19. Juli 2019

Klagen über Missstände Mit einer Regierung kann man nicht in einen Diskurs kommen

Würde das erpresste Geld für den Schutz verwendet, bräuchte man es nicht zu erpressen

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Kein Diskurs möglich: Schutzgelderpresser

Eben fand ich in meinem Poesiealbum ein Foto, das mich mit einer Zigarette im Mundwinkel vor der Klagemauer in Jerusalem zeigt. Ich stehe da recht respektlos mit dem Rücken zum Gemäuer und griene missmutig in die Kamera.

Jetzt habe ich mir sagen lassen, dass es in Israel keine Hausverwaltungen gebe. Wem es in die Mietwohnung regnet, pilgert zu dieser 57 Meter langen Klagemauer, beklagt die Missstände und hofft.

In Deutschland gibt es Hausverwaltungen. Regnet es in die Wohnung, kann man sich bei der Hausverwaltung beklagen (man spricht auf den Anrufbeantworter) und darf dann auch hoffen.

Die Zustände sind also weitgehend wesensgleich. Stets gibt es einen beklagenswerten Umstand, den man nicht selbst beseitigen kann oder will und ihn stattdessen bei einer Stelle beklagt, von der man sich Abhilfe verspricht.

Ein Bekannter von mir hatte über Jahrzehnte hinweg Rückenschmerzen, schleppte sich zu dieser Mauer und kam als gesunder Mensch nach Deutschland zurück. Und der Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr wurde von einem Kollegen gefragt, ob er denn an das Hufeisen über seiner Tür glaube. Bohr soll geantwortet haben: „Natürlich nicht. Es hilft auch, so habe ich mir sagen lassen, wenn man nicht daran glaubt.“

Es ist, so will ich erörtern, recht menschlich, Dialoge anzustreben, ohne sich sicher zu sein, dass das angenommene Gegenüber auch nur zuhört. Sokrates vertrat den Standpunkt, dass so ein Gespräch die Quelle für eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Denken sei. Auch eine Interpretation.

Bleiben Sie bei mir, liebe Leserinnen und Frauen beiderlei Geschlechts. Wer sich also hier im Internet darüber beklagt, dass zum Beispiel die Regierung von Übel sei, der sollte es nicht dabei bewenden lassen: Die erwähnten Rückenschmerzen, die Erdanziehung, die Sündhaftigkeit des Fleisches und vieles mehr lässt sich allerorts kräftig beklagen.

Überhaupt ist die Klage im Demokratismus verfassungsrechtlich zugestanden. In der damaligen Ostzone bauten sie 1961 sogar eine Mauer, damit sich die in den Westzonen darüber beklagen konnten. Kurz: Alles in bester Ordnung!

Wer jedoch meint, dass er in diesen sozialen Netzwerken argumentieren müsse, dass diese oder jene Maßnahme der Regierung ungeeignet sei, dass irgendwas gelogen sei, diese Steuer zu hoch, diese Abgabe falsch, dieser Minister eine Fehlbesetzung und so weiter, der sollte sich mal auf seinen Geisteszustand hin untersuchen lassen. Sorry, doch mit einer Regierung kann man nicht in einen Diskurs kommen. Auch wenn ein Argument (zum Beispiel gegen einen bevorstehenden Krieg) 80 Millionen Mal geteilt würde, würde es die jeweilige Regierung nicht daran hindern, die vorgesehene Maßnahme durchzusetzen.

Es gibt in den letzten 60 Jahren genügend Beweise dafür, dass man mit einem Gewaltherrscher nicht in einen rationalen Diskurs treten kann. Sagt man dem Schutzgelderpresser der Mafia, dass das abgepresste Geld gar nicht für den Schutz verwendet wird, schaut der einen auch nur blöd an. Natürlich nicht. Gäbe es eine diesbezügliche Absicht, bräuchte man das Geld nicht zu erpressen.

In dem Augenblick, in dem die Menschen mit der Regierung Argumente austauschen könnten, wäre die Regierung ja ein Gesprächs- und Verhandlungspartner und kein Gewaltherrscher. Habermas spricht in diesem Zusammenhang von der assertorischen Kraft. In den 70er Jahren darauf angesprochen, dass diese Kraft von den jeweiligen Machthabern in den Wind geschossen würde, sie erst gar keine Chance hätte, zuckte er nur mit den Schultern und meinte, dann müsse man eben ausreisen.

Wie ich hier täglich beobachten kann, hat sich nach 50 Jahren nichts geändert. Noch nicht einmal zum Schulterzucken seid ihr fähig, liebe Demokratismusgläubige und Frauen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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