12. Juli 2019

Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung und die deutschen Medien über die Wahrnehmung des Islams Bedrohliche Bedrohung

Linke können nur in Gruppen denken

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Lassen den Islam bedrohlich erscheinen: Terroristen und Straftäter

Die deutschen Medien und vor allen Twitter haben wieder einen Aufreger: „Viele sehen Islam als Bedrohung“, „Jeder Zweite sieht den Islam als Bedrohung“, „Jeder Zweite empfindet den Islam als Bedrohung“. Die Schlagzeilen, über die viele nicht hinauskommen, sie führen linke Zeitgenossen zum moralischen Urteil über die knapp 50 Prozent Dummen, die sich vom Islam bedroht fühlen, während eher konservative Zeitgenossen der Ansicht sind, dieses Ergebnis sei nicht verwunderlich. Die Diskussion um den Islam als Bedrohung, sie ist wieder eine typisch deutsche Diskussion um etwas, das einer aufgeschnappt, ein anderer bewertet und ein Dritter verurteilt hat.

Ich habe mir den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, der schon seit 2013 durchgeführt wird, nicht nur in Deutschland übrigens, aber davon erfahren Sie in den Medien wenig, angesehen und bin zunächst über den Fragetext gestolpert.

„Wenn Sie an die Religionen denken, die es auf der Welt gibt: Als wie bedrohlich beziehungsweise wie bereichernd nehmen Sie die folgenden Religionen wahr?“; ausgewiesene Antwortkategorien: „sehr bedrohlich“/„eher bedrohlich“ und „sehr bereichernd“/„eher bereichernd“; weitere Antwortmöglichkeiten: „sowohl bereichernd als auch bedrohlich“, „weder bereichernd noch bedrohlich“, „keine Angabe“.

Hier wird also nicht gefragt, ob man den Islam und andere Religionen als Bedrohung empfindet oder für eine Bedrohung von was auch immer hält, es wird danach gefragt, ob man den Islam und andere Religionen als bedrohlich wahrnimmt und zu allem Überfluss wird ein semantisches Paar gebildet, das „bedrohlich“ und „bereichernd“ einander gegenüberstellt, obgleich das natürlich Unsinn ist.

Der wesentliche Punkt hier ist: Etwas als bedrohlich wahrnehmen, beschreibt eine unmittelbare, eine akute Gefahr, eine Gefahr, die gegenwärtig ist: Eine Lage wird bedrohlich, eine Situation ist bedrohlich. Dagegen ist eine Bedrohung ein abstrakter Zustand und zudem ein Zustand, der durch die Hysterie der letzten Jahre fast schon seiner „Bedrohlichkeit“ verlustig gegangen ist, wie die Bedrohung durch den Klimawandel oder die Bedrohung durch das Finanzamt oder die Gebühreneinzugszentrale, die nun „Beitragsservice“ heißt.

Mit anderen Worten, die Tatsache, dass 51 Prozent der Westdeutschen und 58 Prozent der Ostdeutschen den Islam für bedrohlich halten, weist auf einen ernsteren Sachverhalt hin, als es die Aussage „Ich halte den Islam für eine Bedrohung“ tut. Und die wahrgenommene Bedrohlichkeit des Islams ist leicht nachvollziehbar, wenn man sich die Anschläge und Attentate, von denen die Medien so oft berichten, in Erinnerung ruft, wenn man an Straftaten denkt, die Muslimen zugeordnet werden, die mit syrischen Flüchtlingen, aber nicht nur mit ihnen, in die nächste Umgebung von Menschen importiert wurden. Insofern sind die Antworten hier Indikator eines individuellen Bedrohungsgefühls, etwa in der Weise, in der die Frage danach, ob man sich abends nach Einbruch der Dunkelheit noch auf seine Straße traut, ein Indikator für eine individuell vorhandene Kriminalitätsfurcht ist, die Einfluss auf das tägliche Leben nimmt.

Das „Bedrohliche“ am Islam, das natürlich nicht der Islam als solcher, sondern die Terroristen und Straftäter sind, die ihm zugeordnet werden beziehungsweise die sich ihm zuordnen, ihn als Coverstory für ihre Kriminalität missbrauchen, es besteht in der für den neutralen Beobachter höheren Anzahl von Gewaltbereiten und im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen Gehenden, sich dem Islam zuordnenden Terroristen. Insofern ist die Frage der Bertelsmänner etwas misslich, denn obwohl nach „dem Islam“ gefragt wird, ist nicht der Islam Gegenstand der Antwort der meisten Befragten. Man kann eher annehmen, dass ganz konkrete Handlungen ganz konkreter Muslime, die den Befragten in Erinnerung geblieben sind, Anlass für die wahrgenommene Bedrohlichkeit für die eigene Sicherheit sind.

Insofern ist es sicher kein Zufall, dass Linke dieses Ergebnis wieder in Bausch und Bogen auf Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Rechtsextremismus zurückführen. Die linke Denkbehinderung kann nur in Gruppen denken, und Gruppen sehen sich keiner konkreten individuellen Gefahr gegenüber, sie können eine solche Gefahr nicht einmal wahrnehmen, schon gar nicht, wenn sie von Gruppen ausgehen soll, die Linke für gut befunden haben und die in der geistigen Wüste linker Gehirne damit als Gruppen gelten, die ausschließlich aus guten Menschen bestehen, aus denen dann, wie Ralf Stegner das so trefflich getan hat, alle kriminellen Elemente ausgelagert werden, einfach nur dadurch, dass sie zu Personen erklärt werden, die nie zur Gruppe gehört haben. Diese spezifische Form linker Weltflucht halte ich übrigens für eine Krankheit.

Doch zurück zur Bedrohlichkeit des Islam, also dazu, dass Befragte aus konkreter Erfahrung oder Erinnerung (an Meldungen, Ereignisse oder eigene Erfahrung) Muslime, auf die sich Erfahrung oder Erinnerung beziehen, dem Islam zuordnen und für bedrohlich halten. Selbst Muslime teilen diese Einschätzung, wie eine Abbildung aus dem Religionsmonitor, die Sie in deutschen Medien natürlich nicht sehen werden, zeigt. Für Schiiten und Aleviten ist „der Islam“ die bedrohlichste der Weltreligionen. Da sie selbst Muslime sind, können sie kaum den Islam als Ganzes bewerten, sondern nur Teile davon, bestimmte Muslime, Sunniten vermutlich, womit gezeigt wäre, was zu zeigen war.

Was fragen die Bertelsmänner hier also ab? Die Wahrnehmung von kulturellen Fremdgruppen, Gruppen, die aufgrund eines Merkmals, hier Religion, als nicht zugehörig zur eigenen Gesellschaft angesehen werden. Sehr deutlich wird dies im internationalen Vergleich. Während in christlichen Gesellschaften in erster Linie Muslime als bedrohlich wahrgenommen werden, werden in muslimischen Gesellschaften vor allem Christen und Juden als bedrohlich wahrgenommen. Es führt somit kein Weg daran vorbei, dass in muslimischen Gesellschaften Christen und Juden nicht zur Gesellschaft gehören, bestenfalls eine Randgruppe darstellen, während dasselbe auch nach mehr als 50 Jahren versuchter Integration in christlichen Gesellschaften für Muslime gilt.

Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung: „Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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