25. August 2019

Die Künstlergruppe „Frankfurter Hauptschule“ bewirft Goethes Gartenhaus mit Toilettenrollen Fack ju Göhte

Kampfkunst mit Klopapier

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Wurde zum Ziel eines Klopapierangriffs: Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm in Weimar

Mit dem Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ gelang es Kunst- und Kulturschaffenden in Deutschland erstmals, ohne Pinsel, Stift, Klavier, Mikrophon, Meißel oder irgendein anderes Hilfsmittel große und vor allem vielbeachtete Kunstwerke zu schaffen. Das eher jugendliche Team von der „Frankfurter Hauptschule“ eifert dem nun nach – und mit einem Klopapierangriff auf Goethes Gartenhäuschen in Weimar setzten die Kunstaktivisten aus dem langzeitdemokratisierten Teil Deutschlands sofort ein unübersehbares Zeichen.

Nicht ganz zufällig am Tag der traurigen, aber nun mal notwendigen Urteilsverkündung wegen der Hetzjagden im benachbarten Sachsen griffen die 14 originellen Jungkünstler zur Adidas-Hose aus Bangladesch, weißen T-Shirts aus einem Sweatshop in Myanmardemfrüherenburma und selbst handbemalten Gesichtsmasken, um zu gutgelaunten Klängen aus einer chinesischen Boombox einen engagierten Protesttanz gegen einen der unseligsten Säulenheiligen der deutschen Geschichte aufzuführen.

Johann Wolfgang von Goethe, der schon als junger Mann in Trauer um die vom Klimawandel aufgezehrte Erde geschrieben hatte: „Jeden Abend geht die Sonne unter, ohne dass das einem missfällt, wehe aber, wehe, wehe nur einmal, einmal nur ginge die Welt“, ist im Kanon des deutschen Kulturbürgers nach wie vor anerkannt, verdankt seinen Ruf aber ausschließlich einem unaufhörlichen Hörensagen. Seit Jahren schon kennt kein Mensch in Deutschland mehr irgendeinen Menschen, der irgendein Buch von Goethe tatsächlich gelesen hat – weshalb auch niemand mehr weiß, was für ein frauenfeindliches, jedem Veganertum abholdes und klimaverachtendes Dichtersubjekt der gebürtige Hesse war, der ein Leben lang Knecht der Mächtigen blieb, selbst aber Knechter des „wunderlich Volkes“ war, als dass er „die Weiber so wie die Kinder“ bezeichnete.

Zeit für die an Adorno orientierte Hauptschulklasse, hier aufrüttelnd tätig zu werden und Goethens Sexismus schonungslos anzuprangern. „Fack ju Göhte“, tanzen die Bildungsbürgerkinder, ehe sie mit den weitausholenden Bewegungen junger, gutgenährter Weltbürger zum Klopapierangriff auf den Frühfaschisten vom Fürstenhof ausholen. Mutig stellt die gendergemischte Gruppe zu einer ausgeklügelten Choreographie die Unfähigkeit des angeblichen Dichterfürsten nach, sich dem anderen Geschlecht vorurteilsfrei zu nähern, vibrierend drehen sich die Körper umeinander, um Goethes inneres Ringen und seine Angst vor dem Missverstandenwerden zu verkörpern. Nur die Dummheit wisse von keiner Sorge, hat Goethe selbst einmal festgestellt, ehe er daran ging, den nächsten sexistischen Vers zu schmieden. Einer lautete etwa: „Die Weiber, die Weiber! Man vertändelt gar zu viel Zeit mit ihnen“, und fast wäre Goethe damit durchgekommen. Was das für Folgen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen gehabt hätte, ist nicht auszudenken.

Youtube: „Frankfurter Hauptschule – LOLita“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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