04. Februar 2020

Junk-Umfrage von Forsa Die überstrahlende Merkel

Bei wem ist das „Land in guten Händen“?

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Meinungsumfrage: Bei wem ist das Land in guten Händen?

Forsa, das Institut, bei dem wir nie wissen, ob wir lachen oder weinen sollen, macht eine Meinungsumfrage für n-tv und RTL. Die Meinungsumfrage ist keine Reality Show, mehr eine Inszenierung in: wie man nicht befragt. Aus der letzten Meldung, die unter der Überschrift „Merkel überstrahlt alle Parteivorsitzenden“ steht und bei mir die Assoziation vom Einäugigen, der unter den Blinden König ist, auslöst, habe ich ein paar Stellen herausgenommen, um deutlich zu machen, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Das Ergebnis

„Auch zu Beginn des neuen Jahres führt Bundeskanzlerin Angela Merkel das Ranking der beliebtesten Politiker in Deutschland an. Mit 59 von 100 Punkten liegt Merkel im ersten Politiker-Ranking 2020 unverändert an der Spitze. Ihr folgt Grünen-Chef Robert Habeck mit 50 Punkten. Rang drei teilen sich SPD-Finanzminister Olaf Scholz und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU mit jeweils 46 Punkten.“

Die Messung

„Für das Politiker-Ranking ermittelt Forsa im Auftrag der Mediengruppe RTL regelmäßig, wie hoch das Vertrauen der Bürger zu den einzelnen Politikern ist. ‚Bitte geben Sie für den jeweiligen Politiker an, bei wem das Land in guten Händen ist‘, werden die Befragten gebeten. Dabei können die Befragten ihre Einschätzung auf einer Skala von 0 (‚ist überhaupt nicht in guten Händen‘) bis 100 (‚ist voll und ganz in guten Händen‘) abgeben.“ Was für ein Unsinn.

„Bei wem das Land in guten Händen ist“, ist eine Formulierung, die, wenn man sie hört, nicht wirklich die Assoziation „Vertrauen zu“ auslöst, besonders dann nicht, wenn es sich um eine relationale Abfrage, also den

Vergleich mit anderen handelt und die Wahl sich als eine Wahl des geringeren Übels darstellt. Dass Deutsche diese Wahl zwischen Skylla Merkel und Charybdis Habeck, Söder und den anderen als eine Wahl des kleineren Übels auffassen, dafür spricht der geringe Wert von 59 Punkten, den Merkel erreicht und der als solcher vollkommen leer, ohne Aussage ist.

Stellen Sie sich die lange Skala einmal vor, im Telefoninterview, denn Forsa macht Telefoninterviews. Der Wert, den Sie wählen, ist in jedem Fall ein zufälliger Wert, und wenn wir Sie in zwei Wochen wieder fragen, dann haben Sie keine Ahnung mehr, welchen Wert Sie vor zwei Wochen angegeben haben, es sei denn, sie haben „null“ (überhaupt nicht in guten Händen) oder „100“ (ist voll und ganz in guten Händen) gewählt. Insofern ist die Tatsache, dass sich die Werte von einer auf die nächste Woche bei Forsa ungefähr entsprechen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass der neue Wert irgendwie mit dem alten Wert gewichtet wird, sonst ginge das Ganze auf und ab wie eine Achterbahn.

Stellt man dies in Rechnung, dann ist 59 von 100 Möglichen ein lausiges Ergebnis. In einem Test wäre es gerade im Bereich von ausreichend. Die Abfrage von Forsa ist also einzig dazu gedacht, den Politiker, der aus welchen Gründen auch immer in Führung liegt, ob die Rohdaten seine Führung zeigen oder eine nachträgliche Gewichtung sie herstellt, das sei einmal dahingestellt, hochzujubeln. Dass dem so ist, zeigt auch die seltsame Formulierung: „Bitte geben Sie für den jeweiligen Politiker an, bei wem das Land in guten Händen ist“, die mit Vertrauen überhaupt nichts zu tun hat, aber als „Vertrauen“ ausgelegt wird.

Warum also die implizite Anspielung „Land in guten Händen“ an das Amt des Bundeskanzlers? Nun, unter Sozialforschern ist es ein offenes Geheimnis, dass Befragungen, an denen Amtsinhaber beteiligt sind, in den meisten Fällen einen Amtsinhaber-Bonus produzieren. So wie man in Nachwahlumfragen immer mehr Befragte findet, die von sich behaupten, sie hätten die Partei gewählt, die gewonnen hat, als zuvor, so findet man auch mehr Befragte, die dem Amtsinhaber einen Bonus über seine Konkurrenten (so es sie gibt) verleihen. Die Erklärung ist in beiden Fällen dieselbe: Man will nicht zugeben, dass man die Partei gewählt hat, die unterlegen ist, und man will nicht zugeben, in einem Land zu leben, in dem ein Amtsinhaber die Geschäfte führt, bei dem man die Vermutung hat, dass das Land bei ihm nicht in guten Händen ist.

Kurz: Die Forsa-Umfrage produziert eines dieser Artefakte, die für die politische Klasse so nützlich sind, und sie produziert dieses Ergebnis über den Trick einer viel zu großen Skala, die so absurd lang ist, dass allein die Nennung von null bis 100 bei jedem Normaldenkenden die Einsicht auslösen muss, dass mit so einem Unsinn nichts gemessen werden kann, das sich als valide oder verlässlich erweist. Soll es auch gar nicht, denn die absurde Monsterskala dient dazu, den Amtsinhaberbonus zu feiern, was bei einem Mittelwert von 59 (gerade ausreichend) ein absurdes Unterfangen ist.

Nicht absurd genug indes, als dass es nicht weit und breit berichtet würde. Ich antworte natürlich mit 19, nein 27, vielleicht auch 48,3 auf die Frage nach den guten Händen. Dieses Mal.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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