31. Dezember 2019

Großbritannien vor dem Brexit I see black – Die Briten machen the bend

Werden wir nicht mehr mit britischem Humor subventioniert?

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: shutterstock Lässt uns allein: Perfides Albion

Oh Albion, perfides! Nun wirst du also in den Orkus verschwinden. Das elende Schicksal anderer Nicht-EU-Länder wirst du teilen. Blicke auf die Schweiz, blicke auf Norwegen, Island und Liechtenstein und sieh, was dir blühen wird!

Nein, nicht das Gleiche! Schlimmer. Denn die waren zu ihrem Glück nie zuvor dabei. Aber ihr! Etliche Jahre habt ihr das Spiel mitgemacht, wenn auch notorisch brummelnd und mit eigenem Geld. Damit Prinz Harry, als er noch naughty war, Stripperinnen Scheine in die Tangas stecken konnte, auf denen die eigene Großmutter abgebildet ist.

Ja, ihr habt mitgemacht und wollt jetzt nicht mehr. Netter Versuch! Aber es gibt nun einmal Organisationen, denen man niemals bei lebendigem Leibe entrinnen kann. Das galt und gilt schon immer für gewisse Vereinigungen, die sich Al Capone oder Al Lah verschrieben haben. Deren Apostaten hatten allerdings noch eine kleine Chance, weitgehend ungeschoren davonzukommen. Eine neue Identität, Zeugenschutz, Personenschutz rund um die Uhr – zwar ungemütlich, aber nicht völlig aussichtslos. Aber wohin wollt ihr, mit euren Inseln? Wie habt ihr euch das vorgestellt? Den Tunnel fluten? Einen Hadrianswall rund um alles mauern? Nein, ich sage euch: Ihr spinnt. Never ever wird euch die EU ungeschoren davonkommen lassen.

Das Elend wird bei euch Einzug halten. Worcestersauce und Baked Beans werden mit EU-Strafzöllen belegt. Kleine Knaben werden wieder als lebende Besen durch die Schornsteine rutschen müssen, anstatt freitags für Future auf die autofreien Straßen zu gehen, wie in jedem anständigen EU-Land. Kleine Mädchen werden wieder mit fadenscheinigen Hemdchen im Londoner East End an den Ecken stehen und auf Gentlemen warten. Den Erlös setzen sie in billigen Gin für ihre Mütter um. Verwahrlosung und Verbrechen werden rasant zunehmen, vor allem Raub und Mord, und hier und da wird sogar wieder geraucht. Das Trinkwasser wird immer schmutziger, so dass die Menschen gezwungen sein werden, Ale, Stout, Porter und Lager in sich zu kippen, um nicht zu verdursten. Teebeutel kann sich niemand mehr leisten. Die Lage der arbeitenden Klasse in England wird von Woche zu Woche dramatischer. Und Jack the Ripper wird auferstehen und... ach, ihr werdet schon sehen. Banden von Großmüttern werden arglose junge Männer belästigen. Die königliche Familie wird verarmen, Charles muss die Ohren anlegen, dem Duke of Edinburgh fallen keine spaßigen Begrüßungen mehr ein („Guten Tag, Herr Reichskanzler!“, 1997 zu Helmut Kohl), und die Queen wird kein Geld mehr für die Moorhuhnjagd haben, was binnen kürzester Zeit eine ungeheure Moorhuhnplage zur Folge haben wird. Im ganzen Land, bis hinunter zu den White Cliffs of Dover. Die Insel wird zuletzt versinken in Moorhuhnscheiße.

So und schlimmer dürfte es kommen. Vorbei gemütliche Treffen von EU-Kommissaren wie das, von dem Automoderator Jeremy Clarkson einmal erzählte: Ein Italiener, ein Franzose, ein Deutscher und ein Engländer kommen zu einem abendlichen Dinner zusammen. Der Italiener kümmert sich um das Essen, der Franzose um die Weine, und der Engländer erklärt dem Deutschen die Witze.

Ach, Briten. Wie könnt ihr uns nur mit der EU alleine lassen? Findet ihr das lustig? Soll das der lustigste Witz der Welt sein? Den hat einst ein gewisser Ernest Scribbler aus Finchley, Greater London, for King and Country im Kampf gegen die Hunnen und Boches erfunden, aber dieser Witz wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs ob seiner zuverlässig tödlichen Wirkung in einem unterirdischen Bunker nahe Ivy Cottage, Worplesdon Road, Hull, weggeschlossen und wird seitdem rund um die Uhr bewacht. Aber das Schlimmste: Der drittgrößte Nettozahler in der EU fällt mit euch ersatzlos weg.

Werdet ihr uns fortan auch nicht mehr mit eurem Humor subventionieren? Als Besitzer zweier klassischer englischer Autos habe ich diesen in seiner ganzen Tragweite über inzwischen mehr als 30 Jahre schätzen gelernt. Alleine das, was ihr als „Autoelektrik“ bezeichnet, besitzt mehr Witzpotential als jede noch so deutsche Comedyshow. „Lucas the Best under the Sun“ („Lucas – das Beste unter der Sonne“), damit warb die für jedes denkbare elektrische Versagen zuständige Firma Lucas Industries. Dieser, warum auch immer, war jahrzehntelang die Verantwortung für Licht, Zündung und Heizung gnadenlos ausgeliefert. Lucas produzierte ganz besonders unzuverlässige Magnetzünder, Verteiler, Scheinwerfer, Kabelbäume, Scheibenwischermotoren, Startermotoren und ähnliche Zulieferteile. Geplagte Generationen von Autofahrern neigen aus gutem Grund einem anderen Slogan zu: „Lucas – Get home before dark“ („Lucas – kommen Sie nach Hause, bevor es dunkel wird“). Firmengründer Joseph Lucas erhielt aus diesen Gründen den wenig schmeichelhaften Titel „Prince of Darkness“ („Prinz der Dunkelheit“). Lucas, so die Legende, war nicht nur der Erfinder des Kurzschlusses, sondern auch der elektrischen Wegfahrsperre und des selbstdimmenden Abblendlichtes. Lucas-Lichtschalter besitzen standardmäßig drei Stellungen: gedimmt/flackernd/ganz aus. Instrumente in einem englischen Auto brauchen nachts keine Beleuchtung. Es ist egal, welches man betätigt, sie funktionieren alle nicht. Und die Vorliebe der Engländer für warmes Bier rührt daher, dass Lucas auch eine Zeitlang Kühlschränke herstellte.

Derzeit amüsiere ich mich königlich über eine englische Fernsehserie. Sie heißt „Black Books“ und ist nun schon fast 20 Jahre alt. Vor einigen Jahren lief sie gut versteckt auf einem der kleineren deutschen Privatsender. Man kann die synchronisierten Episoden der ersten Staffel im Prime-Bereich eines großen Internet-Warenhauses anschauen oder – so meine Empfehlung – für kleines Geld ebenda als DVD erwerben, alle drei Staffeln und zudem im Originalton. „Black Books“ vereint alles, was ich an englischer Comedy schätze. Skurrile Geschichten mit skurrilen Typen in skurrilen Situationen. Den Briten verdanken wir einiges an Schätzen dieser Art. Die „Goon Show“, „Monty Python‘s Flying Circus“, „The Marty Feldman Comedy Machine“, „Not the Nine O‘Clock News“, „Peter Cook & Dudley Moore“, Spike Milligan, Rowan Atkinson, „Blackadder“, „The League of Gentlemen“, „Fawlty Towers“, „Little Britain“, „The IT Crowd“...

Der Handlungsrahmen von „Black Books“ ist schnell erzählt. Zentraler Ort des Geschehens ist die antiquarische Buchhandlung „Black Books“ in London. Betreiber des Ladens ist Bernard Ludwig Black, er hat einen Angestellten namens Manny Bianco und eine Freundin namens Fran Katzenjammer, die einen Geschenkeladen betreibt und sich meist wundert, zu was wohl das ganze Geraffel gut ist, das sie anbietet. Während Black Kunden nicht ausstehen kann, da sie ihm beim Prokrastinieren im Weg sind, ist Manny Bianco freundlich, kann mit Kunden gut umgehen und verkauft ab und zu sogar mal ein Buch. Fran Katzenjammer hängt meist im Buchladen ab, da sie ihren eigenen Shop nicht besonders ausstehen kann.

Aus dieser Konstellation heraus haben die Autoren der Serie urkomische Episoden entwickelt, die mit etlichen Fernsehpreisen und Erfolg bei Kritik und Publikum quittiert wurden. Als Beispiel für den skurrilen Humor in Wort und Bild sei aus der ersten Folge zitiert. Bernard Ludwig Black ist mit der Steuererklärung im Rückstand und lässt sich nach langem Zögern von Fran Katzenjammer dazu überreden, seine Zettelwirtschaft einem Buchhalter zu übergeben. Black trifft diesen zwar an, muss aber sogleich miterleben, wie eine Gruppe Polizisten das „Office“ stürmt und der offenbar nicht ganz koschere Berater gerade noch so durchs Fenster entkommt.

Es folgt eine Szene, die man nur mit absolut dichter Gummihose anschauen kann. Black sitzt im Hinterzimmer seines Ladens inmitten eines Haufens sortierter Socken; mit deren Hilfe hat er erst einmal weiter vor sich hergeschoben, die Steuerformulare selber auszufüllen („Wenn Sie in einer Sozialwohnung an einem Fluss leben und nicht blind sind, fahren Sie fort mit...“). Doch nun sind die Socken sortiert und die Zettel nicht weniger; da klopft es an der Ladentüre, was Black, dankbar für die neue Unterbrechung, freudig vernimmt, und so eilt er zur Türe. Draußen stehen zwei junge Herren mit Aktentaschen: „Guten Abend. Wir würden gerne mit Ihnen über Jesus reden!“ Ein Besuch, der normalerweise mit einem „Danke nein!“ und Türeschließen quittiert wird. Aber nicht vom Steuerpflichtigen Bernard Ludwig Black. „Großartig, kommt doch rein!“, ruft er aus, begeistert von der Störung. Woraufhin sich die Missionare erschrocken ansehen, so etwas scheint ihnen bisher noch nie passiert zu sein: „Sind Sie sicher?“ – „Ja ja, kommt rein!“ – „Das ist ein Trick!“ – „Nein, kommt rein! Lasst uns über Glauben quatschen...“

Drinnen folgen urkomische Situationen; Black sitzt hinter seinem Sockenberg, die Missionare versinken ängstlich in ihren Sesseln, sehen sich ständig misstrauisch an und um und müssen gestehen, dass sie nicht so recht wissen, was sie erzählen sollen. „Bisher sind wir noch nie so weit gekommen...“

„Black Books“ ist britischer, unangepasster Humor vom Feinsten. Er kann zumindest für ein paar Stunden darüber hinwegtrösten, dass das perfide Albion unserer geliebten EU den Rücken kehrt. Oder kehren will. Denn bis unsereins endlich wieder bei der Einreise ins Königreich seinen Pass vorzeigen muss, wird noch geraume Zeit ins Land gehen. Man sollte mit Prognosen über den Brexit daher weiterhin vorsichtig sein. Wie bereits gesagt: Es gibt kriminelle Vereinigungen, aus denen man nicht mehr lebend herauskommt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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