06. März 2020

Die „Allianz für Österreich“ (DAÖ) von HC Strache würde laut Meinungsumfragen auf Anhieb in den Nationalrat kommen Die Rechte in der Alpenrepublik vor einer Neuordnung?

Das derzeitige Wählerpotential liegt bei knapp 20 Prozent

von Christian Rogler

Artikelbild
Bildquelle: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com Hat nach wie vor treue Fans in Österreich: HC Strache

Es ist nicht einmal ein Jahr vergangen, seit die „Ibiza-Affäre“ jäh die bis dahin erfolgreiche türkis-blaue Koalition in Österreich zu Fall brachte und die Amtszeit des bis dahin am längsten amtierenden Vorsitzenden einer politischen Partei in der Zweiten Republik beendete.

Dass die politische Karriere HC Straches damit zu Ende sein sollte, wollten ungeachtet des Schockerlebnisses viele nicht wahrhaben. In nur einer Woche organisierte sich spontan in sozialen Medien eine Kampagne, um den diskreditierten Ex-FPÖ-Chef, der nur symbolisch auf dem letzten Listenplatz kandidiert hatte, ins Europaparlament zu bringen. Mit Erfolg: Strache erhielt so viele Vorzugsstimmen, dass er Anspruch auf ein Mandat erworben hätte. Aus Rücksicht auf die Partei, die bei der Europawahl deutlich an Stimmen verloren und bald vorgezogene Nationalratswahlen zu bestreiten hatte, verzichtete er.

Während die gesamte europäische Linke sich selbst für ihren großen Coup beweihräucherte, den damals noch als Single mit Nightlife-affinen Kollegen wie Johann Gudenus durch die Lokale gezogenen Strache mit großem Aufwand und hoher krimineller Energie in eine Falle gelockt zu haben, warnte „Framing“-Expertin Elisabeth Wehling schon damals davor, dass dieser Schuss langfristig gesehen nach hinten losgehen könnte.

Und sie sollte Recht behalten. Zwar fühlten sich die überzeugten Gegner Straches und enttäuschte FPÖ-Leute, die ihn für die Krise ihrer Partei verantwortlich machten, in ihrer Haltung bestätigt. Plötzlich „entdeckte“ man, dass man dem Parteichef und seiner Frau einen zu großen Spesenrahmen eingeräumt haben wollte, den diese vermeintlich über Gebühr ausgenutzt hätten. Und vor allem wollte man auf Seiten von FPÖ-Funktionären, die Straches 24/7-Wahlkampfeinsätze immer gerne in Anspruch genommen hatten, mit einem Mal eine seriöse Programmpartei sein, die jedwedem Personenkult abhold sei. Was angesichts der Tatsache, dass die FPÖ erst durch charismatische Vorsitzende wie Jörg Haider oder HC Strache dauerhaft in zweistellige Höhen gelangt war, nur bedingt glaubwürdig wirkte.

Gleichzeitig jedoch stieß diese Entwicklung nicht nur bei Wählern auf Ablehnung, die sich kaum noch an eine Zeit erinnern konnten, in der an der Spitze der FPÖ nicht Strache gestanden hätte, und die den Umgang mit ihm von Seiten der eigenen Partei als unanständig empfanden. Sehr viele Österreicher – und das war es auch, was Wehling angedeutet hatte – betrachteten die angeheiterten Gedankenspiele Straches in Ibiza nicht als das eigentliche Problem.

Vielmehr empfanden sie eine so heimtückische und akribisch vorbereitete Falle gegen einen Politiker, der bereits damals als künftiges Regierungsmitglied im Gespräch war, als Angriff auf die österreichische Demokratie selbst. Dass deutsche Medien führend an der Enthüllung der Ibiza-Aufnahmen eine Woche vor der Europawahl beteiligt waren, unterstrich zudem den Eindruck, die „arroganten Piefkes“ wollten dem kleinen Nachbarn wieder einmal diktieren, was sie zu denken hätten. Und das kommt in Österreich über Parteigrenzen hinweg nicht gut an.

Als HC Strache im Herbst seinen Rückzug aus der Politik verkündete, dachten sowohl seine linken Gegner als auch die neue FPÖ-Führung, die Sache sei ausgestanden. Sie hatten jedoch die Rechnung ohne einen erheblichen Teil der Wähler gemacht.

Nicht wenige langjährige Wähler der Freiheitlichen gaben in sozialen Medien zu erkennen, dass sie eher gar nicht mehr zur Wahl gehen oder (wieder) SPÖ oder ÖVP wählen würden als eine FPÖ, die so mit ihrem langjährigen Aushängeschild umgehe. Fehler verzeiht man in Österreich offenbar eher als Undank. Am Ende zeichnete sich ab, dass Strache nach wie vor über eine treue Fanbase verfügt, die so groß ist, dass sie zum eigenständigen politischen Faktor werden könnte.

Umfragen bestätigten dies – und der Wahlkalender kommt Strache entgegen. In seinem Heimatbundesland Wien, von wo aus er bereits 2005 die vor dem politischen Aus stehende FPÖ wieder auf den Erfolgsweg zurückgeführt hatte, wird im kommenden Herbst gewählt. Und hier hat Strache „seine“ Leute. Als einer der wenigen Nichtakademiker, die es geschafft hatten, an die Spitze einer österreichischen Parlamentspartei zu kommen, und als jemand, dem es leichtfällt, auf die einfachen Bürger zuzugehen, verkörpert er immer noch den Anwalt des „kleinen Mannes“, der mit Mut und Courage den „Großkopferten“ die Meinung geigt.

Zudem hat er auch nach wie vor einen intakten Resonanzraum. Während die einst unangefochten meinungsführende „Kronen-Zeitung“ Strache seine Übernahmespekulationen von Ibiza immer noch nicht verziehen hat, hat die Konkurrenz auf dem Boulevard in Form des Fellner-Konzerns („Österreich“, oe24.at) Straches Wert für die eigene Reichweite erkannt und bietet ihm regelmäßig ein Forum.

Einen Tag nach dem Aschermittwoch ließ das Meinungsforschungsinstitut Research Affairs ebendort nun die Bombe platzen: Eine „Bürgerbewegung“, wie Strache sie ankündigte, deren Basis die derzeit unter diesem Namen firmierende „Allianz für Österreich“ (DAÖ) wäre, würde derzeit österreichweit schon fünf Prozent der Wählerstimmen erlangen und damit in den Nationalrat einziehen. Und das, obwohl es diese politische Kraft bislang nur in der Bundeshauptstadt gibt und sie auch dort erst im Aufbau begriffen ist.

Das derzeitige Wählerpotential Straches liegt bundesweit bei knapp 20 Prozent. Wächst noch mehr Gras über „Ibiza“ und werden noch verbliebene Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Strache eingestellt, könnte es noch weiter anwachsen.

Sollte es der Strache-Partei gelingen, in Wien ein zweistelliges Resultat einzufahren und dabei vielleicht sogar die FPÖ zu überholen, wäre eine österreichweite Ausdehnung der logische nächste Schritt. Das würde dann jedoch die eigentliche Herausforderung: Dann müsste Strache in jedem Bundesland und in jedem Bezirk vernünftige und vorzeigbare Leute finden, die in der Lage wären, sein klassisch-freiheitliches Programm, wie er es auch in seiner Aschermittwochsrede skizziert hatte, glaubwürdig und ohne Skandale darzustellen und umzusetzen.

Die Konkurrenz wird dabei nicht schlafen: Die ÖVP bleibt dank Kanzler Sebastian Kurz im Höhenflug, und in der SPÖ wird – selbst dann, wenn die linke Parteichefin Pamela Rendi-Wagner ihre bevorstehende Vertrauensfrage bei der Mitgliederbefragung überstehen sollte – spätestens ein Jahr vor der nächsten Nationalratswahl der Ruf nach dem Pragmatiker Hans Peter Doskozil unüberhörbar werden, der jüngst im Burgenland die absolute Mehrheit erzielt hatte. 


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Österreich

Mehr von Christian Rogler

Über Christian Rogler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige