05. März 2020

Jens Spahn kandidiert nicht für den CDU-Vorsitz, sondern unterstützt Armin Laschet Der Mann von übermorgen

Er bereitet seinen späteren Durchmarsch vor

von Holger Finn

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Bildquelle: photocosmos1 / Shutterstock.com Der Mann von übermorgen: Jens Spahn

Zwei gegen einen ist feige – dennoch hat sich Jens Spahn jetzt im Kampf um Parteiführung und Kanzlerschaft mit dem bundesweit kaum bekannten Armin Laschet zusammengetan. Der jüngste Bewerber im Wettlauf um die CDU-Führung schiebt sich damit unversehens in die beste Ausgangsposition für die Wahl des CDU-Vorsitzenden – nicht jetzt, aber dann, wenn seine beiden Konkurrenten Merz und Laschet abgewirtschaftet haben werden. Denn Spahns Bündnis mit Laschet zielt nicht auf den Wettbewerb mit Friedrich Merz und Norbert Röttgen, sondern auf die Zeit danach. Und es wurde geschlossen, als Spahn noch nicht ahnte, dass die Corona-Krise ihm einen Deichgraf-Moment zuschieben würde, der ihm, nur recht schlau genutzt, die Chance gäbe, ganz ohne Laschet an die Spitze von CDU und Land vorzustoßen.

Der Stratege auf dem Rücksitz

Doch Spahn wollte sich und seine Chancen generell absichern. Und es war ein kluger Schachzug von Jens Spahn, sich zusammen mit dem als eher links und außerordentlich dröge geltenden NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet der Wahl zum neuen CDU-Vorsitzenden zu stellen. Ausdrücklich wollen der junge und der alte Bewerber keine Doppelspitze darstellen, sondern ein Tandem, in dem Laschet lenkt und Spahn, der „Mann wie eine Walze“ („SZ“), sich als Stellvertreter bereithält, eines Tages die Erbfolge anzutreten. Spahn, der im letzten Rennen um den Parteivorsitz noch gegen Merz und AKK den Kürzeren gezogen hatte, schwenkt dabei vom konfrontativen Kräftemessen um auf die Kühnert-Linie: Lass sie alle sich ausprobieren. Du selbst bist jung genug, sie alle zu überleben. Und dann schlägt deine Stunde.

Gerade jedenfalls, so glaubt Spahn, schlägt sie noch nicht. Zu vieles liegt im Argen in der Union, die nach unendlichen Jahren unter der einsamen Führung Angela Merkels ausgezehrt und verwirrt wirkt. Zu vieles hat auch der von der Corona-Krise überraschte aufstrebende Alleskönner gemacht. Erst kleingeredet. Seuchenmatten und Atemmasken verschenkt. Alles im Griff! Dann gewarnt, mit ruhiger Stimme. Panik soll nicht aufkommen. Aber ein Satz wie der über die Atemmasken, die nur medizinisches Fachpersonal benötige, „alle anderen brauchen diese im Alltag nicht“, 
beunruhigt natürlich, wenn die Deutsche Bahn ihr Reinigungspersonal seuchenfest ausstattet.

Spahn aber hat jetzt noch nichts zu verlieren. Wer die Parteiführung jetzt übernimmt, tritt die Trainerstelle in einem Verein an, in dem es an allem fehlt. Es sind keine Spieler mehr da und kein Matchplan, es gibt keinen Etat, keinen Wunsch, in einer bestimmten Liga zu spielen, und weder Absicht noch Plan, es in die Champions League zu schaffen. Dafür müssen recht konkrete Probleme gelöst werden – eine Aufgabe, an der deutsche Politik seit 15 Jahren relativ stabil scheitert.

Teamlösung zur Verantwortungsverteilung

Die „Teamlösung“, wie sie Laschet ursprünglich vorschlug, um Merz auszubremsen, hätte das absehbare Versagen bei der notwendigen Parteireform auf mehrere Verantwortliche verteilt, Spahn aber zum Mitschuldigen am weiteren Niedergang gemacht. Das Tandem hingegen, in dem der zum Dank für späteren Dank sich bescheidende Spahn den Spannemann gibt, verwandelt ihn in einen Unverwundbaren. Da aus den Trümmern eines verunsicherten Politikerhaufens in keiner derzeit denkbaren Konstellation in Kürze eine Volkspartei neu erstehen wird, darf Spahn hoffen, mit jeder weiteren Spiralwindung Richtung Niedergang als Hoffnungsträger zu wachsen.

Für Spahn ist im Moment nur das wichtig. Er ist der Mann von übermorgen, er muss sich weiterhin bekannt machen, zeigen, dass er nicht nur der „jüngste und erfolgreichste Minister im Kabinett Merkel“ („FAZ“) ist, sondern auch, dass er mehr könnte, alles sogar – nicht wie die Kanzlerin, sondern besser als die. Und besser als Laschet sowieso.

Die anderen müssen siegen, Spahn kann warten

Sein Verzicht auf das höchste Parteiamt, das ihm die Partei ohnehin nicht gegeben hätte, ist so nur ein momentanes taktisches Manöver, mit dem Spahn seinen späteren Durchmarsch vorbereitet. Ihm kann es egal sein, ob Laschet das Rennen macht oder Merz oder der weitgehend belächelte Röttgen, der auf die Doppelkandidatur der beiden Kollegen Laschet und Spahn sofort mit der panikartigen Ankündigung reagierte, er werde eine Frau zu seinem Sozius machen.

Röttgen muss jetzt siegen, sonst wird es nichts mehr. Auch für Merz ist es der letzte Versuch, bundespolitische Bedeutung zu erlangen. Spahn dagegen kann warten, notfalls sogar eine ganze Legislaturperiode mit einem Kanzler Laschet lang. Danach wäre er, gerade erst Mitte 40 dann, im besten Alter, den Konservativen in einem schwarz-grünen Regierungstandem mit Robert Habeck zu geben.

Die Ära Armin Laschet wäre nur ein Zwischenspiel gewesen, eine Schrecksekunde, in der ein Merkel-Getreuer die Straße weiterfährt, auf die die Dauerkanzlerin des dritten Jahrtausends abgebogen ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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