09. März 2020

Der Blick nach China Machtpolitik mit einem Lächeln

Das Reich der Mitte und seine Hegemonialpolitik

von Henrique Schneider

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Bildquelle: shutterstock Hegemonialpolitik des Reichs der Mitte: Der Drache lächelt

China hungert nach Hegemonie. Die Vorstellung von Partei und Staat ist, China in den Mittelpunkt der Welt zu rücken. Der Drache soll dabei immer lächeln, das heißt eine schöne Geschichte über sich selbst erzählen; notfalls eine erfundene Geschichte.

Schon der Name des Landes zeigt den Machtanspruch Chinas: „Zhong“ heißt „Mitte“; „Guo“ heißt „Land“, „Volk“ oder „Reich“. China ist also das Reich der Mitte. Diese Mitte ist mehr als ein geographischer Ort, sie ist auch mehr als eine politische Positionierung. Sie ist schlicht die Mitte der Zivilisation. Im chinesischen Selbstverständnis ist Chinas Platz im Machtzentrum der Welt.

Der momentane Zustand ist deshalb unbefriedigend. Aus chinesischer Sicht ist die Situation zu korrigieren: Die USA sollen als Militär- und Handelsmacht bald abgelöst werden. Die Europäische Union wird in einem späteren Schritt als staatspolitischer Impulsgeber in die hinteren Ränge verwiesen.

Um dieses Doppelziel zu erreichen, verfolgt China – grob vereinfacht – eine dreifache Strategie. Mit der Neuen Seidenstraße, der „Belt and Road Initiative“, soll die Hegemonie im Handel hergestellt werden; mit der „kulturellen Mission“ – in Europa in Form von Konfuzius-Instituten – wird die zivilisatorische Hegemonie umgesetzt. Die Streitkräfte zu Land, zu Luft, zu Wasser, in der Raumfahrt und im Cyberspace garantieren die militärische Hegemonie.

Sympathie durch Geschichte

Diese geopolitischen Ziele funktionieren in einem Mix aus konkreten Aktionen und der (Wieder‑) Erfindung von Geschichten. Es geht darum, glaubwürdige, aber auch liebliche Narrative zu finden, um dem Hegemonialprojekt Plausibilität und Legitimität zu verleihen. Mit diesen Geschichten soll den Partnern die Angst genommen werden. Doch hinter den Geschichten steht oft eine ganz andere Realität.

Die historische Seidenstraße hat es in dieser Form nie gegeben. Es gab zwar regen Handel in Zentralasien, aber es gab keinen institutionalisierten und friedlichen Freihandelskorridor, wie das Bild es nahelegt. Das Gegenteil scheint sogar der Fall gewesen zu sein. Der Handel existierte zwar, doch bewaffnete Auseinandersetzung scheint eher die Norm gewesen zu sein. Trotzdem greift China bewusst auf dieses Bild zurück und füllt es mit neuem Leben, um das gegenwärtige Vorhaben zu stilisieren.

Erfundene Narrative

Konfuzius gilt in den Ordnungen der Kommunistischen Partei Chinas als Musterbeispiel des Reaktionären. Trotzdem wird sein Name eingesetzt, um kulturelle und staatspolitische Vorstellungen zu exportieren. Dabei werden Ideen, die Konfuzius explizit ablehnte, ihm zugedichtet. Das Ziel ist, zu zeigen, dass China eine gut funktionierende, philosophisch durchdachte Alternative zum Individuum und zur Demokratie anzubieten hat.

Ein Beispiel dafür ist die Loyalität des Einzelnen gegenüber seinem Vaterland. Konfuzius lehnte dies wiederholte Male ab. Er betonte stets, dass die Loyalität zu den Eltern über jener zur Politik, zur Gesellschaft oder zum Herrscher steht. Sie gilt sogar, wenn die Eltern kriminell sind. Das hindert aber China nicht daran, in Konfuzius-Zentren weltweit das Gegenteil dessen als Wertvorstellung zu vermitteln. Unter dem Namen „Konfuzius“ wird also gesagt, die chinesische Ethik kenne kein wichtigeres Gebot als die Loyalität zur herrschenden Ordnung.

Stilisierung zum Guten

Die Streitkräfte werden wiederum als Macht des Friedens verkauft, obschon sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg an keiner Friedensmission beteiligten. Auch hier steht die offiziell stilisierte Geschichte im Gegensatz zur Wirklichkeit. Im Vietnamkrieg waren chinesische Truppen Aggressoren; im Südchinesischen Meer agiert die chinesische Marine als Besatzungsmacht, und im Cyberspace gibt es genügend Anzeichen für schädliche, aus China gesteuerte Aktivitäten.

Diese erfundenen Geschichten dienen einerseits zur Beruhigung der Partner. Andererseits dienen sie auch zur Beruhigung des Landes selbst. Das historische Bild, das China von sich hat, ist positiv. Das Reich der Mitte sieht sich als eine Macht des Guten. Wenn sie ihre Macht ausübt, dann, um alle besserzustellen. Die zivilisatorische Mission versteht sich als Partnerschaft. Freilich geht es der Mitte immer besser als den Partnern, aber insgesamt sollen alle einen Vorteil aus der Kooperation mit China erhalten – so geht das Narrativ.

Der Drache lächelt

Freilich stehen hinter der Selbststilisierung Chinas auch reale Taten. In Zentralasien baut China Infrastruktur; mit Europa und weltweit setzt das Land auf Handel; in den Konfuzius-Instituten kann man sehr gute Chinesisch-Kurse besuchen; die Streitkräfte modernisieren sich. Es gibt mehr als nur Narrative.

Und trotzdem dienen Narrative dazu, das chinesische Hegemonialprojekt als eine Macht des Guten zu stilisieren. Dass diese Narrative zum Teil frei erfunden sind, stört China nicht. Denn es geht darum, sich selbst und die Partner zu begeistern. Es geht um Marketing. Der Drache – eine in China positiv konnotierte Figur – soll breit lächeln und sich Freunde machen.


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