02. August 2019

Bildungspolitik, Teil sechs Bildung zur Armut

Die Staatsschule schädigt die Armen

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Staatsschule: Wirklich das Beste für „die Armen“?

Die mit (Schein‑) Kostenlosigkeit, Schulpflicht und Berechtigungswesen bewehrte Staatsschule wird als soziale Errungenschaft gepriesen. Mit der Kostenlosigkeit sieht man den Zugang zur Bildung unabhängig vom Einkommen gesichert, während die Schulpflicht garantiert, dass die Kinder aus bildungsfernen Familien auch gegen den Willen ihrer Eltern und sogar gegen ihren eigenen Willen zum Erwerb eines Abschlusses gezwungen werden, ohne den sie das Leben nicht meistern könnten.

Diese Ansicht von der Staatsschule als soziale Errungenschaft ist so tief verwurzelt, dass nahezu jede Diskussion um die Probleme und Defizite der (Staats‑) Schule sofort umkippt, wenn jemand die Möglichkeit einer Entstaatlichung der Schule vorschlägt: Dann wird, egal was vorher für scharfe Kritik an den Verhältnissen in den öffentlichen (das heißt staatlichen) Schulen herausgestellt wurde, nur noch darüber gejammert, dass ohne die Staatsschule „die Armen“ keine Chance auf Bildung mehr hätten und weiter verarmten.

Dieses Jammern ist bemerkenswert, denn welche Chance haben „die Armen“ innerhalb des bestehenden Systems? Jede soziologische Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass das bestehende System denjenigen nützt, die in ihm Erfolg haben und dass es durchschnittlich eben nicht die Kinder „der Armen“ sind, die mit Schulerfolg aufwarten. Wer sich noch die Mühe macht, bis zu diesem Punkt mitzudiskutieren, wird vielleicht sogar diese Binsenweisheit zugestehen, dann aber dazu übergehen, zu fordern, der Staat möge durch eine Veränderung seiner Bildungspolitik dafür Sorge tragen, dass sich das ändert. Über die geeignete Strategie, den Kindern der Armen mit der Schule bessere Perspektiven zu öffnen, bestehen allerdings vielerlei unterschiedliche Auffassungen. Anstatt eine nach der anderen auszuprobieren (und dann womöglich scheitern zu sehen), wäre es doch viel besser, über einen freien Bildungsmarkt den unterschiedlichen Ansätzen zu erlauben, sich im gegenseitigen Wetteifer zu erproben und zu erweisen, dass sie das auch erreichen, was sie versprechen.

Wie schädigt die Staatsschule den Armen? Das Schulsystem habe die Aufgabe, sagte Pierre Bourdieu in seiner Vortragsreihe über den Staat 1990 (also bevor er Ende 1990er Jahre ausrastete und alle Kritik am Staat vergaß, um den Neoliberalismus für alles Böse in der Welt verantwortlich zu machen), „die Kinder der benachteiligten Schichten zu entfernen“. Dies gilt nicht nur und vielleicht gar nicht einmal vornehmlich für das dreigliedrige Schulsystem (das es nur im deutschsprachigen Raum gibt), sondern auch und vor allem für Einheitsschulsysteme. Denn in einem Einheitsschulsystem kommen genau die Kinder voran, für die das System optimal passt oder die sich an dieses System anpassen können beziehungsweise wollen; alle anderen werden ausgeschlossen. Die Gründe dafür, dass ein Kind in dem staatlichen Einheitssystem nicht vorankommt, sind vielfältig, sie liegen oft in den persönlichen Neigungen oder den familiären Umständen begründet. Doch aufs Ganze gesehen steht soziologisch fest, dass das größte Handicap für den Erfolg in der Schule das Fehlen einer Mittelschichtsozialisation ist. Der Zwang, in einem System zu verbleiben, das einem nicht liegt und das Gefühl vermittelt, erfolglos oder sogar menschlich wertlos zu sein, bereitet sicherlich besonders schlecht auf ein erfolgreiches Meistern des Lebens vor.

Die durch Schulpflicht, (schein‑) kostenlose Schule und Berechtigungswesen vorgezeichnete Biographie, dass man in der Kindheit und Jugend seine (Aus‑) Bildung zu absolvieren und eine für den Berufseintritt gültige Berechtigung zu erwerben habe, schädigt die Kinder der Armen auch noch auf die folgende Weise: Kinder beziehungsweise Jugendliche, die aus sozialen, familiären oder individuellen Umständen heraus zunächst einer schlichten Erwerbsarbeit nachgehen müssen (oder wollen), haben deutlich geringere Chancen, dass ihre Qualifikation durch Arbeit später zum Erfolg führt. Da die Institutionen der (Aus‑) Bildung fast ausschließlich auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind, ist ein Nachholen der Abschlüsse immer weniger möglich.

Die sogenannte „Bildungswerbung“ gaukelt den Armen vor, dass ihre Chancen um so größer würden, je höher ihre schulisch erworbene Qualifikation sei. Dies ist eine böse Illusion. Denn je mehr Menschen das Niveau einer gewissen schulischen Qualifikation erreichen, desto wertloser wird sie, das heißt desto weniger hilft sie auf dem Arbeitsmarkt. Dies führt zu einer Spirale im Berechtigungswesen, bei der nach immer höheren Berechtigungen gejagt wird. Das bedeutet eben auch, dass der Besuch von Schule und Hochschule immer länger dauert. Je weniger diese Form des Lernens für Kinder und Jugendliche geeignet ist, desto mehr schädigt es sie, wenn der Verbleib im Schulsystem verlängert wird.

Als besondere Ironie sind die Armen über ihre (direkten und indirekten) Steuern gezwungen, das Schulsystem, das sie in dieser Weise schädigt, auch noch zu finanzieren. Bei der Durchsetzung der Schulgeldfreiheit spielte es sozialhistorisch eine große Rolle, dass die Mittelschicht die Kosten der (Aus‑) Bildung ihrer Kinder auf die Allgemeinheit umlegen wollte. Das ist ihr gelungen, und die Verbissenheit, mit der an dem faktisch falschen Bild festgehalten wird, die (schein‑) kostenlose Schule sei eine soziale Errungenschaft, ist ein Anzeichen dafür, dass es sich dabei um Ideologie handelt.

Wie würde ein freier Bildungsmarkt den Armen nützen, wenn sie künftig über das Geld selber verfügen könnten, das ihnen heute zur Finanzierung des öffentlichen Schulsystems mit Staatsgewalt abgenommen wird? Da niemand ein Angebot nutzt, das ihm (oder in diesem Fall: seinen Kindern) schadet, werden alle solche Schulen und (Aus‑) Bildungseinrichtungen vom Markt verschwinden, in denen die Kunden (Kinder) aussortiert werden oder ihnen beigebracht wird, dass sie Versager seien. Die Ansichten der Eltern, was für ihre Kinder nützlich sei, werden unterschiedlich sein und auch unterschiedlich treffsicher. Es kann zu manch einer Fehleinschätzung kommen, sei es aufgrund von unglücklichen Zufällen, sei es aufgrund von Desinteresse oder Nachlässigkeit; aber es gibt vielfältige Möglichkeiten, Fehler zu korrigieren. Mit zunehmender Selbständigkeit der Kinder können diese selbst entscheiden. Auch noch als Erwachsene werden sie die Chance haben, Defizite auszugleichen; denn danach wird es Nachfrage geben. Aus ihren selbst gemachten Fehlern können Eltern und Kinder lernen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen. Ganz anders verhält es sich im staatlichen Zwangssystem: Jede negative Erfahrung mündet in die Demütigung, ohnmächtig dem System ausgeliefert zu sein und trotz innerer Ablehnung sich in es fügen zu müssen. Andererseits lässt sich eben auch empirisch zeigen, dass Schulsysteme, je stärker sie diversifiziert und privatisiert werden, für die Armen desto nützlicher sind und desto bessere Chancen bereitstellen.


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