07. Januar 2020

„Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache“ der Hansestadt Lübeck Der Gender-Doppelpunkt

Eine Wahnkrankheit

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: shutterstock Eine Wahnkrankheit: Leitfaden zur gendergerechten Sprache

Das Jahr fängt ja gut an. Man denkt doch immer, schlimmer geht‘s nimmer, und ertappt sich dann doch bei seiner eigenen Phantasiearmut. Denn es gibt gewählte Volksvertreter, mit denen die Phantasie immer wieder durchgeht – zum Beispiel bei der politischen Krankheit, die Genderitis heißt. Aufmacher in meiner Regionalzeitung auf Seite 1 am Freitag: „Lübeck führt Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache ein“. Es ist eine Anweisung für die über 3.000 bediensteten Mitarbeiter der städtischen Behörden. Die dürfen Arbeitnehmer jetzt nur noch „Beschäftigte“ nennen, Studenten nur noch „Studierende“, Teilnehmer nur noch „Teilnehmende“. Aus „Interessenten“ werden „Interessierte“, aus „Akteuren“ werden „Agierende“, aus „Rednerpult“ wird „Redepult“, aus „Teilnehmerliste“ wird „Teilnahmeliste“. Wo dergleichen nicht geht, ist der Gender-Doppelpunkt zur Pflicht gemacht, also „Bewohner:innen“, „Kolleg:innen“, „Senator:innen“, „Schüler:innen“, „Teilnehmer:innen“, und so weiter und so fort. Schauen Sie sich diesen sprachlich-grammatikalischen Schwachsinn im Original an (siehe Link unten, dort auf „Gendersensible Sprache“ klicken).

Törichtes vom Bürgermeister

Zehn Anwendungsbereiche listet der „Leitfaden für gendersensible Sprache bei derHansestadt Lübeck“ auf. Sie lauten: „Der Gender-Doppelpunkt“, „Genderneutrale Personenbezeichnungen“, „Genderneutrale Begriffe“, „Geschickte Umformulierungen“, „Geschlecht von Institutionen“, „Begrüßungen“, „Begriffe im Rahmen von Sitzungen oder Gremien“, „Anrede in Briefen und Emails“, „Anträge, Formulare und Bewerbungsverfahren“, „Zu guter Letzt: Wenn Frau von sich redet“. Und warum das Ganze? Lübecks Bürgermeister, Jan Lindenau (SPD), entblödet sich nicht, zu äußern, man wolle mit der Neuerung künftig alle Menschen ansprechen – „Frauen und Männer und jene, die sich nicht als Mann oder Frau beschreiben“. Lübeck als tolerante und weltoffene Stadt müsse diskriminierungsfrei kommunizieren.

Als Leitfaden-Herausgeber fungiert das „Frauenbüro“ der Stadt

Im Vorspann zum „Leitfaden“ schreibt als Herausgeber das Frauenbüro der Stadt: „Diese Vorgabe gilt für sämtlichen Schriftverkehr der Verwaltung (E-Mails, Präsentationen, Broschüren, Presseartikel, Drucksachen, Hausmitteilungen, Flyer, Briefe – und schließt somit auch Formulare ein). Verwaltungsintern geregelt in der Geschäftsanweisung ‚AGA II 1/68‘ ersetzt diese Regelung ab sofort die bisherige Regelung ‚AGA II 1/31‘ zu dem Thema.“ – „Die Formulierungsvorschläge sind nicht abschließend. Die Nutzung einer gendersensiblen Sprache ist für die meisten Beteiligten bei der Hansestadt Lübeck neu und bedarf des Mitmachens aller, um sprachliche Veränderungen lebendig zu machen und nach und nach weitere Ideen für gute Formulierungen als gute Beispiele zu verbreiten.“ Haben Sie richtig gelesen? Das Frauenbüro? Und wo ist, werden Sie fragen, das Männerbüro der Stadt? Wenn man schon Angst hat, der Diskriminierung bezichtigt zu werden, dann muss es doch bitte auch ein Männerbüro geben.

Für so etwas hat die Stadtverwaltung Zeit

Für so etwas hat die Stadtverwaltung Zeit, die mit Geld auch zu bezahlen ist – mit unserem Geld. Ungebildete, schleimige Politiker verhunzen die deutsche Sprache. Sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, dass Wörter wie „Redner“, „Bewohner“, „Kollegen“ als Gattungsbegriffe zu verstehen sind, die solche weiblichen Wesen, die ebenfalls zu reden, zu wohnen und Kollegen zu sein pflegen, einschließen und nicht ausschließen, sie mitumfassen. Zur Verbindlichkeit des Leitfadens liest man: „Im Sinne einer identitätsstiftenden Funktion von Sprache und zur Unterstützung des Wir-Gefühls ‚Wir für Lübeck‘ ist es wichtig, dass in der Lübecker Stadtverwaltung eine gemeinsame Sprache gesprochen wird. Darum gilt es, die neue Sprachregelung in der gesamten Stadtverwaltung anzuwenden.“ Im Juni 2019 hatte sich sogar eine Einwohnerversammlung für eine gender-gerechte Sprache ausgesprochen. Aber repräsentativ ist die nicht.

Kritik von Lübecker Bürgern, aber nicht nur

Immerhin, die neuen Regeln mit dem Gender-Doppelpunkt lösen – so teilt die Aufmacherüberschrift meines Lübecker Blattes ebenfalls mit – unter den Lübecker Bürgern eine Debatte aus. Wohl gebe es in den Sozialen Medien für den Vorstoß Lob, aber: „Immer wieder tauchen auf Twitter und Facebook Fragen auf wie ‚Kann sich Lübeck bitte um wirklich Wichtiges kümmern?‘ In diversen Kommentaren äußern Bürger ihre Sorge um die deutsche Sprache und verweisen auf Lübecks literarische Bedeutung (‚Den Buddenbrooks würden die Haare zu Berge stehen‘, ‚Thomas Mann würde sich im Grabe umdrehen‘).“ Von den Kommentaren aus den städtischen Parteien zitiert mein Regionalblatt auch den CDU-Fraktionsvorsitzenden Oliver Prieur: „Es gibt Wichtiges zu tun, es ist aber auch nicht der Untergang des Abendlandes, sprachlich ist es nicht mein Geschmack.“ Nein, der Untergang des Abendlandes nicht, aber der deutschen Sprache.

Professor Krämer: Ein grässliches Deutsch

So sieht es auch Professor Walter Krämer, der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache (VDS). Er nennt es „grässliches Deutsch“, es komme dem Ausverkauf der deutschen Sprache gleich. Der Doppelpunkt sei ein Satzzeichen und nichts, was man aktiv sprechen könne. Er hindere (wie auch das Gender-Sternchen oder das Binnen-I) den Lesefluss und stifte mehr Verwirrung, als dass er Klarheit schaffe. Und: „Die Stadt Lübeck setzt sich über amtliche Regeln der deutschen Rechtschreibung hinweg und macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt.“

Die Genderitis ist eine Wahnkrankheit. Ärztlich heilbar ist sie nicht, nur politisch

Ach, was ist die einstige „Königin der Hanse“ doch heruntergekommen. Dass andere Städte schon längst so verfahren wie Lübeck jetzt auch, macht die Sache nicht besser. Einen Kommentar ist der Unfug meinem Regionalblatt nicht wert. Eigentlich auch nicht nötig und sogar verständlich, denn der Unfug kommentiert sich selbst als das, was er ist. Die Genderitis ist eine Wahnkrankheit. Ärztlich heilbar ist sie nicht, nur politisch. Das heißt: Da müssen die Wähler ran, die vom Wahn noch nicht befallenen. Das heißt: Sie müssen den Politikern einheizen. Aber geht das mit den Lübeckern? Auch sie sind Deutsche. Und die lehnen sich selbst gegen weiteren Freiheitsentzug bekanntlich schwer auf, zumal gegen die Obrigkeit.

Hansestadt Lübeck: „Fachpublikationen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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