13. November 2019

Löschungen bei Facebook Lübke, Luther und Zigeuner

Fakten interessieren nicht

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: Paparacy / Shutterstock.com Absurd: Löschungen und Sperren bei Facebook

Die Frage „Warum ist man bei Facebook?“ hat ihre Berechtigung, und auch ich, seit ein paar Jahren dort, habe sie mir schon häufiger gestellt. Die einzige vertretbare Antwort: Man findet dort kluge, witzige, kritische oder einfach nur grundsympathische Menschen. Natürlich findet man auch die, die das genaue Gegenteil sind, aber die kann man, ganz wie im richtigen Leben, ignorieren und von sich fernhalten.

Leider geht das nicht mit denen, die im Auftrag von Facebook beziehungsweise deren Auftraggebern dafür sorgen, dass die Idee der Meinungsfreiheit immer mehr ad absurdum geführt wird. Stasi-gleich überwachen sie jedes Wort, das man schreibt, und jedes Bild, das man postet. Das Spitzeln ist heute auch einfacher als zur Zeit von Hitler und DDR 1.0. Während sich die inoffiziellen Mitarbeiter Mielkes noch mühsam belastendes Material bis hin zu Geruchsproben beschaffen mussten, bekommen deren Nachfolger 30 Jahre später alles frei Haus geliefert. Woran wir User nicht schuldlos sind.

Seit Tagen trudeln in meiner Mail Nachrichten von Facebook ein: Man habe diesen und jenen meiner Beiträge wegen Hass oder Rassismus gelöscht. Ich staune. Was habe ich verbrochen? Und wann? Sieh an: Keiner der betroffenen Beiträge ist jünger als zwei Jahre. Da wühlt also jemand – oder etwas, eine Software vermutlich – in den tiefsten Tiefen meiner Chronik, um etwas zu finden, das den ominösen Gemeinschaftsstandards nicht entsprechen soll.

Ich sehe mir die beanstandeten Einträge an und beginne zu lachen. Einer enthält die Vorschau auf einen Artikel, den ich vor Jahren für die „Achse des Guten“ über den früheren Bundespräsidenten Heinrich Lübke geschrieben habe. Darin der Hinweis darauf, dass man dem etwas tüddeligen Lübke manche angeblichen Zitate untergeschoben hat, um ihn noch tüddeliger erscheinen zu lassen. So die angebliche Begrüßung „Meine Damen und Herren, liebe Neger“.

Dass es das Reizwort „Neger“ sein muss, das Facebook zum Löschen veranlasst hat, wird mir klar, als ich den nächsten ausgemerzten Kommentar betrachte. In diesem erwähne ich den einst populären Mainzer Dachdecker Ernst Neger. Wie gut, dass der Mann das nicht mehr erleben muss. Sein Name verstößt gegen die Gemeinschaftsstandards bei Facebook. Weg mit ihm. Ihm hätte auch eine Umbenennung in „Regen“ nichts genutzt, das Wort „Regen“ wird von Facebook ebenfalls mit Löschung und Sperre des Zitierers belegt, sofern im selben Satz das Wort „Gazelle“ vorkommt.

„Aha“, denke ich, da sitzt eine Software und forscht ohne jeden Bezug zum Kontext nach verbotenen Wörtern. Man kennt das aus George Orwells „1984“. Da werden ganze Bibliotheken durchforstet, um nicht mehr genehme Wörter ganz zu eliminieren oder ihnen den ursprünglichen Sinn zu nehmen. „Frei von Flöhen“ – so darf es den Begriff „frei“ in Orwells Vision noch geben. Aber nicht mehr im Kontext mit „Gedanken“ oder „Bewegung“.

Ich darf, so kann ich den Vollzugsmeldungen von Facebook entnehmen, eine erneute Überprüfung beantragen. Man habe, so Facebook, allerdings keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, kann also nur ankreuzen „Ich beantrage eine Überprüfung“ und nicht „Ich beantrage eine Überprüfung, weil...“. „Oha“, denke ich, immerhin, dann endlich sieht ein Mensch darüber und erkennt den Kontext und korrigiert den Irrtum des Algorithmus. Getan. Doch auch die erneuten Überprüfungen stellen unisono fest: Verstößt gegen die Gemeinschaftsstandards.

So wie auch ein drei Jahre alter Plattentipp von mir, in dem ich eine Aufnahme von Django Reinhardt verlinke und das Wort „Zigeuner“ verwende. Warum auch nicht? Ich spreche Deutsch und muss nicht „Gypsy“ oder „Manouche“ oder „Tsigane“ sagen; ich weiß nicht, ob Django den Sinti oder Roma angehörte, und vor allem: Ich habe Freunde in der aktuellen Zigeunerjazz-Szene, reiste lange von einem Festival zum nächsten. Die nennen sich selber „Zigeuner“. Im Oktober fand gerade erst in Köln ein Zigeunerfestival statt. „Zigeuner“ ist für mich in keinerlei Weise negativ konnotiert. Doch Facebooks Blogwarte, womöglich nicht in der Zivilisation sozialisiert und nur kurz in Sachen Zensur gebrieft, interessieren Fakten nicht. Mein Eintrag zu Django wird gelöscht.

Ich berichte anderen in meiner Facebook-Chronik über die Löschung. Wird gelöscht. Ich berichte noch einmal über die Löschung. Wird gelöscht. Ich poste den Titel einer Diplomarbeit an der Musikhochschule Dresden über „Die Gitarre im Zigeunerjazz“. Wird gelöscht. Ich poste ein Plattencover des Häns’che-Weiss-Quintetts; der Name der LP: „Musik deutscher Zigeuner 5“. Wird gelöscht. Schnuckenack Reinhardt: „Musik deutscher Zigeuner 3“. Gelöscht. Ich poste einen Link zu Amazon, wo man die Platten kaufen kann. Gelöscht. Alle Löschungen werden von mir beanstandet und von Facebook für rechtens erklärt. Ich berichte darüber öffentlich, was meist innerhalb von Minuten gelöscht wird.

Eine Facebook-Freundin findet das absurd und postet das Cover von Häns‘che Weiss erneut. Der Stasimann bei Facebook fällt hyperventilierend vom Stuhl; sie erhält 30 Tage Sperre.

Wer meint, hier seien der Absurditäten genug genannt – ich habe noch etwas. Bei mir wird weiter gelöscht. Nun hat man ein Zitat von Martin Luther entdeckt. Zwar von mir als Zitat deutlich gekennzeichnet, aber egal. Isse Hassrede, musse weg. „Okay“, denke ich, Luther, der alte Antisemit, da ließe sich durchaus drüber diskutieren. Aber man darf ihn nicht einmal mehr zitieren? Zudem es gar nicht um Juden geht? Überprüfung beantragt, Ergebnis wie zu erwarten. Sowohl Algorithmus als auch der Knecht Al Kahanes bestehen weiter darauf, dass Luthers Aussage, Frauen gehörten hinter den Herd, gelöscht werden muss.

Man fragt sich, wer da inzwischen an den Hebeln sitzt und wer diesen Marionetten die Fäden zieht. Die Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern. Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, drauf geschissen! „Wir bestimmen die Gemeinschaftsstandards, so wie unsere Vorgänger und Vorvorgänger vor 80 und 70 Jahren. Seid froh, dass ihr nur bei Facebook gesperrt werdet! Eingesperrt kommt auch noch.“

Genug der Absurditäten für den Moment. Während ich das schreibe, trudeln erneut Sperrungen ein. Es kann also durchaus eine Fortsetzung geben. Doch: Nicht alles ist schlecht, abschließend versöhnliche Töne: Zur Ehrenrettung von Facebook muss ich erwähnen, dass man dort durchaus auch richtig liegen kann. Eine Freundin wurde gestern bei Facebook für sieben Tage gesperrt, wegen Hassrede.

Sie hatte kommentarlos aus einem Artikel von Deniz Yücel zitiert.


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