19. August 2019

Markt gegen Staat Ein neuer Waldgang

Wie der Täter sich zum Opfer macht

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Die Große Verweigerung: Waldgang

Was mich seit langem tatsächlich immer wieder in Erstaunen versetzt, ist, dass die Dämonisierung des bösen Marktes gegen den guten Staat sich landauf, landab von links bis rechts so hartnäckig hält. Vor allem, dass man mit dem Hinweis, der derzeitige entwickelte Staat vereinnahme und verausgabe (mindestens!) 50 Prozent all dessen, was an Werten in einem Land geschaffen werde, so wenig ausrichtet. Wenn irgendein anderer Marktteilnehmer genauso stark sein wollte wie der Staat, müsste er der einzige Privatanbieter sein, es müsste also ein Totalmonopol geben. Darüber hinaus setzt der Staat auch noch die Regeln, nach denen die Marktteilnehmer handeln dürfen. Er ist also Marktteilnehmer, und zugleich setzt er die Regeln. Der Schiedsrichter spielt auf einer Seite mit. Dies hat mir immer erklärt, warum die privaten Marktteilnehmer (meist) kuschen und sich nicht auflehnen, denn da der Staat der mächtigste Teilnehmer ist, die Regeln macht und sie auch überwacht, wäre man schön blöd, auch nur den Hauch einer Kritik zu üben: Man ist dann schneller aus dem Rennen, als man schauen kann.

Wie gesagt, immer wieder versetzt mich dagegen in Erstaunen, dass diese ungeheure Macht des Staats offenbar völlig ausgeblendet werden und man ohne Widerspruch behaupten kann, dass der Staat geradezu ohnmächtig der Marktmacht der Privaten ausgeliefert sei. Doch vor ein paar Tagen habe ich eine Ahnung von der möglichen Antwort bekommen. 1951 veröffentlichte Ernst Jünger den Essay „Der Waldgang“ als Buch. Darin fragt er unter anderem, warum in Diktaturen wie Stalinismus und Hitlerismus bei Wahlfälschungen eine Zustimmung von „nur“ 97 Prozent herauskomme. Wenn schon Fälschung, dann könnte man doch 100 Prozent Zustimmung erzeugen. Auch das Argument, dies geschehe, um den Schein zu wahren, dass es sich um eine (freie) demokratische Wahl handelt, zieht nicht, denn es gibt keine geheime und freie Wahl, aus der 97 Prozent Zustimmung hervorgeht. Das Ergebnis ist also in dieser Hinsicht nicht glaubwürdig. Die geniale Antwort Jüngers: Um ein so gigantisches Sicherheits- und Repressionssystem zu rechtfertigen wie das unter Stalin und Hitler, muss es Feinde geben, denn wenn alle zustimmen würden, bräuchte es keine Überwachung.

Nun haben wir aber nur sehr wenig Widerstand, drei Prozent. Bei einer so kleinen Zahl von Abweichlern könnten die Leute sagen: Warum muss wegen dieser verschwindenden Minderheit ein solcher Aufwand getrieben werden? Die Diktatur kann den Widerstand auch nicht prozentual größer angeben, weil sie ja behauptet, das ganze Volk zu vertreten und hinter sich zu haben. Aus diesem Grund, so Jünger, muss die ganz kleine Gruppe der drei Prozent, die nicht zustimmen, absolut dämonisiert werden: Sie sind so mächtig, dass sie fast drohen, den gütigen und mächtigen Staat zu zerstören, wenn nicht alles aufgeboten wird, um sie im Zaum zu halten. Bei Stalin zum Beispiel die Kulaken (Großbauern), bei Hitler vor allem die Juden.

Und genauso scheint es auch gegenwärtig mit Staat und Markt zu funktionieren. Der Bereich des freien Marktes wird zwar immer geringer, aber er wird so dämonisiert, dass selbst dieser kleine Bereich ausreicht, um die Menschheit zu schädigen, das Klima zu zerstören, die Menschen in Armut und Not zu stoßen.

Da der Staat die Probleme, die er beklagt und ideologisch erfolgreich den Privaten in die Schuhe schiebt, selber produziert, werden die Probleme auch mit seinem Stärkerwerden unaufhaltsam größer. Und nun setzt auf der ideologischen Ebene das Paradox ein: Da es bereits gelungen ist, die Privaten als die Verursacher der Probleme zu stigmatisieren, müssen diese immer noch zu stark sein; ihnen sind dämonische Kräfte zugewachsen.

Das Gleiche ist natürlich unter Stalin und Hitler passiert. Wenn trotz Entkulakisierung die landwirtschaftliche Produktion sinkt und es zur Hungerkatastrophe kommt, bedeutet dies, dass die Verfolgung der Kulaken intensiviert werden muss, denn die Kulaken sind ja an der sinkenden Nahrungsmittelerzeugung schuld. Genauso war es, als trotz Judenverfolgung das Dritte Reich zunehmend unter militärischen Druck geriet. Daraus musste unmittelbar folgen, die Vernichtung mit noch größeren Anstrengungen fortzusetzen.

In den sogenannten westlichen Demokratien liegen Zustimmungswerte für die Regierung zwar weit unter 50 Prozent (selbst wenn es auch hier sporadisch zu Wahlfälschungen kommt). Ist Jüngers Ansatz auch auf die parlamentarische Demokratie anzuwenden? Er selber hat sich stets geweigert, Diktatur und Demokratie scharf zu scheiden. Wenn wir auf die ideologische Ebene schauen, ändert sich das Bild. Auf der politischen Bühne gibt es keine einzige Kraft, die auch nur ein Quäntchen Liberalismus hochhält. Mehr noch. Wir können an der zur Macht strebenden AfD beobachten, wie mit zunehmendem Erfolg auch die anfänglichen zaghaften liberalen Ansätze verkümmern. Wer die politische Macht erobern will, der kann es sich nicht leisten, die politische Macht als Prinzip in Frage zu stellen. Alles, was nicht so läuft, wie man es den Wählern verspricht, muss dem privaten Handeln angelastet werden, denn sonst verlöre man die Rechtfertigung, dass es besser liefe, hielte man die Macht in Händen. Und wenn die AfD dann vollständig auf die herrschende Linie der sozialen und nationalen Staatsgewalt eingeschwenkt ist und keine Gefahr eines Abbaus des Staats mehr von ihr ausgeht, genau dann ist der Zeitpunkt, an dem ihr die Macht feierlich übergeben werden kann.

„Waldgang“ schließt bei Jünger nicht notwendigerweise ein, physisch in den Wald zu verschwinden und dort als Einsiedler zu leben – wenn er auch diese Variante (literarisch) erprobt hat am Ende von „Eumeswil“ 1977. Nach Jünger bedeutet „Waldgang“ das konsequente Herausgehen aus dem öffentlichen Raum und ihn konsequent zu meiden, der von den herrschenden Kräften totalitär kontrolliert wird. Die Privatheit des Anarchen ist dabei höchst politisch; sie ist die „Große Verweigerung“, wie Herbert Marcuse sie nannte, um einen Widerstandsdenker von der anderen politischen Seite zu nennen und mit Ernst Jünger in eine Linie gegen die Staatsgewalt zu stellen.


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