04. Dezember 2019

Selbstopfer? Frei nach Odin

Persönliche Sinnsuche eines Autors auf etwas anderen Wegen

von Max Reinhardt

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Bildquelle: shutterstock Opferte sich selbst für sich selbst: Odin

Die „Hávamál“ ist einer der wichtigsten Texte im Kontext der nordischen Mythologie. „Hávamál“ bedeutet so viel wie „Das Lied des Hohen“, wobei „der Hohe“ für Odin steht, der hier den sterblichen Menschen Rat gibt, wie sie ein gutes Leben führen können. In den Strophen 139 und 140 heißt es: „Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum/Neun lange Nächte/Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht/Mir selber ich selbst/Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann/Aus welcher Wurzel er spross./Sie boten mir nicht Brot noch Met/Da neigt ich mich nieder/Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:/Endlich fiel ich zur Erde.“

Odin beschreibt hier sein Selbstopfer zum Erlernen der Runen. Selbstopfer im doppelten Sinne, denn er opfert sich selbst, und er opfert sich für sich selbst. Warum empfiehlt Odin das den Menschen, und was hat das mit uns zu tun? Schauen wir uns dazu zunächst mal an, was es bedeutet, Opfer zu bringen.

Im Kontext von Religion und Spiritualität bezeichnet der Begriff „Opfer“ die Darbringung von etwas Materiellem an eine übergeordnete metaphysische Macht. Beispielsweise wird ein Tier geopfert, um einen Gott milde zu stimmen und seine Unterstützung zu bekommen.

Sie mögen jetzt vielleicht einwenden, dass das Thema für Sie somit irrelevant ist, da Sie weder spirituell noch religiös sind und ganz bestimmt keinerlei Göttern irgendwelche Opfer bringen. Lösen wir uns mal für einen Moment vom Kontext Religion und Spiritualität. Opfer bringen bedeutet doch letztlich einfach nur, etwas Wertvolles aufzugeben – in der Hoffnung, dafür etwas Besseres zu bekommen. Und das tun Sie jeden Tag. Jeden Tag opfern Sie Ressourcen für etwas. Zum Beispiel Geld für Nahrung. Oder Lebenszeit für Geld – Sie opfern Ihrem Arbeitgeber einen Großteil Ihrer Zeit, dafür bekommen Sie monatlich eine Überweisung – hoffentlich.

Und selbst wenn Sie nicht arbeiten – Ihre Lebenszeit opfern Sie ständig. Zum Beispiel abends dem jungen Gott Netflix oder anderen Konsumgötzen – in der Hoffnung, dafür Ablenkung von Ihrem eigentlichen Leben zu bekommen.

Ob wir Opfer bringen, können wir in letzter Konsequenz nicht entscheiden – unser kostbarstes Gut, unsere Lebenszeit, opfern wir mit jeder Sekunde ganz automatisch. Nur wofür wir sie opfern – das können wir entscheiden. Das bringt uns jetzt zum Selbstopfer im Sinne Odins.

Warum Odin überhaupt opfert, ist klar: Weil er etwas will. Opfer werden immer erbracht, um etwas zu bekommen oder etwas zu erreichen. Wofür ich Opfer bringe, drückt also aus, was mir wichtig ist.

Das mag erst mal sehr abstrakt klingen, wird aber schnell ganz konkret, wenn man Folgendes bedenkt: Alle Ressourcen, zum Beispiel Geld oder Lebensmittel und insbesondere Zeit, sind im ökonomischen Sinne knapp. Wenn ich etwas will, dann findet das immer vor dem Hintergrund knapper Güter und meiner schwindenden Lebenszeit statt. Das bedeutet natürlich auch, dass ich nur begrenzt Opfer bringen kann – und selbst wenn die Opfergabe nur meine Zeit ist. Ich muss mich also entscheiden, was mir am wichtigsten ist – ich kann nicht große Opfer für etwas Externes und für mein Selbst gleichzeitig bringen.

Wenn ich etwas für mich selbst opfere, dann bin ich mir selbst wichtig. Im Sinne von Selbstwertgefühl und gesunder Selbstliebe. Ich opfere etwas, damit es mir besser geht, damit ich etwas bekomme, damit ich meine Ziele erreiche – das ist die eine Bedeutung von Selbstopfern.

Die andere Bedeutung von Selbstopfern besteht darin, dass ich mich selbst opfere. Wenn ich etwas für die Erreichung meiner Ziele, für meine Eigeninteressen, opfere – dann kann ich etwas Externes oder etwas von mir selbst opfern. Wenn ich mich dann dafür entscheide, etwas von mir selbst zu opfern, dann wahrscheinlich, weil ich dieses Opfer für erfolgversprechender halte.

Odin strebt nach Weisheit und will die Runen erlernen – das Ziel seiner Opfer ist Selbstermächtigung. Und dafür hängt er sich selbst am Weltenbaum auf – denn er ist überzeugt, dass er selbst das wertvollste, und damit erfolgversprechendste, Opfer ist.

Selbstopfer im Sinne Odins sagen also immer zweierlei aus: Ich und meine Ziele sind es wert, Opfer zu bringen – und ich selbst bin das wertvollste Opfer, das ich bringen kann.

Wer sich selbst für sich selbst opfert, glaubt an seine Selbstwirksamkeit und seinen Selbstwert. Es macht nur Sinn, sich, beziehungsweise etwas von sich, zu opfern, wenn man glaubt, dass dieses Opfer wirksamer ist als beispielsweise Opfergaben wie Nahrung oder Tiere. Etwas für sich selbst statt für etwas Externes wie einen Gott oder ein Land zu opfern, sagt aus, dass das Selbst die Opfer mehr wert ist als das Externe.

Im Gegensatz dazu sagen Opfer für etwas Externes aus, dass dieses Externe wichtiger ist als das Selbst. Natürlich gibt es Wichtigeres als das Selbst – beispielsweise die eigenen Kinder. Der Instinkt, sich notfalls für das Leben geliebter Menschen zu opfern, ist gesund und erhöht die Überlebenschancen der jeweiligen Gruppe. Gleichzeitig kann diese Opferbereitschaft für Externa wie Familie, Stamm, Nation, oder abstraktere Ziele, wie zum Beispiel Klimaschutz oder gesellschaftliche Veränderung, problematisch sein. Denn immer wenn ich mich für Externa statt für mein Selbst opfere, werde ich potentiell fremdbestimmt, werde manipulierbar.

Wenn in Ihrer Psyche beispielsweise Ihre Nation einen so hohen Stellenwert hat, dass Sie sich für sie opfern würden, sind Sie für die Regierung Ihres Landes leichter manipulierbar und tendenziell eher bereit, in einen Krieg zu ziehen und im wahrsten Sinne des Wortes Ihr Leben zu opfern. Wenn Klimaschutz in Ihrer Psyche diesen hohen Stellenwert hat, werden Sie bereit sein, Opfer dafür zu bringen – und sind gleichzeitig leicht durch Menschen manipulierbar, die diese Opferbereitschaft erkannt haben.

Sobald ich in meiner Psyche Externa einen hohen Stellenwert einräume, gebe ich auch tendenziell Eigenverantwortung ab. Wenn ich mich für Externa wie beispielsweise „Klimaschutz“, „Vaterland“ oder „Gerechtigkeit“ aufopfere, dann lasse ich diese Externa auch über mich bestimmen. Fragt man zum Beispiel einen Aktivisten nach dem Grund für seinen Aktivismus, wird die Antwort selten sein: „Weil ich mich so entschieden habe.“ Das eigene Handeln wird stattdessen mit dem Handeln anderer oder mit angeblich objektiven Notwendigkeiten begründet. Sobald der Grund für mein Handeln jedoch nicht meine eigene Entscheidung ist, bin ich fremdbestimmt.

Bedeutet das jetzt, dass ich mich für nichts mehr engagieren soll? Keinerlei Opfer für andere Menschen, Organisationen oder die gute Sache mehr bringen soll? Nein, so einfach ist das nicht. Worauf es ankommt, ist der Grund für Ihre Opferbereitschaft, die Motivation für Ihr Engagement. Bringen Sie Opfer für etwas Externes, weil Sie sich nach guter Überlegung so entschieden haben, oder weil man es von Ihnen erwartet und Sie dem sozialen Druck nachgeben? Wenn sich Ihre Eigeninteressen mit dem Externen, zum Beispiel Ihrer Nation, überschneiden, dann kann es durchaus sinnvoll sein, Opfer für das Externe zu bringen. Aber ist diese Überschneidung wirklich da, oder erzählt man Ihnen das nur, um Sie in eine bestimmte Richtung zu lenken?

Im Zweifelsfall sollten Sie es wie Odin halten und sich für Ihre Eigeninteressen opfern. Opfern Sie Ihre Ressourcen für Ihr Streben nach Weisheit, für Ihre Weiterentwicklung, für Ihre Selbstermächtigung. Investieren Sie Ihre Energie, Ihr Geld und Ihre Lebenszeit in Dinge, die Sie im Leben weiterbringen. Nicht weil Sie müssen oder weil man es von Ihnen erwartet, sondern weil Sie sich so entschieden haben. Opfern Sie sich selbst für sich selbst.


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