26. November 2019

Berichte über die Situation an der ungarischen Grenze Es braut sich was zusammen

Auf einmal ist die Armee wieder in der Stadt

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: BalkansCat / Shutterstock.com Nicht überall unüberwindbar: Ungarischer Grenzzaun

Ein Deutscher in Ungarn erzählt von seiner Wochenendradtour gen Süden, streng die Donau entlang, bis zur serbischen Grenze. Auf den letzten Kilometern immer wieder Polizei und Militär. Es wird ihm etwas mulmig, aber er will es wissen und bis an den Zaun fahren. Kann er auch, wird dann aber von Polizisten gestoppt und ausgefragt, muss Papiere vorzeigen und eine Weile warten. Sie wundern sich, was er da wolle. Kann schließlich aber zurückfahren. Für den Deutschen ein seltsames Erlebnis, das gewisse Klischees zu bestätigen scheint. Was er offenbar nicht weiß, erfahre ich zwei Tage später von einem Ungarn.

Der erzählt mir von der Situation an der Grenze. Bekannte wohnten dort und sähen es jeden Tag. Morgens sammelt die Polizei über Nacht aufgegriffene Grenzübertreter, sie sitzen am Straßenrand. Es seien Dutzende. In Serbien würden die Lager fast platzen, die Bedingungen seien schlecht.

„Aber ihr habt doch den Zaun“, sage ich. Ja, aber es gibt Stellen, an denen man noch immer recht einfach die Grenze überwinden könne. Zum Beispiel bildet westlich von Hercegszántó, direkt am Länderdreieck Serbien-Kroatien-Ungarn – keine drei Kilometer von jener Stelle entfernt, an der unser Radfahrer kontrolliert wurde – die Donau die Grenze. Dort gibt es keinen Zaun. Nachts stünden dort alle paar Meter Grenzposten, aber die serbischen Schmuggler kennen die Plätze. Wie viele den Weg wagen, weiß niemand. Diejenigen, die es nicht schaffen, werden am Straßenrand versammelt und direkt zurückgeschickt. Wer weiter im Lande aufgegriffen wird, komme in ein Camp in der Nähe von Kiskunhalas. Nicht selten würden Migranten aber auch von dort zurück nach Serbien geschickt, um den administrativen Aufwand zu minimieren.

Nun erklärt sich auch die neue Präsenz der ungarischen Armee in unserer Stadt. Sie war fast zwei Jahre verschwunden und hat die Kaserne in der Stadt nun wieder neu besetzt. Es sind wieder Uniformen in der Stadt zu sehen. Man reagiert auf den wachsenden Migrationsdruck.

Selbiger Deutscher – aus Westfalen gebürtig – sagt auch, dass es ihm hier sehr gefalle. Nur ein bisschen bunter könne es sein. Der Ort könne mehr Vielfalt vertragen, ein paar Afrikaner, Asiaten, Araber… Ich frage den Ungarn dazu. Er antwortet – mir ist die Antwort leider nicht eingefallen: Die Stadt sei bunt genug. Es gibt hier Ungarn, Schwaben, Kroaten, Serben, Slowaken, Bunjewatzen und Cigányok und alle bringen sich ein und bereichern das Leben.

Ein anderer erzählt, er habe ungewöhnlich lange an der rumänischen Grenze warten müssen. Jedes Auto sei kontrolliert worden, alle mussten aussteigen, Kofferräume wurden geöffnet.

Versuch einer Konklusion: Ungarn spürt den wachsenden Druck, der in den südlichen Ländern stetig und kontinuierlich wächst. Es braut sich vielleicht was zusammen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Migration

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige