21. November 2019

Serie „Wir sind die Welle“ Hier kommt der klimafreundliche Netflix-NSU

Kitschige Romantisierung von extremistischem Terror

von Maximilian Kneller

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Bildquelle: Markus Wissmann / Shutterstock.com Spielt Lea in „Wir sind die Welle“: Luise Befort

Wenn es um den Frontkampf gegen alte, weiße Männer geht, so will Netflix sich bereits seit Längerem nichts vorwerfen lassen. „Chilling Adventures of Sabrina“, eine neue Realverfilmung der bekannten Kinderserie „Simsalabim Sabrina“, hat beispielsweise nahezu jedes bekannte feministische Narrativ von benachteiligten Frauen und bösen alten weißen Männern aufgegriffen und in sympathische, weibliche Charaktere gegossen, die es den altbackenen Herren und ihren patriarchalen Strukturen aber mal so richtig zeigen. Obwohl die Serie in der Gegenwart spielt, scheint die magische Welt sonderbar in den 50er Jahren gefangen. Jede linke Lebenslüge, von schlechterer Bezahlung bei Frauen bis hin zu einem geheimen Patriarchat, das Männer einseitig bevorteilt, wird hier aufgewärmt und ganz sanft in die Köpfe der Teenie-Mädchen eingehämmert. Nervig für den, der die einfallslose Propaganda erkennt. Nicht immer ist es so deutlich wie in diesem Fall, aber kaum eine Serie kann man angucken, ohne diese unterschwellige Agitation feststellen zu müssen.

Die neue Produktion „Wir sind die Welle“ ist da von der unsubtileren Art. Es könnte sich beinahe um ein aufwendig produziertes Werbevideo der Antifa handeln. Doch zunächst zum Inhalt.

Lea ist eine Tochter aus reichem Hause. Mit ihren Eltern lebt sie in einer Bauhaus-Villa, in ihrer Freizeit spielt sie Tennis, und zur Schule fährt sie mit einem E-Roller. Ihr Freund ist das billige Klischee eines reichen Jurastudenten. Lea ist ziemlich krass in ihrem Alltagstrott gefangen, bis der geheimnisvolle, linke Bad Boy Tristan an der Schule auftaucht. So richtig aufmerksam auf Tristan wird sie direkt in seiner ersten großen Pause, als dieser ganz cool die Nazi-Gang an der Schule hochnimmt, indem er mit seinen hellseherischen Fähigkeiten zwei der Mitglieder als schwul outet. Als er mit ihr illegal auf das Schuldach klettert, da ist es um die vollkommen durchschnittliche Lea schon fast geschehen. Diese flotte Mischung aus coolen Sprüchen und gendergerechtem, ökosozialem Weltbild, die, wie so vieles, irgendwie nur in irgendeinem Netflix-Paralleluniversum existiert, hat es ihr eindeutig angetan. Relativ früh wird klar: Diese Serie bis zu ihrem Ende zu gucken, wird eher Voyeurismus als seichte Unterhaltung. Im Laufe der ersten Folge stellt Netflix uns eine Reihe weiterer Charaktere vor, die schon ob ihrer Einfallslosigkeit Erwähnung verdienen. Man hat das Gefühl, hier wurden wirklich die abgegriffensten Schablonen genommen. Angefangen bei Lea, der spießigen Tochter aus reichem Hause, ihrem reichen arroganten Jura-Freund mit umgebundenem Pullover und teurem Auto, mit dem sie natürlich nur eine oberflächliche Beziehung führt, über den etwas derben, von der Gesellschaft unverstandenen Tristan geht es nun weiter: Es folgen ein in der Schule diskriminierter Ausländer, dessen Eltern aus ihrer Wohnung ausziehen müssen, weil böse Kapitalisten ein Einkaufszentrum bauen wollen, ein Ökobauern-Sohn, dessen Eltern in finanzielle Schwierigkeiten kommen, weil Pharmaunternehmen ihren Boden verpestet haben, und schließlich ein introvertiertes Mädchen, das gemobbt wird, sich dann aber den Schädel rasiert und Feministin wird. So weit, so gut. Nachdem sich die gemischtrassige, genderneutrale, antikapitalistische, ökosoziale neue Clique konstituiert hat, nimmt die durch und durch rechte Gesellschaft natürlich Anstoß an ihr.

Da wäre beispielsweise die bereits erwähnte Nazi-Gang, die mindestens so unglaubwürdig ist wie die neue Klima-Gang der Missverstandenen. Optisch sehen sie vermutlich bewusst normal und modern aus, denn neue Nazis sind ja modern und haben ja gar keine Glatze mehr, wie wir dank der Amadeu-Antonio-Stiftung wissen. Einer von ihnen trägt einen Revers-Pin, der ein schwarz-rot-goldenes Herz formt. Ein anderer spricht von „Stolz auf Deutschland“, doch auch tumbe Nazisprüche mit „Juden“ und „Negern“ fallen. Dabei wirkt es so, als hätte man irgendwie noch einen Gegner gebraucht und sich für die paar extra Fleißsternchen gegen rechts schnell eine Nazi-Gang ausgedacht, wie es sie in ganz Deutschland auf keinem Schulhof gibt. Dabei mischte man ganz bewusst patriotische Aussagen mit klischeehaftem Nazi-Gesülze, wie es auf realen Schulhöfen zuletzt von irgendwelchen Skinheads in den 90ern abgesondert wurde. Natürlich sind auch noch zwei der Nazis heimlich schwul, wie sollte es anders sein.

Was die Serie aber tatsächlich interessant macht, ist der Einblick in die linke Lebenswirklichkeit. Wenn man Grünen oder Linken zwischendurch einmal zuhört, so könnte man tatsächlich meinen, die Realität sehe so aus wie in dieser Netflix-Produktion. Mit dem Wechsel von der Mikro- auf die Makroebene wird dies dann noch mal überdeutlich. Stress mit der Nazi-Gang, das reicht unseren Helden nicht, da muss im Klassenkampf für sozialökologischen Feminismus schon mehr kommen. Die NfD, ein ebenso armseliger wie überzeichneter Abklatsch der AfD, ist hierfür (wie) geschaffen. Der Vorsitzende Horst Bernd, dessen Assoziationskette vermutlich über Bernd Höcke (an dieser Stelle bitte lachen) zu Björn Höcke reichen soll, wird von der Gang in einem extrem unglaubwürdigen Manöver bei einer extrem unglaubwürdigen Rede betäubt und, nachdem seine fiktiven parteieigenen Leibwächter (Moment mal, da war doch mal was?) von einer Sekunde auf die andere verschwunden sind, entführt und in eine Naziuniform eines Museums gesteckt. Dort wird er passend zur ersten Besuchergruppe aufwachen und wild herumzetern. Jetzt will er natürlich wissen, wer das war, da hilft ihm der befreundete Polizeichef, der selbstredend auch NfD-Mitglied ist.

Dramaturgisch soll sich der zumeist junge Zuschauer natürlich mit den linken coolen Jugendlichen identifizieren. Der coole Tristan spricht natürlich fließend Arabisch und kann sogar Dialekte erkennen. Der „Plot-Twist“, dass der Freigänger im Jugendvollzug also aus ursprünglich gehobenen Verhältnissen (Botschafterfamilie) kommt, ist mindestens so vorhersehbar wie die Trennung von Lea und ihrem Jura-Freund.

Das alles könnte man in seiner Einfallslosigkeit ja noch hinnehmen, wären da nicht die ganzen Kapitalverbrechen, die die coolen Kids mal so eben neben ihren erwartbaren Streitigkeiten und der erwartbaren Versöhnung zum Schluss begehen. Neben Freiheitsberaubung etwa der Bau einer Bombe, x-facher Einbruch, x-fache Sachbeschädigungen, x-facher Diebstahl, illegaler Waffenbesitz, Bedrohung eines Polizisten, Bildung einer terroristischen Vereinigung, und so weiter. Das alles sind natürlich nur die berühmten Späne, die fallen, wenn gegen Nazis, Glyphosat, Fleisch und Markenklamotten gehobelt wird. Dankbar muss man Netflix insofern sein, als die Inszenierung sehr deutlich macht, dass ein linkes Weltbild leicht ins Extreme und Totalitäre abgleitet. Dass man dies jedoch so distanzlos und im Sinne der Protagonisten sympathieheischend aufzieht, ist ein Offenbarungseid. Als Feministin Zazie am Ende mit dem coolen Tristan einen Polizisten überwältigt hat und kurz davor ist, diesen zu erschießen, sieht sie Beate Zschäpe nicht nur optisch ähnlich. Umso erschreckender ist es da, dass Netflix für die Serie werben lässt, indem die Darsteller der Protagonisten erzählen, wie cool und rebellisch sie ihre Rolle finden. Als „kleine Schwester“ hätte die Darstellerin der reichen Lea ihre Rolle gerne, sagt sie darin. Die kitschige Romantisierung von extremistischem Terror ist ein neues Niveau linker Hybris.


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