28. August 2019

„Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar Beeindruckendes autobiographisches Werk eines diskreten Zivilisierten

Der homosexuelle Regisseur vermehrt nicht den politischen Straßenlärm

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Denis Makarenko / Shutterstock.com Diskreter Zivilisierter: Pedro Almodóvar

Gestern Abend „Leid und Herrlichkeit“ („Dolor y gloria“) gesehen, den neuen Film von Pedro Almodóvar. Beeindruckendes Werk. Beeindruckend etwa, wie sich Antonio Banderas in der Rolle eines existentiell gebrochenen Mannes durch die zahllosen Naheinstellungen arbeitet. Ich wusste nichts über Almodóvar, mir war also nicht bekannt, in welchem Maße dieser Film autobiographisch sein könne, doch dass er es ist, wird auch einem uninformierten Zuschauer lange vor der letzten Kameraeinstellung klar, die es dann explizit macht. Ich las später im Netz ein paar biographische Notizen zum Regisseur und fand bestätigt, dass er homosexuell ist, „offen homosexuell“, wie gesagt wird, aber dass sich irgendwelche Schwulenrechtler darüber beklagten, er habe sich nie für den politischen Kampf, nie für die Homosexuellenbewegung engagiert beziehungsweise instrumentalisieren lassen.

Wie schön, wenn ein sogenannter Prominenter seine Sexualität als Privatsache und nicht als Statement betrachtet! Wenn er nicht den politischen Straßenlärm vermehrt, der die Luft der Öffentlichkeit so stickig macht. Wenn er sich als diskreter Zivilisierter zu erkennen gibt.

Im Film trifft der Hauptdarsteller Salvador Mallo, ein in die Jahre gekommener, allein lebender, kranker, schaffensunfähig gewordener Regisseur, seine Jugendliebe wieder. Der Verflossene hat zwischenzeitlich geheiratet, zwei Kinder gezeugt und ist frisch verliebt – wieder in eine Frau. Dennoch empfinden die beiden gereiften Herren das alte Begehren füreinander, der Hauptdarsteller würgt es aber züchtig ab. Man verabredet sich für ein Treffen in (einseitiger) Familie auf den Sankt-Nimmerleins-Tag...

Eine Freundin (slawischer Migrationshintergrund) hub nach dem Film beim Weine zu einem Monolog an, der mit lobenden Worten für das Verhalten des in die Heteronormativität zurückgekehrten Freundes begann. Sie habe selber homoerotische Erfahrungen, und noch heute empfinde sie den Anblick von Frauen als erregend, aber eine Familie sei wichtiger. Sie preise die bürgerliche Heuchelei als Quelle der Sittlichkeit (oder umgekehrt). Sie betrachte ihre homosexuellen Erlebnisse als womöglich etwas übertriebene Vergnügen, ungefähr wie Abstürze im Suff. Wenn man den Leuten nicht dauernd einreden würde, dass ihr Kopulationsmodus etwas eminent Politisches oder sogar Fortschrittliches sei, würden viele wieder in den – von ihr aus gern verheuchelt zu nennenden – Schoß der Normalität zurückkehren und hin und wieder einen diskreten Absturz erleben.

Ich erwiderte dazu dies und das, aber es war dermaßen politisch korrekt, dass ich mich scheue, es hier wiederzugeben.

Almodóvars filmisches Alter ego Salvador Mallo muss sich am Ende einer Operation unterziehen. Kurz bevor die Narkose einsetzt, erzählt er seinem behandelnden Arzt, dass er wieder an einem Drehbuch schreibe. Was es denn werde, ein Drama oder eine Komödie?, erkundigt sich der Arzt. Wer wisse das schon vorher?, erwidert Mallo.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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