01. Januar 2020

Gedanken zum neuen Jahr Ewige Wiederkunft

Rituale als Weg der Selbstermächtigung

von Max Reinhardt

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nichtlineare Zeit: Ewige Wiederkunft

Ist nicht alles zyklischer Natur? Der Zyklus des Ein- und Ausatmens. Der Zyklus aus Tag und Nacht. Ebbe und Flut. Die vier Jahreszeiten. Wirtschaftliche Zyklen. Sich wiederholende Geschichte. Aufstieg und Fall, Expansion und Zusammenbruch. Sich immer wiederholende Muster und Abläufe in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und, je nachdem woran man glaubt, der Zyklus aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

Heute beginnt der Zyklus eines Jahres von neuem. Wollen Sie 2020 so leben, wie Sie 2019 gelebt haben, oder möchten Sie diesmal etwas anders machen?

Bei Friedrich Nietzsche gibt es die Idee der Ewigen Wiederkunft. Die Ewige Wiederkunft des Gleichen ist ein zentraler Gedanke in seiner Philosophie, dem zufolge sich alle Ereignisse unendlich oft wiederholen.

Nietzsche schrieb: „Das größte Schwergewicht. – Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: ‚Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!‘ – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: ‚Du bist ein Gott, und nie hörte ich Göttlicheres!‘ Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei allem und jedem ‚Willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?‘ würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach nichts mehr zu verlangen als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?“

Der Gedanke, dass sich unser Leben immer und immer wieder genau gleich – auch mit allem Leid und all unseren Fehlern – wiederholt, kann sicher deprimieren. Zumal uns die Ewige Wiederkunft in letzter Konsequenz unseres freien Willens beraubt. Es kann keinen freien Willen geben, wenn alles immer und immer wiederkehrt. Jeder Augenblick ist dann nur Teil eines bereits fest definierten endlosen Kreislaufs.

Gleichzeitig finden wir in der Ewigen Wiederkunft jedoch auch Trost: Der Tod ist nicht das Ende, sondern lediglich Ausgangs- und Endpunkt eines Zyklus. Viel wichtiger jedoch: Die ewige Wiederkunft unterstreicht die Bedeutung unserer Handlungen im Jetzt. Was auch immer wir in der Gegenwart tun, wird immer und immer wieder zu uns zurückkommen. Ist das nicht die ultimative Mahnung, jeden Tag zu nutzen, sich anzustrengen und seine Träume zu verwirklichen?

Das Konzept der Ewigen Wiederkunft beantwortet damit auch die Frage nach dem „Sinn des Lebens“: Er besteht darin, ein Leben zu leben, das man gerne immer und immer wieder genauso leben würde.

Den Kreis der Zeit, den Nietzsche mit seiner Ewigen Wiederkunft beschreibt, finden wir im Kontext von gesellschaftlicher Kontrolle auch bei George Orwell wieder: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Was bedeutet das für uns als Individuen? Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit, und wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Somit geht letztlich alle Kontrolle von der Kontrolle der Gegenwart aus. Und die Gegenwart besteht immer aus dem jetzigen Augenblick. Das impliziert, dass derjenige die Zukunft kontrolliert, der Herr und Meister seiner Zeit ist. Nur wer seine Lebenszeit ganz bewusst verwendet, kann sich ein Leben aufbauen, das er gerne immer und immer wieder genau gleich leben würde.

Auch Nietzsche selbst betont die Bedeutung des einzelnen Augenblicks. Er beschreibt als Zarathustra in „Also sprach Zarathustra“, Kapitel „Vom Gesicht und Rätsel“, zwei Wege: „Einer kommt aus der Vergangenheit, einer aus der Zukunft. Sie treffen sich an dem Torweg, wo ich jetzt stehe. Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus – das ist dieandre Ewigkeit. Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf: – und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammenkommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: ‚Augenblick‘.“

Wir haben also einerseits die Betonung des einzelnen Augenblicks, des Jetzt, als einzig möglichen Ansatzpunkt für unser Handeln – und andererseits die Ahnung, dass unsere lineare Wahrnehmung von Zeit vielleicht nur einem kleinen Ausschnitt der Realität entspricht und sie in Wahrheit – wie die Jahreszeiten und unsere Atmung – zyklisch verläuft.

Dass Zeit konträr zu unserer Wahrnehmung nicht rein linear verläuft, korrespondiert auch mit Quantenphysik und Relativitätstheorie: Seit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie wissen wir, dass die Gravitationswirkung großer Massen die Zeit dehnt. Eine Uhr läuft deshalb im Tal ein klein wenig langsamer als auf einem Berggipfel – das ist tatsächlich messbar. Verschiedene Phänomene der Quantenmechanik wie beispielsweise Überlagerung und Verschränkung stellen unser gewöhnliches Verständnis von Zeit noch weiter in Frage.

Und auch in der nordischen Mythologie ist die Idee von nicht-linearer Zeit angelegt: Die Nornen, die drei Schicksalsfrauen, sitzen am Fuße des Weltenbaumes Yggdrasil und spinnen ihre Schicksalsfäden. Sie heißen Urd, Verdandi und Skuld und stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sind älter als alle Götter und sogar älter als der Urzeitriese Ymir, aus dessen Leichnam Odin und seine Brüder die Welt erbauten. Die Nornen haben keinen Ursprung, sie sind älter als die Welt, und ihr Schicksalsfaden kontrolliert sogar die Götter. Und Urd, Verdandi und Skuld spinnen ihre Schicksalsfäden, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gleichzeitig – woraus sie das Wyrd, das allgemeine Geschick der Welt, weben. Das bedeutet, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig stattfinden. Oder vielleicht besser, dass die drei Zeitebenen parallel existieren – eine Idee, die beispielsweise auch in der Serie „Dark“ eine fundamentale Rolle spielt.

Einerseits haben wir also sowohl bei Nietzsche als auch in der Physik und in der nordischen Mythologie Argumente für ein alternatives Zeitverständnis – was tendenziell die Idee von Vorbestimmung, von Schicksal, stützt. Denn wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht rein linear der Reihe nach ablaufen, inwieweit können meine Handlungen, aufs ganze Wyrd gesehen, dann wirklich einen Unterschied machen? In einer sowohl nach vorne als auch nach hinten unendlichen Zeit, in der alles bereits geschehen ist und immer und immer wieder geschehen wird, gibt es nichts mehr zu wollen, zu kämpfen, zu erreichen – man kann nur brav das vorgegebene Programm abspulen.

Und andererseits haben wir eben sowohl bei Nietzsche und Orwell als auch in der nordischen Mythologie die Wichtigkeit der Gegenwart, des Augenblicks, als einzigen Ansatzpunkt zur Selbstbestimmung unseres Lebens. Handeln, und damit vielleicht unser Schicksal beeinflussen, können wir immer nur im Jetzt.

Die Idee, das eigene Schicksal durch Taten selbst zu bestimmen, drückt sich zum Beispiel in der nordischen Mythologie durch Odins Selbstopfer für sich selbst aus. Sein Handlungen implizieren den Glauben an Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle des eigenen Schicksals. Und auch Nietzsche betont immer wieder, dass der Mensch sich seinen Wertekompass selbst konstruiert – und womit könnte man sein Schicksal wohl fundamentaler selbst beeinflussen als mit der Wahl der eigenen Werte, des eigenen seelischen Nordsterns?

Gleichzeitig muss aus einer konsequent deterministischen Perspektive natürlich genau diese Wahl als vorbestimmt betrachtet werden. Ein scheinbar unauflösbarer Knoten – und vor allem: Was bedeutet all das für unseren Alltag, für unser Leben in der Gegenwart?

Liegt die Lösung vielleicht darin, freien Willen und Vorbestimmung miteinander zu vereinen?

Odin, als archetypischer Adept des Pfades zur linken Hand, glaubt offenbar daran, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Seine Selbstopfer sind Ausdruck von Eigenverantwortung, und Eigenverantwortung braucht niemand übernehmen, der glaubt, das Schicksal sei unverrückbar. Doch als Odin die letzten Tage, Ragnarök, den Weltenbrand, vorhersieht, erkennt er, dass er und die anderen Götter diesem Schicksal nicht entgehen können. Der Tod ist gewiss, und trotzdem, oder gerade deswegen, ziehen sie entschlossen in die letzte Schlacht.

Widersprüchlich, oder? Die Ermordung Ymirs, die Erschaffung der Welt, Selbstopfer und das Streben nach Weisheit auf der einen Seite – die schicksalsergebene Akzeptanz des eigenen Untergangs auf der anderen Seite. Das impliziert, dass Schicksal und freier Wille sich nicht gegenseitig ausschließen. Die Nornen spinnen den Schicksalsfaden, aber sind ihre Spinnräder fein genug für jedes Detail? Werden vielleicht nur die größten Ereignisse fest miteinander verknüpft, während dazwischen Raum für freien Willen bleibt? Bin ich so wichtig, dass die Nornen sich die Mühe machen, mein Leben in ihren Schicksalsfaden zu spinnen?

Ich glaube an freien Willen zu einem gewissen Grad. Ich wurde geboren, das kann ich nicht beeinflussen. Ich werde sterben, das kann ich nicht beeinflussen. Aber alles dazwischen? Dazwischen entscheide ich mich dazu, an meinen freien Willen zu glauben. Und mit diesem freien Willen kann ich mein Leben zu einem gewissen Grad selbst bestimmen.

Die Entscheidung, an freien Willen zu glauben, ist zwar fundamental, aber für sich genommen rein abstrakt. Erst durch tatsächliche Handlungen in der physischen Welt wird dieser Glaube wirksam. Und die große Mehrzahl unserer Handlungen vollziehen wir unbewusst, auf Autopilot, aus Gewohnheit. Und eben diese Gewohnheiten bestimmen zu einem Großteil den Lauf unseres Lebens. Wir Menschen sind die sprichwörtlichen Gewohnheitstiere. „Wir sind das, was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit“, sagt Aristoteles.

Wenn Sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollen, dann müssen Sie Ihre Gewohnheiten kontrollieren – statt sich von Ihren Gewohnheiten kontrollieren zu lassen. Das bedeutet, sich Gewohnheiten anzueignen, die Sie Tag für Tag Ihren Zielen ein kleines bisschen näher bringen.

Diese sinnvollen Gewohnheiten, die Sie sich absichtlich erschaffen haben, sind Rituale. Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein, zum Beispiel Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier und so weiter.

In unserer entzauberten Welt wirkt das Wort „Ritual“ zunächst weltfremd. Vermutlich ist bisher nichts in Ihrem Alltag verankert, das Sie „Ritual“ nennen. Bewusst gewählte Rituale können jedoch äußerst sinnvoll sein.

Rituale sind sinnvoll, wenn sie Sie in irgendeiner Weise stärker machen. Damit meine ich sowohl körperliche als auch mentale Stärke und Wissen. So könnten Sie beispielsweise morgens beim Kaffee fünf Minuten lang etwas dazulernen, etwa indem Sie ein Youtube-Video über eine Ihrer Interessen schauen oder darüber lesen und sich Notizen dazu machen. Ein simples Morgenritual. Das Entscheidende ist die Regelmäßigkeit.

Für mich persönlich ist seit über zehn Jahren Krafttraining ein regelmäßiges Ritual. Der kalte Stahl im Gym, große Übungen wie Kreuzheben, der Protein-Shake beim Training – alles Teil des ritualisierten Kampfes für ein selbstbestimmtes Leben. Wie will man sein Leben im Griff haben, wenn man nicht mal seinen Körper im Griff hat? Diese Rituale finden in meinem Tempel statt. Ein Tempel ist ein Ort, an dem Gläubige rituelle Handlungen vollziehen. Ich glaube an mich selbst und an meine Kraft. Meine Rituale sind Konzentration, schweres Eisen und harte Sätze. Mein Tempel ist das Gym, der Kosmos von Stahl, Schweiß und Disziplin.

Früh aufstehen ist ein weiteres sinnvolles Ritual. Wenn die Welt noch schläft, hat man Zeit für sich. Ich persönlich stehe werktags um 4:45 Uhr auf – das gibt mir mindestens eine Stunde, in der ich ungestört daran arbeiten kann, voranzukommen. So beginnt man den Tag mit einer Stunde Arbeit an sich beziehungsweise für sich selbst und weiß schon auf dem Weg zur Arbeit, dass man heute bereits etwas Sinnvolles getan hat.

Sowohl Krafttraining als auch um 4:45 Uhr aufzustehen sind Rituale, die für mich Sinn machen. Für Sie machen vielleicht ganz andere Rituale Sinn. Mein abschließender Appell ist jedoch, sich ein Ritual zu erschaffen, das wahrscheinlich für fast jeden Menschen sinnvoll ist: Nehmen Sie sich jeden Sonntag eine halbe Stunde Zeit, setzen Sie sich mit einem Getränk und Schreibzeug hin und stellen Sie sich folgende Fragen: Habe ich die ausklingende Woche so gelebt, dass ich sie gerne immer und immer wieder genauso leben würde? Falls ja, was muss ich tun, damit ich auch weiterhin so leben kann? Falls nein, was muss ich tun, damit ich die erste Frage am nächsten Sonntag mit Ja beantworten kann?

Und einmal im Jahr, zum Jahreswechsel, wenn ein Zyklus endet und ein neuer beginnt, stellen Sie sich die gleichen Fragen bezogen auf das ausklingende Jahr.

Sie sind der Herr und Meister Ihres Lebens – lassen Sie sich nicht von Ihren Umständen und Ihren Gewohnheiten kontrollieren, sondern kontrollieren Sie Ihre Umstände und Ihre Gewohnheiten. „Sie sind der Meister Ihres Denkens, der Gestalter Ihres Charakters und der Macher und Former Ihres Befindens, Ihres Umfelds und Ihres Schicksals“ (James Allen).

Sich sinnvolle Rituale zu erschaffen, ist dabei ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Selbstermächtigung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Max Reinhardt

Über Max Reinhardt

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige