15. August 2019

„Unsere Werte“ als Gottersatz Freiheitliches Nichts

Wenn Gott tot ist, dann ist auch unsere Zivilisation tot

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Neuer Glaube: Was tritt an die Stelle Gottes?

Wenn ich mittlerweile auf etwas allergisch reagiere, dann ist es die allseitige und schlagwortartige Beschwörung „unserer Werte“. Wahlweise „unserer freiheitlichen Werte“ oder „unserer westlichen Werte“. Allergisch deshalb, weil man, wenn man es denn ernst meinte, davon im und am Grund nicht sprechen kann, ohne von Gott zu sprechen.

Es geht hier nicht darum, nach der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes zu fragen oder darum, Gott „gut zu finden“ oder nicht. Es geht darum, dass es schlicht nicht möglich ist, von „unseren Werten“ im Sinn dessen, worauf wir gründen, was uns zusammenhält und woher wir kommen, präzise zu reden, wenn nicht ebenso thematisiert wird, dass sich die Antworten auf diese Fragen in sehr kurzer Zeit radikal verändert und in ihr Gegenteil verkehrt haben. Schlimmer noch: dass Emanzipation offenbar darin besteht, dass man sie umgeht. Es geht darum, dass es kurzsichtig ist und von menschlicher und intellektueller Schmalbrüstigkeit zeugt, nicht zu erwägen und nicht zu erwähnen, dass solches massive Auswirkungen auf den Einzelnen und durch ihn auf die Gesellschaft als Ganzes hat.

Ob es uns gefällt oder nicht: Da, „wo wir herkommen“, ist der Mensch gewollt und kein Produkt des Zufalls. Da, woraufhin er geschaffen ist, ist er Rechenschaft schuldig. Der Grund, auf dem er steht, ist die Würde des Einzelnen durch seine Ebenbildhaftigkeit mit dem Gott der Bibel (nicht der Kirche!). Die Freiheit, die „wir errungen haben“, ist die Freiheit der Bergpredigt: die Befähigung zum Sieg des Geistes über das Getriebensein von Gier, Neid, Sorgenzerfressenheit, Todesangst, Arroganz und Anmaßung hin zur Freiheit im Wissen um die eigene Verantwortlichkeit, um Endlichkeit und Grenzen.

Alles, worauf wir gründen, hat sich während Hunderten von Jahren davon abgeleitet: Demut, Treue, Fleiß, Selbstdisziplin, Hilfe, Beistand. Der Mensch als Teil der Schöpfung und durch das Wort (Bewusstsein) über sie hinauswachsend und entsprechend in Verantwortung stehend. Gebunden an und in Gott und dadurch befähigt, risiko- und leistungsmäßig ohne vor Angst gelähmt zu sein in die Seile zu hängen, buchstäblich alles zu geben. Darauf – auf dieselben Rechte bei und dieselben Pflichten vor Gott – gründete unser Menschenbild, unsere Freiheit, unsere Kultur, unsere Zivilisation.

Wenn also gilt, dass Gott tot sei, der Mensch das Höchste, das Letzte, das Alleinige, dann sollte ehrlicher- und offenerweise auch festgestellt werden, dass unsere Zivilisation tot sei. Es lebt nicht, dessen Wurzeln über Jahrzehnte mit Benzin beträufelt werden. Der Schwung der großen Räder der Freiheit und damit der Rechtssicherheit und des Wohlstands ist ein Restschwung des alten Mechanismus, die Zahnräder stehen längst still. Neuer Schub, wenn er denn kam, endete bisher stets in der Zerstörung der ganzen Maschine. Ein Neuanfang war in der Regel die Rückkehr in die „uralten Grenzen unserer Väter“.

Denn der Mensch – das 20. Jahrhundert steht Zeuge – war dem eigenen Anspruch und Begehren des Nicht-auf-Gott-Angewiesenseins seit seiner Proklamation nie gewachsen und verfiel immer wieder in eine kranke Zerrissenheit zwischen Größenwahn und Selbsthass. Dazwischen wie Moden oder Viren maximales Triebgesteuertsein, maximales Abgreifen, maximales Profitieren, maximale Furcht, maximale Missgunst, maximale Panik, maximale Verantwortungslosigkeit und Beeinflussbarkeit – gebunden durch und an Instinkte, die ihm seinen Platz hinter jedem Tier zuweisen.

Vor dem Hintergrund dieses Ist-Zustands von „unseren freiheitlichen Werten“ zu schwafeln, ist bestenfalls komisch. Präzise, wahrhaftig und emanzipiert wäre es, davon zu sprechen, dass wir das, „worauf wir einst gründeten“, weggewischt haben, abgeschafft und für überholt erklärt. Dass das, was „uns zusammenhält“, sentimentale Launen und dass die Brücken zu dem Ort, „woher wir kommen“, abgefackelt sind. Dass es so was wie „unsere Werte“ für einen Großteil der Gemeinschaft gar nicht mehr gibt. Dass bei derartiger Verweigerung des Blicks in die Vergangenheit jedes „Nie-Wieder“ zur Farce verkommt. Und dass wir dem, was von außen an uns herantritt, buchstäblich nichts entgegenzusetzen haben als gefühlsversiffte Slogans und politisch korrekten Zeitgeist.

Es ist höchste Zeit, über Gott zu sprechen. Darüber, was wir an seine Stelle gesetzt haben und setzen. In der Vergangenheit hat diese „Neubesetzung“ stets über Sprachverlust und ‑verluderung (Wort, Wahrheit, Wissen) in Tyrannei, Elend und Bestialität gemündet. Die Frage ist, ob „wir“ heute weiter sind; ob der Mensch zu einem solchen Weiter in der Lage ist. Alles andere ist eigene Auslieferung an jene, die vorgeben, die Frage für alle beantworten zu können oder beantwortet zu haben – es ist mithin die Aufgabe des Mensch- und Personseins.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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