01. August 2019

Wahlkampf in Österreich Die Mutter aller Schlammschlachten

Alle gegen Basti

von Andreas Tögel

Artikelbild
Bildquelle: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com Es läuft nicht mehr ganz so glatt für ihn: Sebastian Kurz

Unverhofft kommt oft. Nachdem der Strahlemann der ÖVP, der österreichische Kurzzeitkanzler Sebastian Kurz, eine gut funktionierende Koalition mit den Freiheitlichen aus bis heute nicht nachvollziehbaren Gründen in die Luft gesprengt hat, läuft‘s für ihn nicht mehr ganz so glatt, wie er sich das vorgestellt hat. Die ebenso intelligente wie charismatische Ex-SPD-Anführerin Andrea Nahles würde diesen Umstand wohl so kommentieren: „Bätschi!“

Nach dem Abgang von Heinz-Christian Strache als Vizekanzler gehörte keine weitere durch die „Ibiza-Affäre“ belastete Person der österreichischen Regierung an. Warum Kanzler Kurz also auch noch den Kopf des daran unbeteiligten und nur bei linken Medienschaffenden und Bobos unbeliebten Innenministers Herbert Kickl forderte, was in der Folge zum Koalitionsbruch führte, ist bis heute rätselhaft. Diese Frage wurde auch durch Kurz‘ zuletzt in der Fernsehsendung „Zeit im Bild 2“ abgesonderte fadenscheinige Erklärungsversuche nicht plausibel beantwortet.

Das seit Jörg Haider zweifellos größte Polittalent der Alpenrepublik hat sich in gleich mehrerer Hinsicht verspekuliert: Zweifellos hat er – nach einem unmittelbar nach dem „Ibiza-Skandal“ erfolgreich geschlagenen Europawahlkampf – nicht damit gerechnet, einem von frustrierten Sozialisten initiierten und von beleidigten Freiheitlichen unterstützten parlamentarischen Misstrauensantrag zum Opfer zu fallen. Kurz kann den jetzt laufenden und täglich mehr zur Schlammschlacht ausartenden Wahlkampf also nicht vom Kanzleramt aus führen. Damit ist er eines klaren wahltaktischen Vorteils verlustig gegangen. Das haben die Roten – aus parteipolitischer Sicht gesehen – also richtig gemacht. Die Blauen indes deutlich weniger, denn für sie gibt es ja keinen anderen Koalitionspartner als die ÖVP, weshalb es auch für sie keinen Vorteil bringt, dieser Partei zu schaden. Aber wer kann schon so weit über einen derart breiten Schatten springen?

Außerdem hat der smarte Jungstar der ÖVP absolut unterschätzt, mit welcher Vehemenz und mit wie viel unverhülltem Hass die unter der unangefochtenen Führung des staatseigenen Rotfunks stehende linke Jagdgesellschaft auf ihn einprügeln wird. Möglicherweise leidet er ja, wie viele Hochbegabte, unter einer milden Form des Cäsarenwahns, der ihn glauben macht, er wäre unangreifbar. Dass das nicht stimmt, muss er nun täglich aufs Neue erleben. Kein Tag vergeht, an dem die Medien nicht eine neue Sau durchs Dorf treiben und ihm verschiedenste Verfehlungen und Skandale vorwerfen. Jedes unbedeutende Staubkorn wird zum Gebirge aufgeblasen. Jeder noch so nichtswürdige Politzwerg darf ihn – unter dem schadenfrohen Geheul der Hauptstrommedien und mit entsprechend ausführlicher Berichterstattung – anschwärzen oder mit Anzeigen bedrohen. Die Niedertracht kennt dabei keine Grenzen. Selbst vor übelsten Anschuldigungen wird nicht zurückgeschreckt: Neuerdings kursieren unter anderem Meldungen im Internet, Kurz habe sich als Kinderpornostar und als Stricher betätigt. Ekelerregend. Wenn der Exkanzler in der Berichterstattung überhaupt vorkommt, dann nur in negativem Kontext.

Die Linksjournaille wittert Morgenluft. Bis zur Wahl ist es noch lange hin – und wer nur lange und intensiv genug mit Dreck beworfen wird, so ihr perfides Kalkül, beginnt eben irgendwann einmal zu stinken. Es kommt der Tag, an dem sich schlichtere Naturen unter den Wählern (also eine solide Mehrheit) von seinem Hautgout werden abschrecken lassen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Exkanzler den medialen Dauerbeschuss unbeschadet überstehen wird. Derzeit noch recht gute Umfragewerte könnten sich am Ende als Trugbild herausstellen.

Für Sebastian Kurz tut sich aber noch ein Problem auf: Schon jetzt stellt sich nämlich die Frage nach möglichen Koalitionspartnern. Zwar signalisieren die Freiheitlichen Interesse an einer „Fortsetzung der erfolgreichen Regierungsarbeit mit der ÖVP“ (FPÖ-Parteichef Norbert Hofer), doch werden die Blauen sich vom alten und möglichen neuen Regierungspartner kaum vorschreiben lassen, mit welchem Personal sie anzutreten gedenken. Da aber Kurz einen Ministerposten für den effektivsten FPÖ-Mann der abgewählten Regierung, Herbert Kickl, von vornherein ausschließt, wird es wohl nicht passen.

Was von den Roten zu halten ist, kann man täglich auf der Facebook-Seite ihrer Führerin Joy Pamela Rendi-Wagner lesen: alles „gratis“! Freibier und goldene Uhren für alle! – so lautet, kurz zusammengefasst, ihr Wahlprogramm. Steinzeitsozialismus. Kommentar überflüssig. Im Gemeindebau sozialisiert worden zu sein und über den großen Proletariernachweis – und sonst gar nichts – zu verfügen, wird auf Dauer nicht reichen.

Die wiedererstarkenden Grünen stehen links von den Kommunisten, und von den halblustigen Neos, der Nachfolgetruppe des selig entschlafenen „Liberalen Forums“ (bis zur Gründung der Neos wurde der gute Name des Liberalismus niemals schamloser missbraucht und beschädigt als durch diesen Haufen), ist außer der quasireligiösen Verehrung der Brüsseler Zentralbürokratie und makelloser politischer Korrektheit nichts zu erwarten.

Basti wird es nach der Wahl im Herbst also nicht leicht haben – falls er dann überhaupt noch in die Verlegenheit kommt, mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden. Die Wählergunst ist nämlich, so wie das Glück, ein Vogerl: Fortg‘flogn is glei. Und schließlich und endlich hockt in der Hofburg auch noch ein in der Wolle gefärbter Alt-Achtundsechziger, der ihm da noch kräftig in die Suppe spucken kann – und das zweifellos auch tun wird, wenn er es im Sinne des Klassenkampfes für angezeigt hält.

Fazit: Wer sich bislang noch nicht mit Grausen vom Sumpfbiotop der Politik im Land der Hämmer abgewandt hat, ist zu seinen bemerkenswerten Magennerven und zu seiner dicken Haut zu beglückwünschen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Österreich

Mehr von Andreas Tögel

Über Andreas Tögel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige