11. März 2020

Zum Tod des Jazzpianisten McCoy Tyner „Du musst eins werden mit dem Instrument“

Er hat den Planeten verlassen, aber nicht unsere Herzen

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: Joe Mabel (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Verstarb am 6. März: McCoy Tyner (1938-2020)

Zu den Nachrichten, die mich in diesen Tagen besonders bewegt haben, gehört die vom Tod McCoy Tyners. Am 6. März ist der aus Philadelphia stammende Jazzpianist im Alter von 81 Jahren gestorben, und es ist tröstlich, dass sein unverwechselbares Spiel in Hunderten von Aufnahmen erhalten bleibt.

Der 1938 geborene Alfred McCoy Tyner begann bereits als Jugendlicher, professionell Musik zu machen. Wesentlich für seine weitere musikalische Bedeutung wurde die Begegnung mit John Coltrane, der den Pianisten 1962 in sein neu gegründetes Quartett aufnahm, der wohl einflussreichsten und wegweisendsten Gruppe des modernen Jazz, die durch zahlreiche Liveauftritte und einer Reihe von unsterblichen Studioaufnahmen Musikgeschichte geschrieben hat. Das berühmteste dieser Alben ist ohne Zweifel „A Love Supreme“, das vom Magazin „Rolling Stone“ in seiner Liste der 100 besten Jazz-Alben auf Platz eins gewählt wurde.

Nach Coltranes Tod und dem damit verbundenen Ende des Quartetts mischte McCoy Tyner bis in unsere Tage überall mit, wo Jazz auf höchstem Niveau gespielt wurde, er nahm Platten unter anderem mit Joe Henderson („Number One“, „The Real McCoy“) auf, mit Wayne Shorter, Elvin Jones, Sonny Rollins, Ron Carter, Stanley Turrentine, Michael Brecker und George Benson, aber er kannte keine Berührungsängste mit anderen Musikrichtungen und spielte auch mit Carlos Santana (dem er das Stück „Senor Carlos“ widmete), Flora Purim oder Ike und Tina Turner. Meisterhaft sind die  Soloalben, darunter das seinem verstorbenen Freund John Coltrane gewidmete „Echoes of a Friend“ von 1972/74 und das hymnische „Sahara“ von 1972. In den 1990er Jahren leitete er eine Bigband, mit der er 1995 einen Grammy Award einspielte. Laut Angabe eines Diskographen war der Pianist zwischen 1959 und 2007 an 273 Aufnahmesessions beteiligt.

2012 hatte ich die große Freude, McCoy Tyner bei einem Jazzfestival in Belgien persönlich kennenzulernen. Der in jungen Jahren wie ein muskelstarker Boxer wirkende Mann war schmal und gebrechlich geworden und musste von John Coltranes Sohn Ravi auf die Bühne und zurück geführt werden. Er sprach während unserer Unterhaltung nur leise, und seine Widmung auf einem von mir mitgebrachten LP-Cover fiel schwer lesbar aus. Dennoch spielte er an diesem Abend ein eindrucksvolles Konzert, das mir unvergessen bleibt. Seine Begleiter sorgten durch ausgedehnte Soli dafür, dass McCoy sich nicht verausgaben musste. Wenn ich an Tyners damalige körperliche Verfassung denke, erscheint sein Tod jetzt, immerhin fast acht Jahre später, nicht überraschend. Traurig macht er dennoch. Schön, dass er uns auf Tonträgern erhalten bleibt. Wie schreibt ein Kommentator bei Youtube? „Master McCoy Tyner has left the planet but not our hearts.“ („Meister McCoy Tyner hat den Planeten verlassen, aber nicht unsere Herzen.“)

McCoy Tyner und Ravi Coltrane: „Walk Spirit Talk Spirit“ (Live 2012)

McCoy Tyner: „Search For Peace“

McCoy Tyner: „Fly With the Wind“


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