20. März 2019

Deutsche Presse-Agentur als „Faktenchecker“ Der Bock im Facebook-Garten

Hier kommt zusammen, was zusammengehört

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Von der DPA in Zukunft gnadenlos aufgedeckt: Fake News im Netz

Es ist die Nachrichtenfabrik, die alle deutschen Zeitungen, Zeitschriften, Webseiten und Fernsehsender beliefert. Im Gemeinschaftseigentum der deutschen Verlage befindlich, ist die Deutsche Presse-Agentur (DPA) nicht nur Quelle von mehr als der Hälfte aller Inhalte, die deutsche Mediennutzer in ihren Zeitungen, im Radio, auf Onlineportalen oder im Fernsehen finden, sondern auch Quelle der meisten Falschmeldungen.

Ein unvergessener Klassiker ist die Meldung, dass die meisten Ehec-Toten „nicht mehr gesund“ würden, bei anderer Gelegenheit behauptete die DPA, bin Laden in seinem Versteck und Beate Zschäpe im Untergrund besucht zu haben, auch beim Auftritt von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche war angeblich ein DPA-Fotograph dabei, ebenso fotographierte einer den Freund der später mit Kanuverbot belegten Olympiateilnehmerin Nadja Drygalla in London, noch ehe bekannt war, dass die Rostockerin mit einem Nazi befreundet war.

„Zeit“, „Welt“, „Spiegel“ und „SZ“, aber auch alle Provinzblätter, Nachmittagsprogramme und Nachrichtenmagazine übernehmen die Verlautbarungen der quasi regierungsamtlichen Bingoschule, die alles weiß, alles erklären kann und jeden Wochenanfang vorgibt, worüber Talkshow-Deutschland reden muss. Medieninsider wissen: Was von der Nachrichtenfabrik nicht getickert (alte Sprechweise) wird, existiert nicht.

Wie die DPA Chruschtschow tötete

Was sie aber meldet, das wird von 457 Provinzblättern, 172 Zeitschriften, 48 Fernsehstationen und zig Nachrichtenportalen mit genau dem Spin und in der verquasten Wortwahl verbreitet, mit dem es die Schreibmaschinengewehre der 677 Redakteure verlässt: Am 13. April 1964 war der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow deshalb kurzzeitig tot, 2008 beim G8-Gipfel rief die DPA den Bürgerkrieg aus, und 2012 führte die Berichterstattung über ein Ökonomengutachten zur Frage, ob die DPA die Realität eigentlich ablehne oder sie nur für nicht notwendig halte.

Nun tendiert die Welt seit einiger Zeit stracks dahin, Satire unmöglich zu machen, indem sie die Realität wie Satire erscheinen lässt. Und Tessa Lyons-Laing, die bei Facebook den Faktenkampf führt, war in den großen Tagen der Ehec-News, von G8 und dem heroischen Kampf der Nachrichtenfabrik gegen die Wirklichkeit noch bei McKinsey und Leanin.org, einem Netzwerk zum „Empowerment“ von Frauen. Und konnte sich so nicht recht um Fake News in Deutschland kümmern, die es damals offiziell auch noch gar nicht gab, auch wenn die DPA tat, was sie konnte.

Beides kommt nun wie füreinander gemacht zusammen, denn im Kampf gegen Fake News wird die Deutsche Presse-Agentur zweiter deutscher Partner im Faktenprüferprogramm von Facebook.

Partnerschaft mit Hurenenthüllern

Nun ist der erste „Faktenprüfer“ das „Recherchenetzwerk“ Correctiv, dessen größter Rechercheerfolg es bisher war, einer AfD-Kandidatin für den nordrhein-westfälischen Landtag Hurerei und Sex gegen Geld nachgewiesen zu haben. „Spitzenfrau der Rechtspopulisten vermietete ihren Körper übers Internet“, hieß es da, faktenmäßig und moralisch so korrekt, dass dort heute keine Zeile mehr zu finden ist. Die Deutsche Presse-Agentur, im heißen Flüchtlingsseptember 2015 Lieferant der Meldung, dass die Fluggesellschaft Ryanair künftig Flüchtlinge ohne Visum aus Griechenland in andere EU-Länder bringen werde, ist also in bester Gesellschaft: Beide Partner werden nun „ausgewählte Beiträge bei Facebook“ mit dem Ziel prüfen, „die Verbreitung von Fake News einzudämmen und vor gefälschten Informationen zu warnen“.

Correctiv arbeitet bereits seit 2017, dem Jahr der Bundestagswahl, weitgehend folgenlos und ohne jeden öffentlich wahrnehmbaren Erfolg für Facebook und wird inzwischen mit Beträgen in unbekannter Höhe dafür entlohnt. Nun stößt die DPA dazu, mitten in der Medienkrise auf der Suche nach Nachrichtenabnehmern, die auch dann noch zahlen werden, wenn der letzte Baum gerodet, zu Papier verarbeitet, gedruckt und die fertigen Zeitungen von niemandem mehr gelesen worden sind.

Als „Partner des Prüferprogramms“ steigt die Agentur, die gerade den neuen superduper-unabhängigen neuen „Medien-Service“ „EUre Wahl“ mit „Informationspaketen zur Europawahl“  gestartet hat, kurz vor den Europawahlen ein, um, so heißt es offiziell, „die Verbreitung von Fake News im deutschsprachigen Raum zu reduzieren“. Von Faktenprüfern angezweifelte Beiträge werden mit entsprechenden Hinweisen versehen und gelöscht, an ihrer Stelle platziert die DPA dann hilfreiche Mitteilungen wie: „Wozu ist die EU nütze? Fünf Beispiele, die jeden etwas angehen“ oder: „‚Pulse of Europe‘ nimmt Spannungsbogen zur Europawahl auf“.

Verification Officer im Scoopcamp

Dadurch soll die Anzahl der Aufrufe falscher oder gefährlicher Inhalte im Durchschnitt um mehr als 80 Prozent verringert werden, heißt es bei Facebook. Tessa Lyons-Laing, spätgeborener „Head of News Feed Integrity“ bei Facebook, lobt schon vorab: „Gerade im Kontext von Wahlen ist die Integrität von Informationen von größter Bedeutung. Deshalb freuen wir uns sehr, dass die DPA unserem Programm vor der anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament im Mai als zweiter unabhängiger Faktenprüfer für den deutschsprachigen Raum beitritt.“

DPA-Chef Peter Kropsch, der als Werbetexter, Pressesprecher und Public-Relations-Mann arbeitete, ehe er für vier schmale Jahre als Redakteur bei einem Wirtschaftsinformationsdienst anheuerte, hat das Dankeschön prompt erwidert. Er hält die DPA für einen geeigneten Partner für Facebook, von der Politik stets als größte Fake-Schleuder kritisiert. Sein Haus habe in den letzten Jahren „viel in den Bereich Fact Checking investiert“, man besitze jetzt einen „Verification Officer“ samt Team, um den herum sogar „neue Berufsbilder im DPA-Newsroom“ entstanden seien.

War Journalismus früher Recherche und Schreiben, ist er jetzt „Fact Checking“ und „Verification“ mit „Innovation“ und „Scoopcamp“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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