06. August 2019

Greta Thunberg fährt mit einer Segeljacht nach New York Ein Schiff wird frommen

Ökologisch vor allem auf der symbolischen Ebene

von Holger Finn

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Bildquelle: Xriss (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Greta Thunbergs Vehikel: Segeljacht „Malizia II“

Im Jahre 1919 benötigte ein modernes Schiff sieben Tage von Großbritannien über den Atlantik bis nach New York. Damals war das die schnellste Art, um aus der Alten in die Neue Welt zu gelangen. 100 Jahre später dauert es etwas länger, zumindest in Fällen, in denen auf Außenwirkung geachtet werden muss wie bei Greta Thunberg, die zu einer der unzähligen Klimakonferenzen nach New York reisen muss. Dabei aber aus naheliegenden Gründen kein Flugzeug benutzen darf.

Die Wahl der jungen Schwedin fiel auf eine monegassische Segeljacht, die zwei Wochen zur Querung des Atlantiks benötigen wird. Beispielhaft, wenn auch nicht für gewöhnliche Sterbliche, deren Jahresurlaubszeit nach Ankunft in Amerika bei dieser Reiseart nur noch einen kurzen Abstecher an Land erlauben würde, ehe es schon wieder an die Rückreise gehen müsste. Doch hier geht es um Symbolik, und das aus Kohlefaserstoff hergestellte Schiff, das neben den beiden Skippern noch Thunbergs Vater und – für die spätere mediale Auswertung der Reise unumgänglich – einen Kameramann an Bord haben wird, liefert die wie gewünscht.

Allerdings nur auf den ersten Blick. „Kohlefasern“ klingt nach Hightech, sauber und schnittig. Thunberg vermittelt hier das Bild der ökologisch Reisenden, kein Kerosin, kein schmutziger Schiffsdiesel, kein Benzin, nur Wind und Segel und Natur pur. Der Dieselmotor, den die „Malizia II“ durchaus an Bord hat, wird vor dem Auslaufen versiegelt. Es soll niemand der Ikone des Klimastreiks etwas nachsagen können.

Doch der Werkstoff, aus dem die Jacht besteht, tut das dann doch. Kohlefaser besteht zu 95 Prozent aus reinem Kohlenstoff, wie er in der Natur in Form von Graphit oder Diamant vorkommt. Zur Gewinnung in der Praxis benutzt werden aber nicht Diamanten, sondern meist einfach Steinkohlenteer oder Petroleumpech. Der so produzierte reine Kohlenstoff ist nun aber ein Material, das unlöslich und unschmelzbar ist und deshalb als Grundlage für den Schiffsbau ausfällt.

Um nutzbar zu werden, müssen nicht schmelzbare Kohlenstoff-Polymerfäden erst durch eine „Pyrolyse“ genannte Verkokung mit einer durchgehenden Kohlenstoffkette versehen werden. Die Voroxidation findet dabei in sauerstoffhaltiger Atmosphäre bei 200 bis 300 Grad statt, die eigentliche Karbonisierung erfolgt bei 800 bis 1.500 Grad, und anschließend ist auch noch eine Hochtemperaturbehandlung bei 2.000 bis 3.000 Grad nötig.

Das klingt schon chemisch und energieintensiv, ist aber bei näherer Betrachtung sogar noch mehr als das. Die Herstellung von Kohlefaserverbundstoffen verbraucht fast doppelt so viel Energie wie das Schmelzen von Stahl und ist zehn Mal energieintensiver als die Herstellung von Glasfasern. Der Energiebedarf allein für die Epoxidharzproduktion zum Beispiel ist vergleichbar mit dem für Aluminium.

Das Problem dabei: Lassen sich Stahl oder Aluminium nach abgelaufener Nutzungsdauer eines Autos, einer Brücke oder eines Schiffs einfach einschmelzen und neu verwenden, ist ein Recycling von Kohlefaserstoffen aufwendig und teuer. Hier müssen die Fasern freigelegt werden, ohne sie zu schädigen. Und dennoch wird alte Kohlenfaser nicht neu, auch nicht die drei Tonnen, die in der „Malizia II“ stecken. Denn während bei der Erstproduktion eine Endloskohlenstofffaser wie ein Weidezaun rechtwinklig verwoben wird, liegen die kürzeren Fasern im Recyclingvlies wirr in alle Richtungen verstreut.

Ökologisch ist Greta Thunbergs Reise also vor allem auf der symbolischen Ebene, ökologischer aber wäre sie gewesen, hätte die junge Schwedin als Küchenjunge auf einem Containerschiff angeheuert, das ohnehin nach New York fährt. Große Güterschiffe sind, was den Energieeinsatz pro beförderter Lasteinheit betrifft, schließlich immer noch das ökologischste Transportmittel.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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