28. Januar 2020

Spirituelle Praxis Meditation

Nur esoterische Spinnerei?

von Max Reinhardt

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Bildquelle: shutterstock Nicht nur für Hippies: Meditation

Meditation – ist das nicht esoterische Spinnerei? Was soll das bringen, sich hinzusetzen, die Augen zu schließen und... was genau dann? Und ist das nicht sowieso nur was für Räucherstäbchen-Liebhaber, buddhistische Mönche und Eso-Hippie-Spinner?

Als ich neulich in meinem Umfeld gefragt habe: „Welche drei Begriffe assoziierst du am meisten mit Meditation?“, bekam ich zwar größtenteils positiv belegte Begriffe wie „Ruhe“, „Ausgeglichenheit“ und „Fokus“ zur Antwort, aber vereinzelt wurden auch negative Assoziationen wie „langweilig“, „nutzlos“ und „Weltflucht“ genannt.

Ich selbst bin Anfänger, was das Meditieren angeht. Ich kann nicht in der vollen Lotusposition sitzen, und an manchen Tagen meditiere ich viel zu kurz oder gar nicht, weil ich mich doch wieder vom Strom der Geschehnisse habe mitreißen lassen. Trotzdem ist mir inzwischen klar, dass Meditation ein mächtiges Werkzeug der Selbstermächtigung ist. Wie und warum, das möchte ich im Folgenden darstellen.

Was bedeutet Meditation denn überhaupt konkret? Wie geht Meditation? Man setzt sich hin, schließt die Augen und hält die Klappe. Dann bleibt man so sitzen. Wow, oder? Von außen gesehen passiert praktisch nichts. Und genau das ist der Punkt – alle Aufmerksamkeit steht nun für den Blick nach innen zur Verfügung. Das Wort „Meditation“ kommt wohl vom Lateinischen „meditatio“, was „Nachdenken“, „Nachsinnen“, „Vorbereiten“ und „Einüben“ bedeutet.

Jetzt könnte man einwenden, dass es beim Meditieren doch gerade darum geht, nicht nachzudenken, und dass daher die ursprüngliche lateinische Bedeutung nicht mit dem Begriff von heute zusammenpasst. Andererseits ist es natürlich so, dass der Zustand von „no-mind“, von reinem Bewusstsein ohne Gedanken, sicherlich das Ziel vieler Meditationen ist – dieser Zustand aber schwer zu erreichen ist, eben weil wir unweigerlich ins Nachdenken und Nachsinnen geraten, sobald wir uns hinsetzen, die Augen schließen und nach innen schauen.

Also was jetzt? Geht‘s jetzt darum, mal in Ruhe nachzudenken, oder darum, dem Denken eine Pause zu gönnen?

Bei Wikipedia heißt es: „Meditation ist eine in vielen Religionen und Kulturen ausgeübte spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. In östlichen Kulturen gilt die Meditation als eine grundlegende und zentrale bewusstseinserweiternde Übung. Die angestrebten Bewusstseinszustände werden, je nach Tradition, unterschiedlich und oft mit Begriffen wie ‚Stille‘, ‚innere Ruhe‘, ‚Leere‘, ‚Panorama-Bewusstheit‘, ‚Einssein‘, ‚im Hier und Jetzt sein‘ oder ‚frei von Gedanken sein‘ beschrieben.“

Andererseits heißen Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ in manchen Übersetzungen auch „Meditationen“ – was die ursprüngliche lateinische Bedeutung des Wortes stützt. Wenn man über den Begriff „Selbstbetrachtung“ nachdenkt, löst sich der Widerspruch zwischen Meditation als Pause vom Denken und Meditation als bewusstem Nachdenken auch zunehmend auf. Denn sich selbst zu betrachten, bedeutet, in eine Beobachterperspektive zu wechseln – was ermöglicht, die Identifikation mit den eigenen Gedanken und Emotionen zu lockern.

Wenn mein Geist die Leinwand ist, auf der der Film meiner Gedanken und Emotionen läuft, dann ist klar, dass ich nicht meine Gedanken und Emotionen bin. Sich das bewusst zu machen, ist natürlich besonders im Umgang mit negativen Gedanken und Gefühlen hilfreich. Das bedeutet nicht, die eigenen Gefühle und Gedanken zu leugnen. Ganz im Gegenteil, es bedeutet, genau hinzuschauen, sich selbst zu betrachten und zu akzeptieren, was da ist. Akzeptanz dessen, was ist, löst inneren Widerstand und anstrengenden Selbstbetrug auf – und setzt so neue Kraft frei.

Üblicherweise identifizieren wir uns stark mit unseren Gedanken und Emotionen. Das drückt sich beispielsweise in alltäglichen Formulierungen wie „ich bin wütend/traurig/genervt“ aus. Ich bin dann Emotion X. Wenn ich mich mit meinen Emotionen identifiziere, dann nehme ich sie sehr ernst – und lasse mir von etwas so Flüchtigem wie einem Gefühl einreden, wer ich bin. Ich bin dann beispielsweise ein trauriger Mensch – und da wir alle wissen, dass wir doch eigentlich glücklich sein sollen, verurteilen wir uns dann sogar noch dafür, was uns noch depressiver macht. Ein Teufelskreis.

Glücklicherweise ist dieser Teufelskreis leicht zu durchbrechen, indem man sich folgende einfache Tatsache klarmacht: Du bist das, was wahrnimmt – und nicht das, was wahrgenommen wird. Du magst vielleicht aktuell negative Gedanken und Gefühle haben – aber irgendwann hattest du auch schon mal andere. Und auch das hast du damals wahrgenommen. Und auch in Zukunft wirst du Gedanken und Gefühle wahrnehmen. Du nimmst immer etwas wahr. Dass du wahrnimmst, ändert sich nicht, was du wahrnimmst, ändert sich. Warum willst du dich also mit etwas so Flüchtigem wie Gedanken und Emotionen identifizieren, wenn doch dein wahrnehmendes Bewusstsein die einzige Konstante ist?

Sich mit seinen Gefühlen und Gedanken zu identifizieren, ist ungefähr so, als ob du Wolken und Himmel verwechselst. Wenn es wolkig ist – dann sind Wolken am Himmel. Aber die Wolken sind nicht der Himmel. Und sie ziehen vorüber. Während der Himmel bleibt. Dein Bewusstsein, das wahrnimmt und sich dieser Wahrnehmungen bewusst ist, das ist der Himmel auf dem die Wolken deiner Gedanken und Gefühle vorüberziehen. Manchmal ist das mit Sturm, Regen und Gewitter verbunden – aber auch das zieht vorüber.

Meditation mag zum Ziel haben, einen Zustand von no-mind, von reinem Bewusstsein ohne Gedanken, quasi die leere Leinwand oder den wolkenfreien Himmel, zu erreichen. Ein Ziel steht am Ende eines Weges – und es ist das Gehen des Weges, das Beschreiten des Pfades, das den Wanderer verändert. Sich zur Meditation hinzusetzen, die Beobachterperspektive einzunehmen und sich selbst zu betrachten – das ist der Weg, und darauf kommt es an. Natürlich ist es schön, wenn du den Zustand von no-mind und völligem inneren Frieden erreichst – tappe bloß bitte nicht in die Falle, zu glauben, dass Meditation für dich nicht funktioniert oder du es nicht kannst, weil du no-mind meistens nicht erreichst und die Gedanken und Gefühle nur so fliegen.

Noch mal: Akzeptanz dessen, was ist, durchbricht Teufelskreise. Wenn du glaubst, du meditierst nur dann „richtig“, wenn du nichts mehr denkst, dann versuchst du krampfig, etwas zu erreichen. Das wird nicht funktionieren und nur dazu führen, dass du frustriert darüber nachdenkst, dass du nicht nicht-denken kannst. Stattdessen: Beobachte und akzeptiere, was ist. Deine Gedanken und Gefühle, egal, welchen Inhalt sie haben.

Natürlich können bei diesen Selbstbetrachtungen Dinge ans Licht deines Bewusstseins kommen, um die du dich dann kümmern willst. Meditation soll nicht der Flucht vor der Realität dienen. Wenn du beim Meditieren beispielsweise immer wieder negative Gedanken oder Gefühle beobachtest und das dann akzeptierst und anerkennst, dann kannst du danach gelassen, quasi mit forschender Neugier, über die Ursachen dieser Negativität nachdenken. Und dann etwas daran ändern. Und das aus einer Welt-akzeptierenden Haltung heraus – statt aus einer Welt-leugnenden oder ‑ablehnenden.

Deswegen ist Meditation auch so ein mächtiges Werkzeug. Meditation ermöglicht, Herausforderungen gelassen anzugehen, und hilft dabei, sich nicht selbst im Weg zu stehen.

Also, warum meditierst du nicht regelmäßig? Vermutlich vor allem wegen des assoziierten Eso-Spinner-Images. Und weil in unserer Gesellschaft Verhalten, mit dem sich das Individuum entwickelt, stärkt und ermächtigt, generell oft als irgendwie merkwürdig, schräg oder freaky betrachtet wird – während schwächendes Verhalten wie zum Beispiel der Konsum von Alkohol und Massenmedien als normal betrachtet und nicht hinterfragt wird.

Wie oft ich im Laufe der Jahre kritisch gefragt wurde, warum ich „so hart“ trainiere, habe ich nicht gezählt. Wie oft ich im Laufe der Jahre gefragt wurde, warum ich meine Lebenszeit zum Beispiel mit Netflix verschwende, das weiß ich genau: null mal. Das Gleiche gilt auch für Meditation – niemand findet es merkwürdig, wenn du nicht meditierst und stattdessen noch zehn weitere Folgen von Serie XY guckst.

Deswegen frage ich jetzt: Warum meditierst du nicht? Wenn du keine Probleme im Leben hast und mit allem völlig zufrieden bist – cool, dann hast du das natürlich nicht nötig. Falls es jedoch noch Verbesserungspotential in deinem Leben gibt – warum nutzt du dann nicht so ein fundamentales Werkzeug, das immer und kostenfrei zur Verfügung steht? Nur wegen deiner Vorurteile und Assoziationen? Oder weil du Angst davor hast, was du in deinem Inneren finden könntest?

Abschließend noch zum Eso-Hippie-Image: In der Serie „Vikings“ gibt es eine Szene, in der Ragnar Lothbrok auf einen Felsen im Fjord von Kattegat steigt, sich hinsetzt und Stunden oder Tage aufs Meer hinausstarrt. Er meditiert. Über den bevorstehenden Kampf. Nach langer Meditation bricht er dann auf und tötet zahlreiche Feinde mit seiner Axt.

Wie esoterisch war das?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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