29. Juli 2019

Bildungspolitik, Teil fünf Wer prüft, bestimmt

Wie die Staatserziehung den Markt für sich instrumentalisiert

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Nicht sehr freiheitlich, wenn das Ziel der staatliche Abschluss ist: Homeschooling

Eine liberale Idee, um die bekannten Mängel der Staatsschule zu heilen, besteht darin, dass der Staat zwar Standards (etwa durch öffentliche Prüfungen) setzt und kontrolliert, aber den Weg dorthin den Marktkräften überlässt: Die Eltern entscheiden sich für ein Angebot der auf dem Markt konkurrierenden Bildungsfirmen. Sie werden sich für das Angebot entscheiden, das zum einen verspricht und belegen kann, dass seine Absolventen die staatlich vorgeschriebene Prüfung schaffen, und zum anderen dieses Ziel auf kostengünstige Weise realisiert. Soweit ich es überblicke, hat der englische utilitaristische Philosoph John Stuart Mill (1806-1873) dies als erster in seiner Schrift „Über die Freiheit“ („On Liberty“) vorgeschlagen, in der er sich auch auf Wilhelm von Humboldt bezog.

Die Idee ist bestechend: Der Markt zeigt auf anderen Gebieten, dass er zur Zielerreichung führt, und dies mit dem geringstmöglichen Aufwand an Mitteln und Ressourcen. Warum nicht auch bezogen auf Bildung? Es kommt noch eine weitere Überlegung hinzu. Wenn es sich um die Produktion von materiellen Gütern handelt, ist der verwendeten Materie die Art ihrer Behandlung „egal“, sie empfindet dabei nichts. Bei der Bildung handelt es sich demgegenüber um Menschen. Wie menschenverachtend der Umgang mit Kindern und Jugendlichen in den staatlichen Bildungsinstitutionen oft vonstattenging und immer noch vonstattengeht, ist allgemein bekannt. Wenn die Schulen demgegenüber sich um die Kunden bemühen müssten (das heißt, ihnen werden die Kunden nicht durch Schulpflicht und durch das Berechtigungswesen zugeführt), ist es für sie ebenso überlebenswichtig, dass sich die Kinder und Jugendlichen in ihnen wohlfühlen, wie dass sie das angestrebte Ziel auch erreichen.

Der Vorschlag ist auch viel weniger radikal, als er zunächst erscheinen mag. In den meisten Staaten gibt es neben den öffentlichen (das heißt staatlichen) Schulen auch mehr oder weniger private Angebote. In Teil drei der Serie bin ich darauf eingegangen, warum sich diese Konkurrenz unter den herrschenden Bedingungen selbst dann nicht verbreiten kann, wenn sie nachweislich besser als das öffentliche Angebot ist. Dennoch ist festzuhalten, dass es Alternativen gibt, in vielen Ländern ist darüber hinaus Homeschooling erlaubt; in der Bundesrepublik Deutschland allerdings nicht. Dafür gibt es neben der öffentlichen Schule konfessionell gebundene Schulen, Montessori-Schulen, Waldorf- beziehungsweise Steiner-Schulen, sowie sogenannte „demokratische Schulen“ (die die Erben der früheren „antiautoritären Schulen“ sind). Im Bereich der Schulpflicht sind den Alternativen in Deutschland enge Grenzen gesetzt, darüber hinaus ist es leichter, eine nicht-staatliche, private Schule zu gründen.

Für Eltern, die mit der öffentlichen Schule nicht einverstanden sind, sei es, weil sie den Leistungsdruck dort zu hoch finden, sei es, weil sie die Leistungsforderung dort zu niedrig einschätzen, sei es, dass ihnen die dort vermittelten Inhalte und Werte gegen den Strich gehen, sei es, dass sie die praktizierten pädagogischen Methoden ablehnen, ist die Möglichkeit, ihr Kind auf eine private Alternativschule nach ihrem Geschmack zu schicken oder selber zu Hause zu unterrichten, Gold wert. Für die Kinder, denen die Tortur der öffentlichen Schule erspart bleibt, ist sie ein Segen.

Allerdings setzt der Staat den Alternativen enge Grenzen. Sofern sie mit öffentlichen Geldern subventioniert werden (so dass sie wenigstens halbwegs mit dem scheinkostenlosen Angebot der Staatsschule konkurrieren können), unterliegen sie der strikten Kontrolle. Auch wenn sie keine Subventionen erhalten, bedürfen sie der staatlichen Genehmigung. In den USA lässt sich zum Beispiel beobachten, dass die Erlaubnis, Homeschooling zu betreiben, sofort eingeschränkt wird, wenn sich der Trend dazu verbreitet.

Bei der Diskussion um die möglichen Alternativen zur öffentlichen Schule wird aufgrund der weitgehend durchgesetzten staatlichen Infrastruktur in vielen Ländern, so auch in Deutschland, der Blick auf die Erlaubnis des Homeschooling eingegrenzt. Obwohl diese Erlaubnis aus der Perspektive der Freiheit sicherlich wünschenswert ist, warne ich vor dieser Einengung des Blicks. Denn nicht alle Eltern sind willens und in der Lage, Homeschooling durchzuführen. Das Homeschooling ist eigentlich ein vor-kapitalistisches Modell, das die Vorteile der Arbeitsteilung unterläuft. Es hat seinen guten Sinn, dass es spezialisierte Fachkräfte für die Vermittlung von Bildungsinhalten oder Verhaltenszielen gibt. Die Eltern sind nicht immer und nicht überall und nicht in jeder Lebensphase des Kindes die hierfür am besten geeigneten Personen. Echte Wahlfreiheit verlangt, dass einerseits Homeschooling möglich ist, andererseits den Eltern weitere nicht-staatliche Optionen zur Verfügung stehen.

Vor allem aber ist es das Berechtigungswesen, das die alternativen Bildungseinrichtungen auf Linie hält. Solange der Staat definiert, mit welchem von ihm verliehenen Zertifikat man zur Ausübung welcher Tätigkeit berechtigt sei, zum Studium, zur Ausübung eines bestimmten Berufs, kontrolliert er die Inhalte und die Form dessen, was jemand lernt. Als kleines Detail greife ich heraus: Wenn in der staatlich verordneten Prüfung ein Verstoß gegen die gendergerechte Sprache mit Punktabzug geahndet wird, wird auch die private Institution, zu der ein Kind geht, diesem die Verwendung der gendergerechten Sprache effektiv beibringen. Denn wenn sie es nicht täte, würden die Eltern sich zu Recht um ihr Geld geprellt fühlen (sofern sie das Bildungsangebot gewählt haben, um ihre Kinder auf das Bestehen der Prüfung vorzubereiten).

Dies würde auch für das Mill-Modell einer völlig dem Markt überantworteten Bildungslandschaft zutreffen, wenn der Staat am Ende die Erreichung der von ihm gesetzten Standards überprüft. Es ist zu erwarten, dass ein solches Modell auf eine reibungslose und kostengünstige Art und Weise die Einhaltung der Standards garantiert, und wäre in diesem Sinne für die Beteiligten sowohl menschlich als auch materiell ein großer Fortschritt gegenüber dem bestehenden System. Zugleich aber könnte der Staat (das heißt, die den Staat beherrschende soziale Gruppe oder die Mehrheit) jedwedes inhaltliche Ziel ebenso wie jedwedes Verhaltensziel setzen, das der Markt dann optimal durchsetzt. Diese Macht sähe ich dem Staat lieber genommen als gegeben.


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