01. August 2019

Constanze von Bullion in der „Süddeutschen Zeitung“ über den Mord am Frankfurter Hauptbahnhof Innere Abkühlung und Härte des Rechtsstaates

Harte Strafen helfen nur im Kampf gegen Rassismus

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Bieten keinen Schutz vor Mördern: Überwachungskameras

Einige wenige nur behalten einen kühlen Kopf in diesen heißen Klimasommertagen, in denen eine Reihe von Einzelfällen brutaler Gewalt Medien zwingen, von „Attacken“, „Vorfällen“ und „Schubsern“ zu schreiben oder aber von „Mordanschlägen“ und „vielfach miteinander vernetzten Rechtsterroristen“. Kaum lag der kleine Achtjährige in Frankfurt im Gleis, rückte die Polizei aus, um wieder einmal ein paar mutmaßliche rechte Mörder dingfest zu machen.

Diesmal die „Sturmbrigade“, einer Art vielleicht bewaffneter Arm der „Wolfsbrigade“, eines sechsköpfigen Kommandos in vier Bundesländern, das wie seinerzeit die Böllerbomber aus dem Dunkelwald unterwegs war, das verfassungswidrige „Wiedererstarken eines freien Vaterlandes“, diesmal aber nach dem „germanischen Sittengesetz“, durchzusetzen. Angst auf den Straßen vor noch mehr rechter Gewalt, vor langen, dunklen Heimwegen, auf denen Sachsen-Nazis lauern, Sturmbrigadisten und Wolfsmänner.

Constanze von Bullion aber, bei der „Süddeutschen Zeitung“ berufen, den braunen Popanz unentwegt zu suchen und zu finden, mag nicht in die ängstlichen Chöre einstimmen, die da nun Bundesbahngleisschubsbremsen fordern, eine Ausweispflicht für Bahnsteigkarten, ein Zuzugsverbot für Schweizer und die strikteste Beachtung aller Markierungen für Sehschwache im Gleisbereich. Bullion ist hier unten, im tiefsten Tal der Ratlosigkeit, wie eine Gesellschaft wieder zu sich finden soll, wenn sie erst einmal vom Misstrauen ihrer Bürgerinnen und Bürger gegeneinander zerfressen wird, höchst optimistisch. „Zur Wahrheit gehört auch, dass bei Gewaltdelikten die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger noch überproportional hoch ist“, schreibt sie, und das „noch“ im Satz ist kein Zufall. Bald schon, ganz bald wird es andersherum sein.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch, da heißt Frau von Bullion nicht Frau von Schreck, zu sagen, dass „zur Wirklichkeit gehört, dass keine Videokamera und keine noch so scharfe Überwachung überall vor Mördern oder psychisch vorbelasteten Tätern schützen kann“. Das ist eben so. Nun sind sie eben da. Nun muss man damit leben. Wenn sie einen denn lassen.

Der Rest ist Sache des Rechtsstaates. Weil „Nationalität und Hautfarbe keine Erklärungen liefern für Verbrechen oder Wohlverhalten eines Menschen“, muss an einer Stelle Schluss sein mit Aufregung, Angst und Empörung. Wer schubst und damit einen „Vorfall in Frankfurt“ (CvB) verursacht, dem heißt es strikt mit „innerer Abkühlung“ (CvB) zu begegnen. Man fühlt die Galle kommen, muss sie aber schlucken. Nützt ja nichts, hier nach harten Strafen zu rufen, wie es die Nazis und Rechtspopulisten tun. So sind wir nicht, jedenfalls nicht bei diesem Delikt und nicht bei der „Süddeutschen“.

Doch andererseits, schreibt Bullion wenige Sätze später: „Wer rassistischen Denkmustern anhängt und zu ihrer Umsetzung ermutigt, muss die ganze Härte des Rechtsstaats spüren.“

„Süddeutsche Zeitung“: „Von der Politik ist jetzt Entschlossenheit gefragt – ohne Emotionen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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