13. August 2019

Bildungspolitik, Teil sieben (Schluss) Freie Bildung für freie Bürger

Alles ist möglich, solange es freiwillig ist

von Stefan Blankertz

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Freie Bildungslandschaft: Alles ist möglich, solange es freiwillig ist

Zu beschreiben, wie das Leben in Freiheit aussehen werde, ist zweischneidig. Einerseits beflügelt es die Phantasie, sich vorzustellen, was alles Tolles unter dem Prinzip der Freiheit entstehen könnte, andererseits schränkt es diese Phantasie auch ein: Es kann die Vorstellung begünstigen, man wisse schon genau, wie die Menschen handeln und sich entscheiden, wenn sie nicht mehr von der Staatsgewalt gegängelt und bevormundet werden.

Bezogen auf die Schule träumten etwa die linken, progressiven Kritiker der Staatsschule der berüchtigten Achtundsechziger-Generation davon, dass freie Schulen nach den Prinzipien der sogenannten antiautoritären Erziehung aufgebaut sein würden. Was aber, wenn Eltern entscheiden, ihre Kinder zu einer autoritären Schule zu schicken? Wenn Kinder eine solche Schule besuchen wollen? Dürfen religiöse Fanatiker, Rassisten, Homophobe, Elitisten und andere der Schreckgespenster der damaligen Neuen Linken ihre eigenen Schulen gründen und betreiben? Mit der Zeit änderten die Linken ihre Strategie und versuchten, ihre Ideen innerhalb des Rahmens der Staatsschule umzusetzen. Das ermöglichte ihnen, die von ihnen abgelehnten pädagogischen Konzepte auszuschließen.

Nicht anders ist es heute, wenn die konservativen, rechten oder liberalen Kritiker der gegenwärtigen Staatsschule, die ihnen als von Linken dominiert erscheint, davon träumen, dass die wahren und echten Familien sich für eine leistungsorientierte, disziplinierende, nicht-sexualisierte, religiöse und insgesamt die kulturellen Traditionen wahrende Erziehung ihrer Kinder entscheiden werden und zugleich keine Neigung haben, übertriebenen Ökologismus, Veganismus, Genderismus und Klimawandel auf den Stundenplan zu setzen. Sofern diese Kritiker in die Gruppe derer gehören, die besondere Angst vor dem Islam haben, wird ihnen bereits bei dem Gedanken mulmig, dass muslimische Eltern ihre Kinder zu einer von einem Imam geleiteten Schule schicken könnten (dessen Lehrplan übrigens bis auf das Fach Islam ihren eigenen Vorstellungen erstaunlich nahekommen könnte). Darüber hinaus würden sie, wie die Linken der 1960er und 1970er Jahre, die Erfahrung machen, dass die Entscheidung vieler Eltern ihren Ideen geradewegs zuwiderlaufen könnte, sofern sie das Recht hätten, andere als die Staatsschulen zu wählen. Es würde Schulen geben, in denen es vor allem um Kunst und Kreativität und nicht um Leistung geht, in denen frühe sexuelle Aufklärung stattfindet, in denen der Umwelt- und Tierschutz als oberstes moralisches Gebot gelehrt wird, in denen es gar keine traditionelle Fächereinteilung gibt, in denen andere Sprachen als das Deutsche verbindlich sind, in denen eine strikte Inklusion praktiziert wird, in denen man die Geschlechterrollen und -identitäten ablegen lernt, und so weiter und so fort. Werden die konservativen, rechten oder liberalen Kritiker der gegenwärtigen Staatsschule eine solche Entwicklung der Schullandschaft dulden?

Einer Sache allerdings können wir uns absolut sicher sein: Bildungsangebote, die „versprechen“, die Schüler zu demütigen, zu drangsalieren, auszuselektieren, ihnen nichts beizubringen und ihre Zeit zu verschwenden oder sie auf andere Weise zu schädigen, wie es die Staatsschule vielfach tut, die werden vom Markt verschwinden. Der Markt toleriert alles, außer schlechte, schadhafte, schädliche, falsch etikettierte Ware.

Aber nicht nur die Schullandschaft könnte sich unter dem Prinzip der Freiheit grundlegend ändern und diversifizieren (wohlgemerkt: sie muss es nicht; es ist auch denkbar, dass sich ein erzieherisches und inhaltliches Konzept als erfolgreich erweist und zum nahezu einzigen Angebot wird). Darüber hinaus könnte sich unter dem Prinzip der Freiheit auch eine ganz andere biographische Abfolge für einige, für viele oder gar für alle Kinder etablieren: Dann würde es nicht mehr vom Kindergarten über Schule, Ausbildung oder Hochschule zum Beruf gehen, sondern Jugendliche würden viel früher einen (einfachen) Job annehmen und erst später, wenn sie dazu bereit, reif und motiviert sind, Bildung oder berufliche Qualifikationen anstreben. Mir geht es, wie gesagt, nicht darum, zu behaupten, dass diese biographische Abfolge besser sei als die heutige, sondern nur, dass ohne Staatsschule, Schulpflicht und Berechtigungswesen andere Biographien möglich wären (beziehungsweise verbreiteter sein könnten, denn es gibt ja auch schon heute Abweichungen von der biographischen Norm, dass Schule und Ausbildung vor dem Berufseintritt stattzufinden haben). Aber für einige Kinder und Jugendliche wäre eine solche alternative Möglichkeit meiner Überzeugung nach besser.

Und diese Möglichkeit ist auch die Antwort auf den Einwand, was mit solchen Kindern (beziehungsweise Jugendlichen) sei, deren Eltern partout kein Interesse an ihrer Bildung zeigen und auch das Geld, das sie an (direkten und indirekten) Steuern sparen, weil sie nicht zur Finanzierung der Staatsschule gezwungen werden, nicht an die Kinder weitergeben, sondern für den eigenen Konsum oder die eigenen Hobbys ausgeben. Solche Kinder (beziehungsweise Jugendlichen) könnten durch eigene Arbeit selbständig werden und dann später die von ihnen gewünschte Bildung für sich selber organisieren und finanzieren. Wäre es aber nicht für genau diese Gruppe von Kindern (beziehungsweise Jugendlichen) günstiger, wenn der Staat ihre Eltern dazu zwingen würde, in ihre (Aus‑) Bildung zu investieren? Sicherlich nicht. Der Zwang belastet zunächst einmal das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern. Darüber hinaus wirkt sich der erzwungene Schulbesuch auch für die Kinder negativ auf ihre Leistung und ihre Motivation aus.

Alles ist möglich, solange es freiwillig ist. Der Phantasie sei freier Lauf gelassen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bildung

Mehr von Stefan Blankertz

Über Stefan Blankertz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige