17. Dezember 2019

Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ über Bodenreform und Sozialdemokratie Lazarus-Effekt an der SPD-Leiche

Im Herzen immer ein entschiedener Sozialist geblieben

von Holger Finn

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Bildquelle: blu-news.org (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Feiert die Wiederauferstehung der Sozialdemokratie: Heribert Prantl

Jean-Claude Juncker, der inzwischen abgetretene Chef der EU-Kommission, machte aus seiner Art, sich über den Gang der Dinge und die Stimmung der Bürger zu informieren, keine Mördergrube. Wenn er wissen wolle, was die Deutschen bewege, so der Führer des freien Teils der freien Welt, dann schaue er sich Bundestagsdebatten an. Dort, zumindest war das stets die Auffassung des Mannes, der auf den letzten Metern seiner großen Karriere noch hatte die Zeit abschaffen wollen, kommt zur Sprache, was dem Volk unter den Nägeln brennt, dort wird Tacheles geredet, und wer mitreden will, der muss gut zuhören.

Der Journalist Heribert Prantl weiß ziemlich genau, was Juncker meint. Auch der jahrelange beharrliche Kämpfer gegen die Wasserpest, gegen falsche Wahrheiten und für die mittlerweile vollkommen von der Weltbühne verschwundene Graswurzelbewegung „Pulse of Europe“ holt sich seine Informationen aus einer Parallelwelt, in der der Himmel grün, die Wälder blau und die beste Waffe gegen den „Mietnotstand“ (Prantl) eine Rückkehr zu den Verhältnissen ist, die in der DDR herrschten.

Eine „radikale Bodenreform“ forderte der süddeutsche Publizist erst im Oktober, denn nur „Rückkauf und notfalls Enteignung von Baugrundstücken durch die Kommunen, eine steuerliche Abschöpfung der Bodenwertsteigerung und eine Förderung des gemeinwohlverträglichen Wohnungsbaus“ könnten Abhilfe schaffen, wo ein anhaltender Drang von Millionen Klimaflüchtlingen vom offenen Land in die großen Städte die Mietpreise in die Höhe treiben.

Die Geschichte gibt dem früheren Staatsanwalt und späteren Politikchef der „Süddeutschen Zeitung“ in allen Belangen recht. Nirgendwo in Europa waren die Mieten so niedrig wie in der vormaligen DDR, die mit einer entschiedenen Bodenreform und dem anschließenden strikten Festhalten an Hitlers Mietenstoppgesetz von 1936 jeder Spekulation mit Wohnraum den Boden entzog. 100 Mark für 55 Quadratmeter im volkseigenen Fünfgeschosser – nicht nur für Mieter in Berlin, München und Hamburg wäre eine Rückkehr zu solchen Preisen ein Traum.

Sondern auch für Heribert Prantl, der sich Wohnen leisten kann, im Herzen aber immer ein entschiedener Sozialist geblieben ist. In seiner Welt baut nicht nur der die meisten, besten und billigsten Wohnungen, der keine Aussicht hat, damit jemals Geld zu verdienen. In seiner Welt steht die traditionsreiche Sozialdemokratie auch unmittelbar vor einer Wiederauferstehung, verkündete die emeritierte Edelfeder jetzt zur Überraschung selbst altgedienter Genossen in seiner wöchentlichen Ruhestandskolumne. Angesichts von Umfragewerten, die um die zehn Prozent oszillieren, scheint Prantls Wagemut beachtlich. Doch der schreibende und videobloggende Rentner ist überzeugt, dass die SPD auf ihrem vielbeachteten Neustart-Parteitag Anfang des Monats nicht weniger als „eines ihrer besten Papiere seit dem Godesberger Programm von 1959 beschlossen“ hat. Schmale 21 Seiten lang, sei der Beschluss Nummer 3 mit dem Namen „Ein neuer Sozialstaat für eine neue Zeit“ eine „revolutionäre Evolutionserklärung“ (Prantl), „ein Programm, das Maßstäbe setzen und die Zukunft gestalten soll“.

Beschlossen von Delegierten, die „diszipliniert die Hacken zusammengeschlagen“ (Prantl) hätten, atmet das Papier nach Prantls Ansicht den Geist von Aufbruch und Utopie, hier speziell der, die den rechtlosen Crowd- und Clickworkern überall im Land, den Medienarbeitern und Leuten aus dem Straßenbau, den letzten Stahlkochern und dem anschwellenden Heer der Baristas ein „Recht auf mobiles Arbeiten“ und Homeoffice per Gesetz verspricht, sie aber andererseits auch vor einer überbordenden Inanspruchnahme mit einem „Recht auf Nichterreichbarkeit“ schützt.

Wenn sich das herumspricht und zudem noch bekannt wird, dass die gute alte tote SPD auch noch für Kinder und Alte „ein Band webt, welches das Leben umspannt“ (Prantl), dann werden, ja dann müssen die Verdammten dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt, aufstehen und ihr Kreuz dort machen, wo Heribert Prantl das seine setzt. Ein „Lazarus-Effekt“ (Prantl) nimmt seinen Anfang, der Kreislauf setzt wieder ein, das Heer der Sklaven steht auf, was war, wird vergessen werden, die Müßiggänger werden beiseitegeschoben und „in Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei‘n“.

Und Heribert Prantl, der es schon 2013, sechs Jahre vor der Ausrufung des Klimanotstandes in Brüssel, wagte, ganz Europa „eine Art Notverordnungs-Demokratie“ zu nennen, wird einmal mehr der Erste gewesen sein, bei dem man es lesen konnte.

„Süddeutsche Zeitung“: „Mietnotstand: Brauchen wir eine radikale Bodenreform?“

„Süddeutsche Zeitung“: „Die Wiederauferstehung der Sozialdemokratie“

„Süddeutsche Zeitung“: „Europa, eine Art Notverordnungs-Demokratie“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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