27. Juli 2019

Bekämpfung des Individuums Aufklärung 2.0

Die Diktatur des Jetzt

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Nicht mehr erwünscht: Individuum

Wer sich ergebnisoffen mit Minderheiten- und Identitätspolitik befasst, wird früher oder später die Tatsache akzeptieren müssen, dass das konsequente Hintanstellen des Einzelnen Teil und Konsequenz davon ist. Dass die Gruppe in diesem Konzept mehr zählt als das Individuum. Dass dieses nicht durch sein Entscheiden, sein Tun und die Übernahme der Verantwortung dafür seinen Wert erhält, sondern einzig durch Eigenschaften, die es als einer bestimmten Gruppe zugehörig definieren. Weiß, schwarz, schwul, trans, rechts, links, weiblich, männlich, und so weiter. Dasselbe gilt für alle „Gleichheits“‑ und „Gerechtigkeits“-Politik: Wo alles gleich sein soll, wird das Einzigartige zum Gefährdenden.

Dem, der meint, solches sei eine temporäre Erscheinung, ein überwindbarer Kollateraleffekt, schließlich habe man die Aufklärung hinter sich, man habe Menschenrechte, und was als die Degradierung bis hin zur Abschaffung des Individuums verteufelt werde, sei in Wahrheit die Überwindung individueller und nationaler Egoismen, dem ist entgegenzuhalten: Nein, Freund – das Gegenteil ist der Fall. Alles deutet darauf hin, dass das nicht temporär und kollateral ist, sondern langfristige Strategie. Ein Blick auf zwei weitere Aktionsfelder des Politischen macht es deutlich. Stichwort: Zukunft.

Was uns zu Menschen macht, ist die Übernahme von Verantwortung für unser Sein und unser Handeln. Auch und gerade solches, das nicht auf die Gegenwart beschränkt bleibt. Wer selbstverantwortlich lebt, denkt über das Hier und Heute hinaus und versucht, mit seinem jetzigen Tun seine Zukunft durch Vorsorge zu gestalten. Er versucht, dem Unbekannten das Gefährliche zugunsten des Möglichen abzuringen. Dies dadurch, dass er heute auf etwas verzichtet – Geld, Güter, Zeit, Vergnügen –‍, um in seiner Zukunft durch Wissen, Können, Vermögen und so weiter so sicher und kraftvoll wie möglich aufgestellt zu sein. Zukunft gestalten bedeutet also zum großen Teil individueller und freiwilliger Verzicht im Heute.

Das ist nicht mehr erwünscht. Individuelle Sorge und Vorsorge werden konsequent entmutigt. Das zeigt sich sowohl in der aktuellen Klimapolitik als auch in der Geldpolitik. Viele verzichten aufgrund des Wissensstands in den Bereichen Umwelt und Natur seit Jahren freiwillig auf Liebgewonnenes. Einer verzichtet auf Zentralheizung und Klimagerät. Ein anderer auf Fleisch aus Massentierhaltung. Wieder ein anderer ist zum letzten Mal in ein Flugzeug gestiegen, als es noch als ewiggestrig galt, nicht in Nepal gewandert zu sein oder sich in Papua-Neuguinea selbst gesucht zu haben. Und noch ein anderer schließlich pflanzt auf seinem Grundstück Bäume oder streicht sich den Komfort des Autos. Das Verrückte: Wer so lebt und dies auch äußert, der zählt in der aktuellen Debatte nicht. Ihm wird entgegengebrüllt: „Wir wollen nicht Einzelne, die freiwillig auf viel verzichten. Wir wollen Millionen, die auf das verzichten, das man ihnen sagt.“ Der Tenor von Artikeln, Slogans, Plakaten und Memen: Nicht du und freiwillig, sondern alle auf Befehl. Jetzt. Radikal. Oder anders gesagt: Der Glaube an die verändernde Kraft des individuellen Tuns – in diesem Fall des Verzichts zugunsten einer möglichst gesunden Umwelt in der Zukunft – ist bereits abgeschafft und ersetzt durch die heute bequeme und morgen fatale Überzeugung, dass nur obrigkeitlicher Zwang aller etwas bewirken kann. Individuelle Verantwortung lohnt sich nicht. Das ist die Botschaft. Wäre es anders, dann würde die klimaschutzwillige Mehrheit Hunderte, Tausende freiwillige Projekte lancieren und sich nicht auf PR-mäßig ausschlachtbares Durch-den-Müll-der-Meere-Schwimmen, Anklagen, Demonstrieren und Fordern beschränken. Sie würden die Klappe halten und etwas tun – vorsorgen eben.

Ein weiteres Indiz für das Unerwünschtsein individueller Vorsorge und Zukunftsgestaltung ist die Geldpolitik. Auch hier wird das Individuum systematisch entmutigt, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Wer spart, bezahlt heute dafür eine Strafe durch Geldentwertung sowie Null- und Negativ-Zinsen. Beides nichts anderes als versteckte Steuern und Enteignung. Wer für die Zukunft spart, anstatt alles heute zu verbrauchen, ist vor diesem Hintergrund ein Ewiggestriger oder dumm. Nun – mit dem Stempel „dumm“ kann man leben. Schwieriger wird es dann, wenn „dumm“ gleichbedeutend“ mit „kriminell“ wird. Wenn das Bargeld abgeschafft, der Besitz von Gold und anderen hochliquiden Rohstoffen verboten ist und die Guthaben auf der Bank staatlich orchestriert „verfallen“ können. Dann wird, wer Einzelner bleiben will und frei, in die Illegalität treten müssen. Paradox und nicht der Ironie entbehrend: Während im Fall der Klimarettung nicht genug und nicht pathetisch genug von unseren Kindern und Enkelkindern gesprochen werden kann, finden diese im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Vorsorge schlicht und einfach nicht statt. Die Tatsache, dass dem, der Hunger hat, die Gesundheit des Planeten am Arsch vorbeigeht – pardon! – ebenso wenig.

Das Menschenbild der Aufklärung also? Nein – was sich hier als gewünschtes Resultat abzeichnet, ist die totale Umkehrung dieses Menschenbildes, das – ob es einem gefällt oder nicht – in unserer christlichen Tradition auf der wesenshaften Ebenbildschaft des Einzelnen mit dem biblischen Gott beruht. Es heißt: „Du sollst…“ und nicht: „Ihr sollt…“. Das muss weg und überwunden werden. Nicht die Einzelnen, ihre Würde und ihr Tun sollen einer Gemeinschaft ihren Wert verleihen, sondern Letztere die Befehlsgewalt über den Wert, die Grenzen und die Zukunft des Individuums erhalten. Der Einzelne lebt nicht durch die Gemeinschaft, sondern ausschließlich für sie.

Das kann man natürlich trotz der Tatsache, dass alle solchen Experimente blutig und im Elend geendet haben, gut finden. Kann mit Platon den Individualismus kaltem Egoismus gleichsetzen und das Kollektiv der Selbstlosigkeit. Aber dabei wird es eben nicht bleiben – es geht tiefer. Wo ein Mensch durch sein Tun keinen vorsorgenden Einfluss auf seine Zukunft als Individuum mehr hat, da wächst, wenn sie nicht verdrängt wird, fürchterliche Zukunftsangst. Und wer nicht die letzten 100 Jahre im Koma lag, der weiß, dass es kaum ein besseres Lenkungsinstrument gibt als Angst. Alles wird dann möglich, alles begründ- und hinnehmbar. Alles, um am Leben zu sein.

Das Problem dabei: Wer sich heute durch den Druck anderer, durch Wissenschaft, die nicht länger eine Annäherung an die Wahrheit durch kritische Diskussion, sondern ein demokratischer Prozess ist, durch die Politik oder durch die auf Daueralarmismus gebürsteten Algorithmen sozialer Medien an die trügerische Sicherheit der Gegenwart ketten lässt, hat keine Zukunft. Und wer keine Zukunft hat, ist schon tot. Nein – am Leben sein ist nicht genug!

Aber im Grunde muss man sich all diese Gedanken gar nicht machen. Es ist viel einfacher, und es gilt, was bereits seit mehr als 100 Jahren gilt: Wer die Energie und das Kapital, ihre Verwendung und Zuteilung kontrolliert, kontrolliert die Massen. Darum geht es. Nur darum. Neu ist bloß die Hintertür, durch die sich der Mensch weg vom Menschsein ins Herdendasein hineinlocken lässt. Das, der Verstärker KI und die globale Dimension des Experiments.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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