17. November 2019

RezensionAlexander Kissler: Widerworte

Warum mit Phrasen Schluss sein muss

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Im Englischen steht „phrase“ neutral für einen beliebigen Satz. Im Deutschen bezeichnet „Phrase“ jedoch einen hohlen „Allgemeinplatz, der das Denken verriegelt“. Die Phrase sei in der Politik allgegenwärtig, „weil sie konkurrenzlos bequem eingesetzt werden kann. Sie täuscht die Tiefe eines Gedankens vor, den ein anderer gedacht hat“, sagt Alexander Kissler, konservativer Kulturredakteur beim „Cicero“, über das Wesen der Phrase. Diese täuscht also etwas vor, was nicht da ist: eine tiefe Einsicht und/oder eine Übermoral, deren Begründung nicht hinterfragt werden darf. Indem er sich 15 Phrasen vornimmt, denen bei uns nicht straflos widersprochen werden kann, gelingt es Kissler, die von Angela Merkel dominierte Politik ohne weit ausholende theoretische Ableitungen als Lügengespinst zu entlarven. Die Sprüche, die Kissler als Sprach-Profi seziert, reichen von „Heimat gibt es auch im Plural“ über „Vielfalt ist unsere Stärke“ und „Wir schaffen das!“ bis zu „Das ist alternativlos“ und „Wir müssen zur Sacharbeit zurückkehren“. So wird zum Beispiel deutlich, dass mit „Diversität“ eigentlich ideologische Gleichschaltung und Ausgrenzung Andersdenkender gemeint ist. Nicht weiter erstaunlich ist es, dass in einem ehemals christlichen Land etliche Sätze über Barmherzigkeit und Brüder- beziehungsweise Geschwisterlichkeit, die in kaum einer politischen Sonntagsrede fehlen, auf Passagen der Bibel anspielen, diese jedoch aus dem Zusammenhang reißen: Was in der Bibel auf die Christen bezogen bleibt, wird nun auf die ganze Menschheit ausgedehnt. Besonders schlimm sei die Verbindung des grenzenlosen Humanitarismus mit nationalem Sendungsbewusstsein. Da helfe auch der Appell, zur Sacharbeit zurückzukehren, wenig. Denn „eine Politik, die ausschließlich den Zwängen der Sacharbeit unterworfen wäre, hätte kein Herz, keinen Verstand, doch einen Rechenschieber anstelle des Rückgrats. Bürokratien können Unheil ausschwitzen. Und da werden Phrasen sein“, schließt Alexander Kissler.


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