16. Juli 2019

Bildungspolitik, Teil drei Es gibt kein kostenloses Mittagessen

Wie private Konkurrenz ausgebremst wird

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Gibt es nicht umsonst: Bildung

Welch heftiger Kritik die öffentliche (das heißt staatliche) Schule auch immer ausgesetzt ist, ihre Verteidiger haben immer ein Ass im Ärmel, das sie genüsslich ausspielen, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen: Sie verweisen darauf, es stünden ja Alternativen zur öffentlichen Schule zur Verfügung, die Mehrheit der Eltern würde sich aber nun mal für die soliden staatlich bereitgestellten Bildungsinstitutionen entscheiden. Die Kritik an der öffentlichen Schule sei ein Minderheiten- und Nischenproblem; und die Eltern, die die öffentliche Schule kritisierten oder ablehnten, hätten nicht einmal einen berechtigten Grund zum Protest, denn sie dürften und könnten ihre Kinder zu einer dieser Alternativen schicken.

Der erste Einwand lautet dann meist, nicht alle Eltern, die die öffentliche Schule ablehnten, könnten sich eine der Alternativen „leisten“. Doch dieser Einwand wird von den Verteidigern postwendend umgekehrt und zurückgeschmettert: Genau hieran lasse sich ablesen, dass die alternativen Schulen nichts anderes seien als ein Luxusangebot für Eltern der Mittel- und Oberschicht. Zur flächendeckenden Versorgung der ganzen Bevölkerung mit Bildung seien sie dementsprechend ungeeignet, weil die alternativen nicht wie die öffentlichen Schulen ihre Dienstleistung kostenlos anbieten.

Meist endet die Diskussion hier, und es gibt ein betretenes Schweigen. Denn leider verstehen immer noch zu wenige Menschen: There Ain‘t No Such Thing As A Free Lunch. Es gibt kein kostenloses Mittagessen. Irgendwer muss zahlen. Das ist nicht nur beim Mittagessen so. Oder arbeiten die Lehrer etwa ehrenamtlich? Werden die Klos in den Schulen kostenlos gesäubert? Ist die Heizung im Winter umsonst? Haben die Grundstücke, auf denen die Schulen stehen, keinen Wert? Sind die Schulgebäude von Geisterhand erbaut worden? Ist es Magie, die die Turnhallen anlegt?

Irgendwer muss zahlen. Das tut „der Staat“. Doch alles, was der Staat besitzt, muss er jemandem abgenommen haben, da er selber nichts produziert. Und das sind die Steuern, die er von den Bürgern kassiert, genau den Bürgern, deren Kinder zur öffentlichen Schule gehen oder eben eine private Alternative nutzen.

Nun wird ein Zusammenhang klar: Die öffentliche Schule hat eine Familie, deren Kinder zur Schule gehen, bereits mit ihren Steuern bezahlt. Wenn sie eine private Alternative wählt, zahlt sie die anfallenden Gebühren obendrauf. Ökonomisch gesprochen muss die Alternative doppelt so viel wert sein wie die staatliche Schule, damit jemand sich für sie entscheidet. Dies ist mit Sicherheit ein unfairer Wettbewerbsvorteil. Aber das ist nur formal von der Ausgabenbereitschaft her argumentiert. Es gibt aber auch viele Familien, deren Haushaltseinkommen aufgrund der direkten und indirekten Steuern für die Schule unterhalb der Marge der Ausgabenmöglichkeit gedrückt wird, so dass sie keine Chance haben, für ihre Kinder eine Alternative auszuwählen.

Und was ist mit den Familien, die nicht genug für die bei einer Privatschule zu entrichtenden Gebühren haben, auch wenn der Staat ihnen keine für die Finanzierung der Schule anfallenden Steuern abnähme? Milton Friedman, der geniale neoliberale Ökonom, der 1955 auf den Effekt des „doppelten Bezahlens“ im Bereich der öffentlichen Bildung als Erster aufmerksam gemacht hat, präsentierte auch hierfür eine Lösung. Da der Staat sowieso für jedes Kind den kostenlosen Schulbesuch vorhalte, könnte ohne jede fiskalische Mehrbelastung jeder Familie mit Kindern im schulpflichtigen Alter ein Gutschein über die vorgesehenen Bildungsausgaben gegeben werden. Diesen Gutschein könnte die Familie dann bei einer beliebigen Institution ihrer Wahl eintauschen.

Inzwischen gibt es weltweit zahllose Versuche mit Bildungsgutscheinen, die alle vor allem eins zeigen, nämlich dass die Armen, die Unterprivilegierten, die Diskriminierten von ihnen am meisten profitieren. Ich greife eines der Experimente heraus, Wisconsin, USA, Ende der 1990er Jahre. Dieses Experiment ist darum so wichtig, weil es einen weiteren Einwand der Verfechter der öffentlichen Schule widerlegt. Sie sagen nämlich, wenn der Staat den Eltern Bildungsgutscheine aushändigte, würden die besten Schüler (die Kinder der engagiertesten Eltern) in die privaten Alternativen abwandern, während die schlechten Schüler in den öffentlichen Schulen zurückbleiben und somit noch schlechter würden. (Dieses Argument ist in sich durchaus problematisch, weil es davon ausgeht, dass die schlechten Schüler durch die Anwesenheit der besseren Schüler profitieren, was nicht notwendigerweise der Fall sein muss. Sie können durch die Konfrontation mit einer unerreichbaren Konkurrenz auch entmutigt werden. Aber das ist eine andere Frage.)

Die Ökonomin Caroline Hoxby hat im Rahmen des Gutschein-Experiments in Wisconsin nun gerade nicht die Performance der privaten Alternativschulen, sondern der öffentlichen Schulen gemessen. Dabei hat sie festgestellt, dass die Leistungen der Schüler in den öffentlichen Schulen derjenigen Bezirke, in denen der Staat den Eltern Bildungsgutscheine angeboten hat, gestiegen sind (im Vergleich zu den Bezirken mit gleicher sozialer Zusammensetzung, in denen es keine Bildungsgutscheine gab) – und das bei konstanten Kosten; der Effekt der Leistungssteigerung ist also nicht höheren Ausgaben zuzuschreiben. Was ist passiert? Da sich die öffentlichen Schulen der fairen Konkurrenz mit den privaten Alternativen stellen mussten, konnten sie entscheiden, entweder nach einer stetigen Abwanderung schließlich dichtzumachen oder ihr Angebot so zu gestalten, dass die Eltern eben nicht ihr Recht in Anspruch nehmen, eine andere Schule zu wählen.

Wenn Bildungsgutscheine sich nicht generell durchgesetzt haben, dann nicht, weil die Versuche gescheitert sind oder weil sie den Armen oder anderen benachteiligten Gruppen schaden, sondern ganz im Gegenteil, weil sie die Funktion des öffentlichen Schulsystems unterlaufen, die Positionen von Mittel- und Oberschicht festzuschreiben, und weil sie die Kontrolle des Staates über die Inhalte und Methoden der Bildung reduzieren.


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