19. Juli 2019

Vorübergehender Ausfall des EU-Navigationssystems Galileo Europas stilles Satellitendesaster

Zum Glück fiel es kaum auf

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Sein Ausfall wurde kaum bemerkt: Galileo

Es dauerte 20 Jahre, dann hatte Europa seine Unabhängigkeit erreicht. Galileo, die Antwort der EU auf das amerikanische GPS und das russische Glonass-Satellitensystem, war nur unwesentlich teurer geworden als geplant, es hatte nur unwesentlich länger gedauert, bis es betriebsbereit war, und selbst die ersten Ausfallerscheinungen  waren nicht so schlimm, dass man nicht zumindest leise von einem Erfolg hätte sprechen dürfen. Für EU-Verhältnisse sind elf Jahre Verspätung nichts und Mehrkosten vom Doppelten des Geplanten nur Peanuts. Hauptsache, man hat Freund und Feind bewiesen, dass man es kann.

Früh genug aber kam der Tag, an dem sich herausstellte, dass das gar nicht stimmt. Begleitet von Medien, deren Interesse für eine funktionierende Satellitennavigation etwa dem an funktionierenden Plumpsklos in Kalkutta entsprach, fiel das europäische Galileo-System am 11. Juli aus. Erst sollte der Blackout noch als „Probleme in Teilen der Anlage“ verbrämt werden, dann aber blieb nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass das sieben Milliarden teure Projekt den Geist aufgegeben hatte. Keine Triangulation mehr. Keine Navigation. Keine Entfernungsmessung. Nichts.

Dass Galileo viel zu spät zur Navi-Party kam, war das Glück der Europäer. Nur 73 von mehreren Hundert heute verfügbaren Smartphones greifen auch auf Daten des EU-Navigationssystems zurück, wobei die Betonung auf „auch“ liegt. Bei Navigationsgeräten ist es ebenso. Dadurch fiel gar niemandem praktisch auf, dass Galileo nicht mehr lieferte und die Agentur für das Europäische GNSS (Global Navigation Satellite Systems) nicht einmal wusste, wann das System wieder funktionieren würde.

Was aber wäre in einer Welt geschehen, in der autonome Elektrofahrzeuge herumkurven und der Himmel voll ist von Flugautos und Lieferdrohnen? Apokalypso now! Es wäre ein Krachen und Stürzen, ein Fallen und Sterben, Bluten und Weinen allüberall, dass vermutlich sogar die Bundesregierung empfindlich gestört worden wäre beim Versuch, sich durch eine kluge Umformierung der verbliebenen Restkräfte auf die nächste Bundestagswahl vorzubereiten.

Im EU-Parlament stand Ursula von der Leyen, noch im Amt der Verteidigungsministerin, deren Armee ohne Galileo-Satelliten nicht einmal wüsste, wo Russland liegt, geschweige denn wo der Russe steht. Und sie sprach wichtige Sätze über ein Europa, das „auf dem Weg in eine neue digitale Welt die Führung übernehmen“ werde, indem es mit einem „neuen Gesetz über digitale Dienste bessere Haftungs- und Sicherheitsvorschriften für digitale Plattformen, Dienste und Produkte“ schaffe und „in einigen kritischen Technologiebereichen eine technologische Vorreiterstellung“ erreiche. Einfach, indem Europa „die Arbeitsbedingungen von auf Online-Plattformen Beschäftigten verbessert“ und die Steuern für Digitalkonzerne erhöht.

Von Galileo, dem EU-Projekt per se, sprach Ursula von der Leyen mit keiner Silbe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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