18. Juli 2019

Deutsche Medien über die Blitzrochade zum Matriarchat und Donald Trump Der Morgen danach

Europa ist gerettet!

von Holger Finn

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Bildquelle: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com An der Spitze des Wandels: Ursula von der Leyen

Wieder war es denkbar knapp, aber wieder ist Europa am Ende nicht nur gerettet, sondern es geht noch viel stärker aus dem Kräftemessen mit den faschistischen und europafeindlichen Skeptikern und Spekulanten heraus, als es hineingegangen war. Mit Ursula von der Leyen hat die EU eine neue Chefin, die für viele im Lande eine Wunschkandidatin hätte sein können, wäre sie zur Wahl angetreten. Annegret Kramp-Karrenbauer flankiert die Blitzrochade zum Matriarchat, wie sie Historiker bereits nennen, als neue, kampfstarke Verteidigungsministerin. Und Angela Merkel, die all das möglich gemacht hat, muss nun nicht mehr um ihr Werk zittern, denn Deutschland und die EU sind gemeinsam wieder auf einem guten Weg.

Ein bisschen Schwund ist immer, aber nach der Abwicklung der alten Kommission wird UvdL dafür ein sauberes Brüssel empfangen, das darauf wartet, sich an die Spitze des „Wandels“ zu stellen, den die 60-jährige begeisterte Umweltschützerin ihm nach 13-tägiger Einkehr verordnet hat.

Aus den Medien ist die jähe Wendung zum Besseren bereits weitgehend verschwunden, wenige Kommentatoren nur versteigen sich dazu, den Neuinnen an der Spitze jetzt schon ihre Versprechungen vorzuhalten. In der „Bild“-Zeitung, deren Rechtsschwenk die AfD erst groß gemacht hat, findet sich eine zaghafte Kritik an matriarchalischen Machiavellis, die auch wieder nicht gut genug sein sollen. In der „Zeit“, unter deren acht Chefredakteuren immerhin zwei Frauen sind, die Schlimmeres verhütet haben mögen, versichert die neue Verteidigungsministerin, sie könne vielleicht nicht schießen, aber „ich habe bewiesen, dass ich mich sehr schnell einarbeiten kann“. Die regierungskritische „taz“ hingegen feiert Merkels Sieg auf den letzten Metern – der Artikel, der heute im Gelben Trikot des stärksten Stückes unabhängigen Journalismus fährt. Der „Spiegel“ mag so viel Devotheit nicht goutieren. In den letzten noch offenen Foren des Sturmgeschützes der Demokratur brodelt es hörbar, die Rechtspopulisten, Sachsen, Europahasser und Flüchtlingsbootversenker blasen zum verbalen Jagen. Dem hier versammelten intellektuellen Publikum aber ist mit einfachen Lobeshymnen auf den „Coup“ – zu Deutsch: „Staatsstreich“ oder „Putsch“ – wie der „Spiegel“ die Blitzrochade auch synonymisiert, nicht zu überzeugen. Es braucht stärkere Medizin, vielleicht sogar die stärkste überhaupt. Also ruft der CvD aus der Schreibmaschinengewehrstellung im Hamburger Hochhaus der Wahrheit in Washington, D.C. an und ordert bereits gestern vorausschauend „ein, zwei geifernde Trump-Stücke für den Sieben-Uhr-Aufmacher“, um die deutschen und europäischen Themen unter den Bruch zu drücken, wo niemand mehr weiterliest.

Doch Roland Nelles und Marc Pitzke, die beiden bunten preußischen Diversity-Agenten im Hauptquartier der verabscheuungswürdigen White Supremacy, spielen nicht in einer Liga mit Großmeistern des gezielt gesetzten Wortreizes wie Rainald Schawidow.

Statt packender Lektüre zum wichtigsten Thema unserer Zeit – wie schrecklich ist das wirklich mit diesem Trump, und wie viel deutsche Tinte braucht es noch, ihn aus dem Amt zu spülen? – liefern die beiden Horrorspondenten eine Volontärsgurke, angesichts derer sich Klassiker der politischen Propaganda wie Karl-Eduard von Schnitzler verschämt aus dem Saal entfernen würden.

Neben der als Geburtstagsgeschenk ans Kanzleramt gedachten Generalabrechnung „Amerika, wie tief bist du gesunken“ hetzt Trump in einem weiteren Text gegen „Demokratin Omar“, die die deutsche Sache in Washington vertritt. Darunter fällt der Antrag auf Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen den Präsidenten unter der unauffälligen Überschrift „Abgeordnete rügen zwei Minister aus Trumps Kabinett“ durch, und noch weiter unten verweigert Trump der Diktator-Erdoğan-Türkei, immerhin bester Kunde der deutschen Rüstungsindustrie, aus augenscheinlich selbstsüchtigen Motiven die Lieferung von rund 100 F-35-Kampfflugzeugen. Spürbar am längsten gedrechselt aber hat Roland Nelles an seinem Text mit der These, dass „das Jubiläum der Mondlandung daran erinnert, dass die USA ein Vorbild für Freiheit, Fortschritt und Weltoffenheit waren“, das aber nun nicht mehr sind. Wer denkt nicht mit großer Freude und Dankbarkeit daran, dass die Rassentrennung in den USA gerade fünf Jahre vor der Mondlandung aufgehoben worden war, dass selbst ein Jahr vor Armstrongs kleinem Schritt noch Schwarze bei Olympia gegen Diskriminierung protestieren mussten und dass das Durchschnittseinkommen schwarzer Amerikaner auch unter Barack Obama 40 Jahre später offiziellen Statistiken zufolge nur 63 Prozent dessen betrug, was Weiße verdienten?

Die USA, home of the brave, Deutschlands „Spiegel“, home of the forgetful, wenn es für die Berichterstattung besser passt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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