Fülle von Faktoren, darunter einzelne handelnde Menschen in Staatsführungen, Unternehmensleitungen und internationalen Institutionen wie der EZB sowie Verbraucher und Aktienbesitzer, aber auch strukturelle Aspekte von Pandemie, Welthandel und Finanzsystem. Das menschliche Gehirn kann lediglich bis zu sieben Faktoren kombinieren.

Zweitens: Es besteht ein hohes Maß an Ungewissheit über den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie, die wiederum die Weltwirtschaft beeinflusst. In Deutschland bieten führende Virologen wie Christian Drosten, Charité, und Alexander Kekulé, Halle, unterschiedliche Schätzungen über Ausmaß und Verlauf der Epidemie. Die Schätzungen reichen aktuell von 40.000 bis 250.000 Toten nur in Deutschland im schlimmsten Fall. Bedeutend für den Verlauf der Pandemie sind die Geschwindigkeit der Ausbreitung und die Notwendigkeit eines Totlaufens mit über 50 Prozent infizierter Bevölkerung und damit die Frage, ob es zu weiteren Infektionswellen kommt. Für Deutschland wird der Höhepunkt der Epidemie aktuell erst für den Sommer prognostiziert. Epidemien können sogar mehrere Jahre dauern. Der Schwarze Tod in der Mitte des 14. Jahrhunderts währte etwa sieben Jahre, die Justinianische Pest flackerte in der Spätantike gar über 150 Jahre auf.

Drittens: Die Auswirkungen von Corona auf die Wirtschaft sind vielfältig. Der Ölpreis spiegelt beispielsweise den gleichzeitigen Angebots- und Nachfrageschock wider. Einerseits nimmt durch die Produktionsausweitung von Saudi-Arabien der Angebotsüberhang zu, strukturell getrieben seit der Fracking-Revolution in den USA. Andererseits sinkt die Öl-Nachfrage in der Pandemie, bedingt durch den Ausfall von Arbeitskräften, Vorprodukten und Produktionsstätten, gestörte Wertschöpfungsketten, nachlassenden Verbrauch und sinkenden Bedarf.

Viertens: Ausmaß und Dauer der staatlichen Anti-Epidemie-Maßnahmen werden die wirtschaftliche Entwicklung mittelfristig maßgeblich beeinflussen. Einige Beispiele: Beschränkungen der Bewegungsfreiheit und deren Folgen für die Produktion in China und Italien sowie den Tourismus weltweit, das Schließen aller Geschäfte und von Schulen und Kindergärten auch in Deutschland, was wiederum Eltern vielfach daran hindert, zu arbeiten. Je länger die Einschränkungen anhalten, desto mehr werden Angebot und Nachfrage vermindert und kommt die wirtschaftliche Tätigkeit zum Erliegen. Das beeinträchtigt Liquidität und letztlich Solvenz von Unternehmen. Die Luftverkehrswirtschaft erlebt den schwersten externen Schock in ihrer Geschichte mit geschätzten über 100 Milliarden US-Dollar Umsatzeinbußen. Ein Ausleseprozess kündigt sich an, für den die Lufthansa noch vergleichsweise gut gerüstet ist. Gerade kleine lokale Unternehmen, darunter Brauerei- und Gastwirtschaften, die viele Arbeitsplätze bieten, aber auch Friseure stehen vor der Überlebensfrage. Viele hoffen auf einen staatlichen Ausweg mittels Kurzarbeitergeld. Schätzungen der Deutschen Bank zufolge stehen uns nur zwei Quartale schrumpfende Wirtschaft bevor. Auch das Flossbach von Storch Research Institute hält die Krise für überschaubar. Gleichwohl halte ich Wohlstandsverluste für viele Menschen im laufenden Jahr für wahrscheinlich. Das gilt nicht nur angesichts der Börsenentwicklung, die zum Beispiel etwas wohlhabendere Senioren vor die Frage stellt, ob sie sich ihr Seniorenstift noch leisten können. Entscheidend ist die Dauer des Ausnahmezustands. Wenn viele Unternehmen nur noch wenig Umsatz machen, beginnt sich ein destruktiver Netzwerkeffekt durch Wirtschaft und Gesellschaft zu fressen – vereinfacht: keine Umsätze – keine Arbeit – keine Gehälter – keine Miet- und Kreditzahlungen – keine Nachfrage – keine Produktion – keine Steuern. Ab der Stunde null kehrt sich der Prozess um. Dazu drei Fragen: Wie lange können kleine und große Unternehmen sowie Inhaber und Angestellte massive Einbußen aushalten? Wie lange können staatliche Transfers durch weitere Verschuldung und Gelddrucken geleistet werden? Wann sinkt das Wohlfahrtsniveau wie stark?

Fünftens: An den Börsen der Welt wird Kapital im Umfang von Billionen vermindert. Am 9. März 2020, einem Schwarzen Montag, fielen die Kurse drastisch, der Dow Jones beispielsweise um fast 1.200 Punkte und damit so stark wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Optimismus weicht Ernüchterung und Pessimismus, gar Panik. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wird neu beurteilt. Die Kurse waren den Fundamentaldaten längst enteilt – Vermögenspreisinflation. Eine Korrektur kann heilsam sein, trifft aber aufgrund des Korrekturausmaßes in Verbindung mit dem Nachfrageeinbruch auch gesunde Unternehmen und private Anleger, deren Vermögen und Konsummöglichkeiten auf lange Zeit vermindert werden können. Der Dow Jones brauchte ein Vierteljahrhundert, um das Spitzenniveau vor der Weltwirtschaftskrise wieder zu erreichen. Einen Zusammenbruch des Bankensystems halte ich für unwahrscheinlich. Die europäischen Kreditinstitute haben in den letzten Jahren ihr Eigenkapital erhöht und die faulen Kredite in ihren Bilanzen verringert. Die Zentralbanken werden jede benötigte Liquidität bereitstellen. Als letzter Ausweg kommt zeitlich begrenzt einmal mehr eine Verstaatlichung in Frage. Schließlich weist Japan den Weg eines auf Dauer gestellten Ausnahmezustands im Finanzsystem.

Sechstens: Welche politischen Folgen hat die an Fahrt gewinnende Weltwirtschaftskrise? Wird sie die Wahl des amerikanischen Präsidenten beeinflussen und zu einem Kurswechsel der USA führen? Ist der Aufstieg Chinas nur kurz eingebremst und sitzt die Staatsführung, die vorgibt, die Corona-Krise überwunden zu haben, mit ihren immer autoritäreren Maßnahmen perspektivisch fest im Sattel? Wird die Staatsführung im Iran mit wahrscheinlich weit über 1.000 Toten weiter geschwächt, und beeinflusst das Konflikte im Nahen Osten? Wer geht in Deutschland und in der EU gestärkt aus der Krise hervor? Antworten auf diese Fragen fallen auch deshalb schwer, weil eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle spielt und nur manche mit der Doppelkrise aus Pandemie und Wirtschaftskrise zusammenhängen.

Siebtens: Dazu gehören Strukturprobleme im Wirtschaftssystem und in einzelnen Branchen. Seit 2008 gibt es in Deutschland keine nennenswerte Diskussion über Strukturreformen mehr. Bis dahin waren die Zeitungen voller Diskussionen über Reformen der deutschen Sozialsysteme. Wir leben längst in einer politisch gelenkten Wirtschaft, die manche systemische Ähnlichkeit mit der Wirtschaft der späten 1920er und 1930er Jahre aufweist, neben vielen Unterschieden. Industrie und Handwerk leiden massiv unter mangelndem fachlich geeignetem Nachwuchs. Das deutsche Bildungssystem ist überholungsbedürftig. Die Autoindustrie steht je nach Sichtweise mitten im Umbruch oder vor der Implosion. Die reale Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie ist bereits 2019 um 3,6 Prozent gesunken. Die Produktivität des Westens lahmt. Überkapazitäten und überbewertete Vermögenswerte prägen nicht zuletzt die Emerging Markets. Schon vor der Wirtschaftspandemie hatte sich eine Rezession in Deutschland aufgebaut.

Eigentümlich freie Risikoperspektive

„Risiko“ bezeichnet die Wahrscheinlichkeit eines Schadens. Welche Folgen lassen sich als Mustervorhersagen für die Freiheit machen?

Schocks bilden in der langfristigen Entwicklung regelmäßig nur eine Delle im Wirtschaftswachstum. Es gibt aber auch gravierende, langfristig bedeutende Einschnitte wie die Große Depression und die Große Rezession. Wir stehen in mehrfacher Hinsicht am Anfang einer Zeitenwende.

Krisen verringern Freiheit und forcieren Etatismus und Zentralismus sowie wohlstandsvernichtenden Protektionismus. Überholte Strukturen werden konserviert, Zombie-Unternehmen gestützt. Die EZB hat ihre Nettoanleihekäufe bis zum Jahresende auf 120 Milliarden Euro erhöht. Die Lasten werden dem einfachen Konsumenten und den Steuerzahlern auferlegt. Gekniffen ist die untere Mittelschicht.

Zwar tritt der Ökologismus einen Moment hinter der Weltwirtschaftsepidemie zurück. Mittelfristig wird der Kampf gegen Unternehmer, Eigentum und Kapital indes weiter intensiviert werden. Eine expansive Geld- und Fiskalpolitik wird ohne mobilisierbare Nachfrage bei stillgelegtem Angebot einmal mehr verpuffen, die verbliebene Marktwirtschaft schwächen und stagflatorische Wirkungen entfalten. Als Spätfolge der Weltfinanzkrise hat inzwischen sogar der Bundestag „abgedankt“ (Thomas Mayer) durch den Ausbau der Währungsunion zu einer Haftungsgemeinschaft.

Die Forderungen von Nassim Nicholas Taleb nach mehr Resilienz bekommen noch mehr Gewicht. Redundanzen, Lagerhaltungen und lose Kopplungen stellen eine bedenkenswerte Alternative in einer auf Effizienz und „Just in time“ getrimmten Welt. Wird es bald wieder eine Medikamentenproduktion in Deutschland geben?

Krisen bieten Chancen. In Krisen wächst Wissen. Krisen können Missstände bereinigen. Krisen gehen vorüber. Die weltweite Vernetzung ist die Voraussetzung für Frieden und Wohlfahrt und stellt uns weitaus besser als zur Zeit der Spanischen Grippe. In langer Frist geht es fast allen besser.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Staatswirtschaftskrise

Mehr von Michael von Prollius

Über Michael von Prollius

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige