21. September 2020

Die Wirtschaftsdebatte bei den Corona-Protesten „Demokratischer Widerstand“

Auf der Suche nach einem positiven zukünftigen Leben als Gegenentwurf zum derzeitigen Corona-Grusel

von Christoph Trautner

Artikelbild
Bildquelle: Pablo Scapinachis / Shutterstock.com Naturnahes Leben auf unserem Planeten: (Noch) Eine Utopie

Wer die Freiheit liebt, kann sich nur freuen über die lebendige Protestbewegung gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen. Glücklicherweise beschränkt sich die Bewegung nicht auf die Anprangerung einiger besonders offenkundiger Missstände, Verfassungsbrüche und Absurditäten, sondern versucht tiefer zu schürfen. Mehr noch als für die Ursachenforschung gilt dies für die Suche danach, wie wir in Zukunft leben wollen, welche positiven Entwürfe wir dem von Merkel, Söder, Lauterbach, Bill Gates, WHO und Uno verbreiteten Grusel entgegensetzen wollen. Wir brauchen dafür die offene Debatte, die uns in einem schleichenden Prozess über viele Jahre hinweg aberzogen wurde. Diese kann nur gelingen, wenn Menschen aus unterschiedlichen Milieus, Denkschulen und politischen Richtungen in neu gewonnener Freiheit sachbezogen miteinander sprechen.

Dieser positive Ansatz ist erklärtes Ziel der Gruppe „Nicht ohne uns“ um Anselm Lenz, die seit einem halben Jahr führend und organisierend an den Berliner Corona-Protesten teilnimmt und die Zeitschrift „Demokratischer Widerstand“ herausgibt. Diese hat in ihrer neuesten Ausgabe (Nr. 20 vom 19.9.2020) eine Rubrik veröffentlicht („Es werde Gesetz! Vorschläge für eine neue Wirtschaftsrahmengesetzgebung“), in der eine Auswahl von eingesandten Vorschlägen unter Nennung des Vornamens abgedruckt werden. Mehr davon soll folgen. Dies soll nach dem Willen der Herausgeber in eine Verfassunggebende Versammlung einfließen, die eine Art verbessertes Grundgesetz ausarbeiten soll. Der Anfang einer solchen „Versammlung“, die natürlich nicht repräsentativ sein konnte, sollte im Anschluss an die Großdemonstration vom 29. August in der Nähe des Großen Sterns stattfinden, wurde aber von der Polizei aufgelöst. Wie sich diese Bewegung entwickelt, wird sich zeigen müssen.

Wenn wir die Freiheit lieben, sollten wir weiter an den Protesten gegen die Corona-Grusel-Truppe und ihre Maßnahmen teilnehmen. Ich bin auf jeden Fall dabei. Wir sollten auch die Debatte um die Zukunftsentwürfe genau verfolgen und uns aktiv in sie einschalten.

Bei den meisten der abgedruckten Einsendungen dürfte es sich um eher spontane Äußerungen und Einfälle von Menschen handeln, die angesichts der katastrophalen Lage aufrichtig nach Lösungen suchen, ohne sich bisher allzu sehr in Wirtschaftstheorien, wissenschaftliche Auswertungen empirischer Erfahrungen und dergleichen vertieft zu haben. Auch haben sie wohl, das sieht man vielen dieser Äußerungen an, die Konsequenzen ihrer Ideen nicht in alle Richtungen weitergedacht. Kurz, alles ist vorläufig und vieles ist unausgegoren. Es kann auch nicht anders sein, als dass sich viele Vorstellungen hier finden, die dem sozialismuslastigen Mainstream der letzten Jahre entspringen. Ich sehe diese Debatte nichtsdestoweniger als einen guten Anfang. Die Aufgabe von Menschen, die sich bisher schon mit einer gewissen Systematik und Vertiefung über wirtschaftliche Zusammenhänge Gedanken gemacht haben, besteht darin, die genannten Beiträge und Vorschläge anzusehen und ihre – intendierten wie unbeabsichtigten, guten oder schädlichen – Konsequenzen aufzuzeigen. In diesem Sinne greife ich nachstehend einige Äußerungen heraus und versehe sie mit Kommentaren – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität. In jedem Fall gehe ich von den besten und ehrlichen Absichten der Verfasser aus.

Kerstin schreibt: „... Es muss einen Platz geben für Menschen, die natürlich, wenigstens naturnah leben möchten! Es muss verhandelt werden, wie es gelingen kann, dass es keine Verpflichtung gibt, sich dieser Marschrichtung und Kontrolle anzuschließen, sondern einen anderen Lebensentwurf zu realisieren. Es muss eine Möglichkeit geben für die, die kein neues Normal wollen, und sie dürfen für ihre Ablehnung eines Systems, das beispielsweise Impfungen als Heilmittel ins Zentrum allen Geschehens stellt, weder bestraft noch ausgegrenzt noch benachteiligt werden.“

Kerstin bringt auf den Punkt, welche Richtung wir anstreben sollten. Dabei sollte dies nicht eingeschränkt werden auf Menschen, die in einem enger definierten Sinne „naturnah“ leben wollen. Wir alle wollen uns nicht dieser Marschrichtung und Kontrolle unterwerfen. Gegenüber dem „neuen Normal“ kann es nur eine einzige Antwort geben: nein, nein, nein, und nochmals nein!

Bleiben wir nun bei dem Wunsch vieler, die naturnah leben wollen: Wie können sie diesen Wunsch (zumindest der Tendenz nach) verwirklichen? Eine gute Möglichkeit besteht darin, dass sie Eigentum auf dem Land erwerben: ein Grundstück, ein Haus, einen Gemüsegarten, einen Acker. Das Privateigentum schafft diese Freiheiten. Die Sozialisierungs- und Planungsphantasien, die andere in dem genannten Artikel geäußert haben, verhindern die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes naturnahes Leben zu führen. Oder glaubt jemand im Ernst, dass das funktioniert, wenn man irgendeinen der vorgeschlagenen (Wirtschafts-)Räte um Erlaubnis bitten muss? Wir haben ja bereits flächendeckend gewählte Gemeinderäte, Stadträte, Kreistage und so weiter. Schauen Sie sich mal an, welche Unterstützung Sie von denen für Ihr gewünschtes naturnahes Leben bekommen. Nein, nicht neue, umbenannte oder umorganiserte Räte, gar mit erweiterten Befugnissen, sind die Lösung. Wir brauchen weniger Macht für diese ganzen Räte und Gremien! Ich will mich nicht in Utopien verlieren, aber auf jeden Fall brauchen wir auch weniger von diesen ganzen Gremien. Ein großer Teil der Vorschriften, wie wir unsere Häuser bauen, renovieren und einrichten, wie wir unsere Gärten pflegen und unsere Felder bestellen, muss weg! Ich spreche hier aus meiner eigenen Erfahrung mit einer Hausrenovierung vor einigen Jahren, als Stichwort mag der Dämmwahn hier genügen.

Das Recht auf Eigentum steht übrigens schon im Grundgesetz (Artikel 14). Wir müssen es erhalten und stärken. Hier zeigt sich wie bei vielen anderen Punkten auch: Es kommt nicht darauf an, wie schön Verfassungen und Gesetze formuliert sind, sondern wie sie umgesetzt werden. Das ganze Grundgesetz nützt uns nichts, wenn Regierung, Behörden, Polizei und Gerichte es nicht einhalten und niemand sie an diesem Verfassungsbruch hindert.

Betrachten wir nun einen weiteren Kommentar:

Peter Stephan meint: „Schrumpfgeld oder wenigstens ein Vollgeld-System anstreben.“

Hilft das „Schrumpfgeld“ Kerstin bei der Verwirklichung ihres Wunsches, ein naturnahes Leben auf dem Land zu führen?

Das Schrumpfgeld oder Schwundgeld geht auf eine Idee von Silvio Gesell (1862–1930) zurück. Dieser glaubte, wirtschaftliche Probleme lägen darin begründet, dass die Leute ihr Geld sparen, statt es auszugeben. Er wollte die Wirtschaft reformieren und zukünftige Krisen verhindern, indem das Geld mit zunehmender Zeitdauer an Wert verlieren sollte. Dadurch sollten die Menschen dazu gebracht werden, ihr Geld schnellstmöglich auszugeben.

Was bedeutet ein solches Schrumpfgeld für Kerstin? Nehmen wir an, sie geht arbeiten und bezieht dafür ein regelmäßiges Gehalt. Sie muss dann ein paar Jahre lang auf Konsum verzichten und einen Teil des verdienten Geldes beiseitelegen (sparen), um sich schließlich ihr Grundstück mit Haus und Gemüsegarten auf dem Land leisten zu können. Das Schrumpfgeld wäre da für sie eine Katastrophe. Sie könnte nie genug ansparen, um ihren Traum vom selbstbestimmten naturnahen Leben zu verwirklichen. Dasselbe gilt für jeden anderen längerfristig angelegten Lebensentwurf, wie Gründung einer Firma, Eröffnung eines kleinen Ladens, was auch immer. Es bliebe nur noch das Leben von der Hand in den Mund.

Ist dieses Schrumpfgeld ein rein theoretisches Konstrukt? Nein. Wir haben es längst. Es heißt nur anders: Inflation. Der Wert unseres sauer verdienten Geldes schrumpft von Tag zu Tag, seit einiger Zeit nach offiziellen (schöngerechneten) Berechnungen um knapp zwei Prozent pro Jahr, in Wirklichkeit noch schneller. Der Europäischen Zentralbank (EZB) geht das Schrumpfen ganz offiziell noch nicht schnell genug, sie wünscht sich sogar mehr Inflation. Die Geschichte der letzten Hundert Jahre bietet weltweit Anschauungsmaterial für die verheerenden Auswirkungen von Inflation, also Schrumpfgeld.

Wir sehen also, ein Vorschlag, der sicher eine ehrlich gemeinte Verbesserung herbeiführen soll, ist bei näherer Betrachtung schädlich für unsere Ziele und stimmt zudem mit den Zielen des Establishments, des Finanzkapitals und der Superreichen (!) überein. Genau deren Interessen dient nämlich die EZB. Unser Geld soll durch Inflation schrumpfen, das der Superreichen sich vermehren.

Ich wiederhole, es geht mir um konstruktive Vorschläge und sachbezogene Kritik als Teil einer komplexen, notwendigen Debatte. Halten wir fest, dass der anfangs zitierte Kommentar stellvertretend für viele das Wesentliche zum Ausdruck gebracht hat:

Es muss einen Platz geben für Menschen, die natürlich, wenigstens naturnah leben möchten! ... Es muss eine Möglichkeit geben für die, die kein neues Normal wollen ...

An der Umsetzung und Konkretisierung ist jetzt zu arbeiten. Hoffentlich bringen viele ihre Expertise ein, damit die dieses Jahr begonnene Bewegung für Demokratie und Freiheit die Absichten der Corona-Grusler durchkreuzt und schließlich Gutes herbeiführt.

„Demokratischer Widerstand“

Prof. Dr. med. Christoph Trautner ist Epidemiologe, Master of Public Health und Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen. Er arbeitet seit vielen Jahren auf dem Gebiet medizinischer Studien und der Nutzenbewertung von Arzneimitteln.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Protestkultur

Mehr von Christoph Trautner

Autor

Christoph Trautner

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige