01. Januar 2020

Debatte über Kinderchor-Video „Oma, die alte Umweltsau“ Es geht nicht um ein Lied, es geht um die Meinungshoheit

Deshalb dürfen wir die Diskussion nicht beenden

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: shutterstock Worum es in der Debatte wirklich geht: Kampf um die Meinungshoheit

Die Reaktion auf das Hasslied des WDR hat die Inhaber der Meinungshoheit erschreckt, aber es war kein heilsamer Schrecken. Weit davon entfernt, sich zu fragen, was wohl falsch daran war, eine ganze Generation zu verunglimpfen und ihr am Ende nicht näher bezeichnete drastische Sanktionen anzudrohen, wird versucht, alle Kritiker wieder mit der Nazikeule mundtot zu machen.

Dabei offenbaren sich Abgründe. Euronews verbreitet allen Ernstes eine Meldung, dass „Handy-Videos wie das von Mariella aka GMTK“ auf Twitter „Rechtsextreme“ zeigten, „die vor dem WDR in Köln ‚Oma, Oma über alles‘ – im Stil der verbotenen dritten Strophe der deutschen Nationalhymne – singen“. Naja, wer die Nationalhymne nicht singt, kann auch nicht wissen, dass sie aus der dritten Strophe des „Liedes der Deutschen“ von August Heinrich Hoffmann besteht. Als Qualitätsjournalist muss man sich in solchen Feinheiten nicht auskennen, Hauptsache, die Haltung stimmt. Die auf dem Video zu sehenden „Rechtsextremen“ sehen eher wie normale Bürger aus, aber das genügt schon, um abgestempelt zu werden.

Euronews ist kein Einzelfall. Auch Qualitätsblätter wie der „Tagesspiegel“ und der „Focus“ berichten über „Rechtsextreme“ vor dem WDR, wobei als „Beleg“ die Äußerungen eines nicht näher benannten Polizeisprechers angeführt werden, mindestens einer der über 100 Teilnehmer habe eine von Rechten bevorzugte Jacke getragen. Ein Beweis dafür wird nicht geboten. Vom Anmelder der Demo wird gesagt, dass man nicht wisse, ob er rechten Kreisen nahestehe. Dieses Framing reicht als Diffamierung völlig aus.

Der freie Mitarbeiter des WDR, der sich mit seinem Nazisau-Tweet die 15 Minuten Ruhm ertwittert hat, legt bei seiner ihm offenbar nahegelegten Entschuldigung für seine Entgleisung („Ich hatte nicht die Absicht, jemanden persönlich zu beleidigen“) nach: „Explizit möchte ich aber ebenso deutlich jene von dieser Entschuldigung ausschließen, die mich seit gestern mit Gewalt- und Todesdrohungen überhäufen.“

Hat er über diese Behauptung hinaus stichhaltige Beweise für die Morddrohungen vorgelegt? Wenn es die Morddrohungen nicht gegeben hätte, hätte man sie erfinden müssen, denn sofort ist aus dem wüsten Hetzer ein armes Opfer geworden, dessen Schutz jetzt vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) von den Verantwortlichen beim WDR gefordert wird.

Selbstverständlich darf man einem an Leib und Leben Bedrohten auch keine Konsequenzen für sein Fehlverhalten zumuten. Auch Georg Restle macht sich für den freien Mitarbeiter stark und stellt sich damit gegen seinen Sender: „Freie Mitarbeiter sind die schwächsten Glieder im ÖRR. Wenn sie öffentlich bedroht werden, müssen wir uns hinter sie stellen. Unabhängig davon, ob uns gefällt, was sie veröffentlichen. Nennt sich Meinungsfreiheit. Nennt sich Standhaftigkeit – gegen die Feinde der Demokratie.“

Wie bitte? Wer sich Kritik an Ausfälligkeiten eines Senders erlaubt, der ist ein Feind der Demokratie? Eine interessante Einlassung, die zeigt, dass Restle, der immerhin Chefkommentator des WDR ist, keine Ahnung hat, was Demokratie ausmacht.

Bezeichnenderweise wird eine Kampagne gegen Tom Buhrow losgetreten, dem man seine Entschuldigung vorwirft. Das Böhmermännlein, das sich mit seinem Gehalt, das vom Gebührenzahler zwangsweise für seine zweifelhaften Satiren berappt werden muss, natürlich Biofleisch leisten kann, mokiert sich über alle, die sich ihr Fleisch beim Discounter kaufen müssen, und fordert mit seiner Aktion Reconquista Internet: „Es wird Zeit, dass Player der medialen Öffentlichkeit so langsam mal Kompetenzen in der Einschätzung von Onlinereaktionen aufbauen. Was rund um umweltsau gerade passiert, ist keine organische Reaktion, sondern wird aus rechten Gruppen systematisch befeuert und instrumentalisiert.“

Damit macht er zugleich klar, was er von seinen Zuschauern hält. Sie sind für ihn keine mündigen Bürger, die sich ihre Meinung selbst bilden, sondern von „rechten Gruppierungen“ befeuert.

In diesem Chor darf die „Aufsteigerin des Jahres“, die neue SPD-Vorsitzende Saskia Esken nicht fehlen. Sie hat ein erstaunliches Gespür dafür, ihre Wähler vor den Kopf zu stoßen: Nach der Entgleisung des WDR empört sie das Entsetzen darüber. Wörtlich: „Was darf Satire? Mich beunruhigt das, wenn Journalisten, Medienschaffende, Künstler in diesem Land keine Rückendeckung haben, weil Verantwortliche einem Shitstorm nicht standhalten. Mich beunruhigt das sehr.“

Die Vorsitzende der mitgliederstärksten Partei Deutschlands hat keine Ahnung, dass die Stigmatisierung von Menschengruppen, ob mit Satire oder ohne, zum Handwerkszeug der totalitären Diktaturen des letzten Jahrhunderts gehört hat und in der Regel für die Stigmatisierten tödliche Konsequenzen hatte. Mich entsetzt eine solche Geschichtsvergessenheit einer deutschen Parteiführerin.

Das alles zeigt, dass es in der Auseinandersetzung nicht um ein Lied geht, sondern um die Meinungsmacher, die sich immer unverhohlener der Umerziehung der in ihren Augen zurückgebliebenen Massen widmen, die endlich auf die politisch korrekte Linie gebracht werden müssen. Deshalb dürfen wir die Diskussion nicht beenden, sondern müssen klarmachen, dass wir uns auch in Zukunft unsere eigene Meinung nicht nehmen lassen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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