09. Januar 2020

Debatte über „Umweltsau“-Video Diese Oma

Links wie rechts Gesinnte wollen noch keine Ruhe geben

von Klaus Peter Krause

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Sorgt weiter für Aufregung: Oma, die „Umweltsau“

Diese „Oma“ will nicht sterben, die tiefgründige deutsche Seele keine Ruhe geben. Sie wissen schon: Es geht um jenes Lied, das in einem Video der Kinderchor des Westdeutschen Rundfunks (WDR) verballhornt singt, also das Lied, in dem die Oma – wie wir es bisher kannten – nicht als „ganz patente Frau“ besungen wird, sondern unfein als… na, sagen wir: Umweltsünderin. Nur Motorrad fährt sie weiterhin. Wer im Internet mit Suchworten wie „Oma“, „WDR“, „Hühnerstall“ und so weiter herumstöbert, sieht an der Fülle der Funde, was für ein dankbares Thema der WDR mit seinem Mädchenchor da losgetreten hat – als ob die Republik keine anderen Sorgen hätte.

Es war ein schöner Aufreger. Mit allem möglichen Für und Wider. Damit hätte es auch sein Bewenden haben können. Hat es aber nicht. Jetzt, als jüngste Entwicklung, haben sich rund 40 Autoren von Fernseh-Comedy-Sendungen zu Wort gemeldet. In einer gemeinsamen Stellungnahme erklären sie sich mit den WDR-Kollegen solidarisch; diese würden vom Sender „aufs Fahrlässigste alleingelassen“. Die Skandalisierung des Liedes folge gut bekannten Mustern rechter Internet-Trolle. WDR-Intendant Tom Buhrow sei mit seiner Reaktion auf den „künstlich erzeugten Skandal“ – er hatte sich mit einem eilfertigen Kotau öffentlich entschuldigt – in eine Falle getappt. Doch auch andere hatten noch keine Ruhe gegeben.

Demonstrationen vor dem WDR-Gebäude in Köln

Der „Münchner Merkur“ berichtet am 7. Januar auf seiner Online-Seite, auch im neuen Jahr koche die Debatte um das WDR-Video vom 27. Dezember 2019 weiter: „Am Samstag demonstrierten in der Kölner Innenstadt vor dem Gebäude des WDR Hunderte Menschen für und gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“ Der Grund sei jenes Lied gewesen, das im Netz einen „Shitstorm“ ausgelöst habe. Polizeiangaben zufolge sei es am Rande der Demonstrationen auch zu kleineren Tumulten und Rangeleien gekommen. Die Polizei habe Pfefferspray eingesetzt. Es habe sieben Anzeigen gegeben. Und weiter: „Verschiedene rechte Gruppen hatten zu einer Demonstration gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgerufen. Daran teilgenommen haben laut Polizei etwa 50 Menschen. Bei einer Gegenkundgebung kamen nach Schätzungen mehrere Hundert Menschen zusammen. Diese ist von dem Bündnis ‚Köln gegen rechts‘ unter dem Namen ‚Kein Einknicken vor Hass und Hetze – Klare Kante gegen rechts‘ organisiert worden. Unterstützt wurde die Gegenkundgebung unter anderem von der Gewerkschaft Verdi und dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV).“

WDR-Redakteure „fassungslos“ über ihren Intendanten

Auch WDR-Redakteure selbst attackieren ihren Intendanten. Am 4. Januar hatten sie einen Brandbrief geschrieben, in ihm darunter dies: „Liebe Kolleg*innen und Kollegen, wir sind – wie sicher viele von Euch – fassungslos: natürlich nicht über eine Satire, die Geschmackssache sein darf, nein, wir sind fassungslos, dass Intendant Tom Buhrow einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm so leicht nachgibt, sich vorschnell redaktionell distanziert und das (WDR 2)-Video mit dem satirischen Kinderlied nicht nur löschen lässt, sich nicht nur persönlich entschuldigt, sondern dabei mehrfach öffentlich (unter anderem live bei WDR 2) Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken fällt, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den ÖRR den Rücken zu stärken.“ Man sei „außerordentlich irritiert über diese eklatante Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit und das schlechte Krisenmanagement der Geschäftsleitung“. Es habe sowohl dem Ansehen als auch den Kollegen des WDR geschadet.

Die CSU phantasiert von einer Spaltung der Gesellschaft

Dann in sich steigernder Hysterie die inzwischen typischen Ausuferungen mit Ungeheuerlichkeiten: Gegen die WDR-Redakteure hat es Morddrohungen gegeben. Der WDR will seinen Mitarbeitern Personenschutz zur Verfügung stellen. Intendant Buhrow hat weitere rechtliche Schritte angekündigt. Ein missglücktes Video, so wird er zitiert, sei eine Sache, aber Morddrohungen eine ganz andere. Plötzlich heißt das Ganze sogar „Oma-Gate“, in völlig verdrehter Anspielung auf die kriminelle amerikanische Watergate-Abhöraffäre in Richard Nixons Amtszeit zwischen 1969 und 1974. Auch die CSU hat sich populistisch demonstrativ zu Wort gemeldet (am 6. Januar), aber nicht für, sondern gegen den WDR – als „Klare Haltung gegen Verunglimpfung und Diffamierung der älteren Generation“. In einem Tweet des offiziellen Partei-Accounts heißt es: „Wir lassen eine Spaltung der Gesellschaft nicht zu. Es ist völlig inakzeptabel, dass Jung gegen Alt aufgehetzt wird!“ (Quelle ebenfalls der „Münchner Merkur“.) Himmel, hilf.

Zwei Variationen des Oma-Themas in der „FAS“

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“) vom 5. Januar griff das Thema gleich in zwei Variationen auf. Auf Seite 9 liest man unter der Überschrift „Leg Dich nicht mit Oma an“ unter anderem: „Mit am merk­wür­digs­ten an die­ser an Merkwürdigkei­ten rei­chen Ge­schich­te ist der Vor­wurf, der WDR ha­be pau­schal ei­ne gan­ze Grup­pe, ja Ge­ne­ra­ti­on dif­fa­miert – mit Hil­fe des Bil­des ei­ner äl­te­ren Da­me, die im Hüh­ner­stall Mo­tor­rad fährt und mit ih­rem SUV äl­te­re Her­ren mit Rol­la­tor platt fährt. Ei­ne ty­pi­sche Ver­tre­te­rin ih­rer Ge­ne­ra­ti­on? Es ist, als wür­fe man Wil­helm Busch vor, durch die bö­sen Bu­ben Max und Mo­ritz pau­schal Deutschlands Kin­der zu verunglimp­fen.“

Die „Oma-Rächer“ und „Rentner-Ranschmeißer“ von der „Bild“-Zeitung

Autor Jörg Thomann macht sich über die „Oma-Rä­cher“ her, als die er „in ers­ter Reihe die Rent­ner-Ran­schmei­ßer von der ‚Bild‘-Zei­tung“ sieht. Er hält ihnen „ein weit är­ge­res Ste­reo­typ ent­ge­gen: das der ar­men, un­ter­drück­ten, miss­ach­te­ten Se­nio­rin. Die Omas – und die Opas – als ewi­ge Op­fer.“ Wer re­gel­mä­ßig in die „Bild“-Zei­tung schaue, der wisse, dass in die­sem Blatt der ent­rech­te­te Rent­ner zum Stamm­per­so­nal zähle. Thomann weiter: „Se­nio­ren tau­chen in ‚Bild‘ meist als be­mit­lei­dens­wer­te und da­mit trau­ri­ge Fi­gu­ren auf; die ge­mein­hin nur im Fa­mi­li­en­kreis ge­bräuch­li­chen Be­zeich­nun­gen ‚Oma‘ und ‚Opa‘ sor­gen für ei­ne un­an­ge­neh­me in­fan­ti­le No­te.“ Alles in allem eine intelligente Variation auf Bildungsniveau. Und ein Stück deutsche Gründlichkeit mit feuilletonistischem L‘art pour l‘art.

Wer fe­ri­en­be­dingt drei Ta­ge auf Twit­ter ver­passt hatte

„FAS“-Variation zwei (Feuilleton, Seite 39) ist betitelt mit: „O.k., Oma!“ Die Unterzeile lautet: „Ein Skan­dal um ein Lied und die öf­fent­lich-recht­li­che Hilf­lo­sig­keit“ und der erste Absatz so: „Ein ge­wal­ti­ger Riss geht durch die­ses Land, die Men­schen verstehen sich nicht mehr, und wer in den ver­gan­ge­nen Ta­gen er­le­ben woll­te, wie groß die­ser Riss ist, der muss­te nur, viel­leicht auf ei­ner Sil­ves­ter­par­ty, ei­nen Menschen tref­fen, der fe­ri­en­be­dingt drei Ta­ge auf Twit­ter ver­passt hat­te – und dann ver­su­chen, ihm den Skan­dal um ein um­ge­dich­te­tes Kin­der­lied zu er­klä­ren. War­um sich die harm­lo­se Sa­ti­re so gut als Vor­la­ge für die Mo­bi­li­sie­rung rech­ter Pro­tes­te eigne­te, war schon nicht ein­fach zu ver­ste­hen. Dass sich der WDR-In­ten­dant da­für live vom Kran­ken­bett sei­nes Va­ters ent­schul­dig­te, klang selbst wie ein Witz. Und wenn man dann er­wähn­te, dass sich am En­de so­gar der Mi­nis­ter­prä­si­dent in ei­ner Art vor­ge­zo­ge­ner Neu­jahrs­an­spra­che in die De­bat­te ein­ge­schal­tet hat­te, kam sich der Ge­sprächs­part­ner vor, als sei er nicht nur kurz in der Weih­nachts­pau­se ge­we­sen, son­dern meh­re­re Jah­re auf dem Mond.“

Allenfalls ein durchschnittlicher Gag über eine fiktive Großmutter

Autor Harald Staun setzt sich in dem Beitrag mit seiner rhetorisch gestellten Frage auseinander: „Wie aber konn­te es so weit kom­men, dass ein Song über ei­ne fik­ti­ve Groß­mut­ter, der nicht ver­let­zen­der war als ein durch­schnitt­li­cher Gag in ei­ner öffentlich-recht­li­chen Ka­ba­rettsen­dung, als Ver­leum­dung ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on re­zi­piert wur­de?“

Wenn denn eine Satire – aber auf was?

Die Parodie auf den klassischen Text des Oma-Kinderliedes geben deren Verfechter (wenn auch zu hochgegriffen) als Satire aus. Aber Satire auf was? Auf das Kinderlied selbst als dessen lustige Verballhornung? Wäre schön. Oder etwa auf den politisch fanatisiert-verbissenen Umweltschutz oder gar auf die unsinnige Klimaschutzpolitik? Könnte sein, ist aber unwahrscheinlich. Denn der WDR gehört selbst zu den eifrig einseitigen Verfechtern dieser Politik, und solche Typen nehmen sich nicht selbst auf die Schippe; sie sind zu bierernst deutsch. Und natürlich überaus politisch korrekt, ängstlich darauf bedacht, nicht anzuecken.

Also nur ein fröhlicher Spaß? Leider nein

Was man im Video sieht und hört: Die adretten Mädchen des Kinderchores schmettern das Lied fröhlich, beschwingt, unbeschwert, ohne Arg und mit großem Spaß an dem umgedichteten Text ins Mikrofon. Das ist – auch mit der eingängigen Melodie – unterhaltsam und sehr hübsch anzusehen. Also nur ein fröhlicher Spaß? Dem ließe sich mit Wohlwollen beipflichten, wenn denn das Video als harmlose Idee auch erfunden und in Szene gesetzt sein sollte. Das mag so sein. Doch müsste man die ursprüngliche Intention kennen und wissen, wie das Ganze wirklich entstanden ist. Leicht übersehbar ist allerdings ganz am Ende der von den Mädchen ganz schnell und schwer verständlich gesprochene Satz „We will not let you get away with this“ („Wir lassen euch damit nicht davonkommen“). Das sind die vielfach kolportierten Worte des Mädchens Greta Thunberg. Damit wird die Absicht klar und die Instrumentalisierung der Kinder deutlich. Das erstickt das Vergnügen an dem umgedichteten Oma-Lied nachhaltig.

Merkur.de: „Nach ‚Umweltsau‘-Lied im WDR: Konsequenzen von Buhrow gefordert“

Übermedien: „‚Eklatante Verletzung der Rundfunkfreiheit‘: WDR-Redakteure kritisieren Buhrow“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Mediales

Mehr von Klaus Peter Krause

Über Klaus Peter Krause

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige