23. Juli 2019

Bildungspolitik, Teil vier Der Kampf ums Abitur

Das Verhängnis des Berechtigungswesens

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Instrument der Planwirtschaft: Berechtigungswesen

Wenn es auch viel öffentlich ebenso wie privat geäußerten Unmut über den gegenwärtigen Zustand der öffentlichen (das heißt staatlichen) Schule gibt, so zeigt sich bei einer Untersuchung des Unmuts schnell, dass es vor allem zwei gegensätzliche Klagen sind, die vorgebracht werden: Zum einen klagen Eltern darüber, dass der Leistungsdruck in der Schule steige, zum anderen wird in der breiteren Öffentlichkeit davon ausgegangen, dass die Leistungsanforderung in der Schule sinke. Als Beweis für das sinkende Leistungsniveau an der Schule verweist man gern darauf, dass zu viele Schüler das Abitur packten. Nicht-Bayern erwähnen mit sehnsüchtig verhangenem Blick, dass dort viel mehr durchs Abitur rasselten, und das sei doch der Beweis für die Überlegenheit des bayerischen Schulwesens.

Dass auch Kritiker, die ansonsten durchaus für marktwirtschaftliche Überlegungen zugänglich sind, bezogen auf die Schule es für ein selbstverständliches Gütekriterium halten, dass es nicht alle schaffen, zeigt, wie tief das etatistische Denken im Bildungssektor durchgedrungen ist. Jeder würde lachen, wenn ein Autohersteller bekanntgäbe, rund ein Viertel seiner Produkte würde leider nicht funktionieren, tut uns leid, Sie haben einen Montagswagen erwischt, kaufen Sie doch bitte noch einen, der tut es vielleicht (oder auch nicht). Stellen wir uns einen Musiklehrer vor, der annonciert: „Die meisten Kinder lernen bei mir nichts. Melden Sie Ihres noch heute bei mir an.“ Klingt absurd? Merkwürdigerweise wird genau diese Verfahrensweise für die Staatsschule als geeignet und angemessen betrachtet. Dass solch eine Institution des direkten Zwangs (Schulpflicht) oder des indirekten Zwangs (Berechtigungswesen) bedarf, um sich die Kundschaft zwangsweise zuzuführen, leuchtet unmittelbar ein.

Als Ursache für den (angeblichen) Leistungsverfall bei Abiturienten wird oft angeführt, dass heute „jeder“ Abitur mache (oder machen möchte). Bei der Frage, ob Eltern für ihre Kinder das Abitur anstreben oder ob Kinder es für sich selber anstreben, steht meist nicht im Vordergrund, dass die auf dem Weg mitgenommene „Bildung“ oder der schulische Weg, „Bildung“ zu erlangen, angemessen und angenehm sei, sondern dass das Abitur eine Berechtigung verleiht. Traditionell war es die Hochschulreife, also der Zugang zum Studium, die mit dem Abitur verbunden war. Und auch beim Studium ging (und geht) es meist nicht um Bildung, sondern um den Zugang zu einem begehrten Beruf, für dessen Ausübung ein universitärer Abschluss vorausgesetzt wird, sei es Arzt, Ingenieur, Lehrer oder was auch immer. Heute setzen sogar vielerlei Ausbildungsberufe das Abitur voraus. Dass für Studium oder Berufsausbildung das Abiturzeugnis vorzulegen sei, ist keine objektive Notwendigkeit für Studium oder Ausbildung, sondern eine willkürliche staatliche Setzung. Selbst wenn jemand die Auffassung vertritt, dass es notwendig sei, über das Abiturwissen zu verfügen, wenn man studieren wolle, so rechtfertigt das allenfalls eine Eingangsprüfung, nicht das Vorweisen eines anderswo erworbenen Abschlusses, dessen Aussagekraft, gelinde gesagt, problematisch ist.

Ich selbst habe das „Große Latinum“ darum erhalten, weil ich im letzten Lateinjahr einen Lehrer hatte, der oft nicht anwesend war und, wenn er anwesend war, keinen Unterricht machte; stattdessen vergab er Noten nach Sympathie, und ich hatte das Glück, in seiner Gunst zu stehen. Bei einer Aufnahmeprüfung an der Universität wäre ich in Latein vermutlich durchgefallen; dennoch habe ich nicht nur das Studium absolviert, sondern beschäftige mich noch heute mit lateinischen Texten – so dass selbst das Kriterium der Aufnahmeprüfung durchaus in Zweifel gezogen werden darf.

Wer vorschlägt, dass wieder „weniger“ Jugendliche das Abitur bestehen sollten (etwa, indem die Anforderungen gesteigert werden), der hat nicht nur alle Eltern (und Jugendlichen) gegen sich, die auf die Berechtigung zum Studium oder zu gewissen Ausbildungsberufen spekulieren. Sondern er muss auch erklären, wie die entsprechenden Berechtigungen anders zu vergeben wären, oder muss alternativ beweisen, dass die Berufe, die nur vermittels dieser Berechtigungen ausgeübt werden dürfen, gar nicht gebraucht werden.

Wir sehen mit diesem Gedanken, dass das Berechtigungswesen ein Instrument der Planwirtschaft ist: Es wird behauptet, die Gesellschaft oder die Wirtschaft brauche so und so viele Menschen, die diesen oder jenen Beruf ausüben, und das Bildungssystem habe dafür zu sorgen, dass die entsprechende Anzahl von Berechtigten zur Verfügung stehe, aber bitte auch nicht mehr.

Der Klage über „zu viele“ Abiturienten entgegen kursiert auch die Behauptung, Arbeitslosigkeit sei die Folge von Minderqualifikation, also dem Fehlen von Berechtigungen. Dabei handelt es sich um einen klassischen logischen Fehlschluss. Sicherlich haben diejenigen Bewerber die besten Chancen auf die besten Jobs, die über die für den in Frage stehenden Job beste Qualifikation verfügen. Dies bedeutet aber nicht, dass die aufgrund mangelnder Qualifikation abgelehnten Bewerber dann einen Job bekommen hätten, hätten sie die erforderte Qualifikation vorweisen können. Es bedeutet nur, dass in solch einem Fall der Arbeitgeber ein anderes Kriterium als die Qualifikation über die Einstellung hätte entscheiden lassen müssen: Wenn ein Arbeitgeber eine Stelle zu besetzen hat, sich aber zwei Personen mit der formal exakt gleichen Qualifikation bewerben, stellt er ja nicht beide ein, sondern entscheidet sich (im Notfall durch Münzwerfen).

Der Sinn des planwirtschaftlichen Berechtigungswesens ist es, dass der Staat den Zugang zu bestimmten Berufen kontrolliert. Dabei ist das berufsständische Ziel, für eine favorisierte Gruppe die Zahl derer, die den Beruf ausüben, unterhalb dessen zu halten, was Angebot und Nachfrage ergeben würden, also damit die Einkommen dieser Berufe über dem Marktniveau zu fixieren. Es gibt darüber hinaus aber auch noch das Ziel, den Inhalt der Ausbildung für diese Berufe zu bestimmen, zum Beispiel in der Medizin (der Klimaforschung, der Sozialarbeit und so weiter) bestimmte Lehrmeinungen verbindlich zu machen.


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