11. Juli 2019

Wanderungen durch den Sarg Brandenburg Mein Papa hat geilere Tattoos als deiner

„Asozial“ ist das neue „bürgerlich“

von Bernard Udau

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock In „bürgerlichen“ Kreisen normal geworden: Tätowierungen

Die Älteren unter uns erinnern sich sicher noch an Studi-VZ, den ehemaligen Konkurrenten von Facebook. Dort konnte sich jedes Mitglied in Gruppen eintragen, deren einzige Funktion es war, auf der Profilseite des Mitglieds angezeigt zu werden und somit bestimmte, zumeist lustige Botschaften an die Besucher des Profils auszusenden. Eine Gruppe war mit „Ich glüh härter vor, als Du Party machst!“ benamst. Das war zwar recht witzig, nur war nach einiger Zeit so gut wie jeder Studi-VZler in dieser Gruppe. Deswegen wurde von findigen Spaßvögeln eine neue Gruppe gegründet mit dem Titel: „Glüht eigentlich jeder härter vor, als alle anderen Party machen?“

Diese Frage bringt ziemlich gut einen Trend auf den Punkt, den man in den letzten Jahren in Deutschland beobachten kann. Der unter Jugendlichen übliche Wettbewerb, wer denn wohl der Härteste unter ihnen sei, hat auf die Erwachsenenwelt übergegriffen.

Direkt in die Augen fällt das im Bereich Körperschmuck. Noch in den 1990ern galten Tätowierungen als anrüchig und asozial. Tätowiert waren Ex-Knastis, Matrosen und Mitglieder von Rockergangs, also im Wesentlichen Leute, die ihr Glück außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft suchten. Eine Tätowierung hatte nach meinem Eindruck dieselbe Funktion wie Warnfarben bei Wespen oder Unken. Sie teilte der übrigen Menschheit mit: „Ich bin gefährlich! Lasst ihr mich in Ruhe, dann lass‘ ich euch auch in Ruhe.“ Auf diese Weise war ein Gentlemen‘s Agreement zwischen Asozialen und Bürgerlichen entstanden, ein stabiles Gleichgewicht im täglichen Umgang. Deutlich zu bemerken war das auf Volksfesten, wo es regelmäßig einen Bereich gab, wo die Tätowierten und sonstigen Asozialen abhingen, während sich die „normaleren“ Elemente der Gesellschaft von dort fernhielten.

Nun fällt es uns Deutschen aber offenbar immer schwerer, uns mit der Tatsache abzufinden, dass wir auf der bürgerlichen Seite des Lebens stehen und nicht auf der Seite von „Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll“. Niemand will mehr der spießige Typ sein, der auf die Einhaltung von Regeln pocht, der also eine Unterscheidung trifft zwischen dem, was sich gehört, und dem, was sich nicht gehört. Dementsprechende Signale des eigenen Coolseins will man natürlich auch an die Außenwelt schicken, und folgerichtig haben weite Teile der deutschen Bevölkerung angefangen, sich großflächig tätowieren oder sonst wie augenfällig verstümmeln zu lassen.

Obwohl ich in einer sympathischen und verschlafenen Kleinstadt wohne, kommt es immer häufiger vor, dass ich Verkäuferinnen und Sparkassenangestellten begegne, die auffälligst volltätowiert sind. Man kauft morgens Brötchen, und auf dem Dekolleté der Bäckereifachverkäuferin prangt der Schwanz eines Drachen, der seinen Kopf weiter unten vermutlich weich gebettet hat; man lässt sich die Haare schneiden, und am Unterarm der Friseuse werden einem 20 Minuten lang ein Totenkopf sowie Sprüche à la „My life, my rules!“ vorgeführt; man geht aufs örtliche Feuerwehrfest, und zahlreiche Väter halten dort einen Säugling im Arm und geben dem die Flasche – oh, wie süß! –‍, zeigen dabei aber ihre mit Raubtieren geschmückten Waden und Oberarme.

Aber nichts gegen Fachverkäuferinnen, Friseusen und Weichei-Gangster-Daddys. Auch unter Studenten gibt es zahlreiche, die von oben bis unten tätowiert sind. Auch Dozenten und, ja, selbst Professoren gibt es, die im sichtbaren Bereich tätowiert sind. Meist ist es dann der Unterarm, auf dem ein sinnfälliger Spruch oder ein hochbedeutsames Zeichen eingraviert wurde.

Die Botschaft, die mit solchen Tätowierungen gesendet werden soll, ist eindeutig: „Glaubt ja nicht, dass ich der spießigen, bürgerlichen Gesellschaft angehöre, der ihr mich gerne zuordnen möchtet. Im Herzen bin ich Rebell, ein harter Typ, der jederzeit durchknallen und mit seinen Bikerfreunden die Route 66 unsicher machen könnte.“

Natürlich ist das völliger Blödsinn. Von einer Tätowierung geht heutzutage gar keine Botschaft mehr aus. Unsere Generation hat das Tattoo als gesellschaftliches Symbol kaputtgemacht. Man hat einfach keine Angst mehr vor muskulösen Männern mit einem Totenschädel am Hals, wenn einem solche Leute schon zigmal total nett die Tür aufgehalten oder einen beim Einkauf kompetent beraten haben. Die Tätowierung ist normal geworden. Sie bringt einzig und allein die Hoffnung des Trägers zum Ausdruck, durch das Tragen von Tattoos zu verhindern, in den Augen der anderen die Seite zu wechseln vom jugendlichen Rebellentum zum seriösen Erwachsensein.

Wenn nun aber auch der Einzelne mit einer Tätowierung nicht mehr aussagen kann, jenseits der Gesellschaft zu stehen, so sagt die Gesellschaft als Ganzes dann doch etwas über ihren Zustand aus, wenn (laut Wikipedia) zum Beispiel rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34 Jahren tätowiert ist.

Insbesondere wird dadurch klar, dass es immer weniger Menschen gibt, die es mit sich vereinbaren können, die überkommenen Sitten und Konventionen zu verkörpern und an die nächste Generation weiterzugeben. Die Bereiche, in denen man sich bemüßigt fühlt, sogenannte Werte zu vermitteln, werden immer kleiner. Einigermaßen fest steht noch die Phalanx gegen harte Drogen – wohlgemerkt: harte Drogen. Auch Weltoffenheit und gegen rechts sein ist natürlich ein Muss. Aber schon beim Umweltschutz ist man ziemlich nachlässig. Denn trotz Greta und Klimareligion scheint man das Recht von Jugendlichen, sich völlig danebenzubenehmen und ihre Lungerplätze mit Kippen, Scherben, Pizzakartons und Kondomen vollzumüllen, höher zu schätzen als die Natur. „Wir waren doch schließlich auch mal jung, lass‘ den Kids doch ihren Spaß.“

Man möge sich also, so könnte man das zusammenfassen, ruhig asozial verhalten, solange man politisch korrekt dabei ist. Wenn man das tut, gehört man paradoxerweise zur Gesellschaft dazu. „Asozial“ ist das neue „bürgerlich“. Die ganze Gesellschaft ist asozial geworden und ganz offensichtlich stolz darauf. Probleme kriegen nun diejenigen, die entweder nicht politisch korrekt oder nicht asozial genug sind.

Sie möchten sich Freddy Krueger auf den Bauch tätowieren lassen? Kein Problem, es wird sich niemand aufregen. Aber wehe, wehe, wenn Sie sich ein „Deutschland den Deutschen“ draufmachen lassen. Das ist dann selbst für unsere knallharten Rebellen zu hart – weil es eben politisch unkorrekt ist.

Ein ähnliches Problem kriegen Sie, wenn Sie sich nicht an die neuen, verasozialisierten Regeln halten, sich also nicht asozial genug benehmen. Gehen Sie doch mal zu einem Grillabend bei den neuen Nachbarn nicht mit T-Shirt und Schlappen, sondern mit Anzug und Krawatte, siezen Sie dort alle Anwesenden und bestehen dann noch darauf, Ihr Bier nicht aus der Flasche zu trinken. Sehr schnell werden Sie merken, dass Sie ein Fremdkörper sind und von den anderen abgelehnt werden. Sie sind nun der eigentlich Asoziale, die anderen sind das Establishment, das auf ehemals verschrienem Verhalten neue, sich asozial gebende Regeln und Konventionen aufgebaut hat.

Leider ist zu befürchten, dass eine Gesellschaft, die sich immer mehr auf ehemals asoziales Verhalten einigt, große Probleme haben wird, sich im Kampf der Kulturen zu behaupten. Da hilft dann auch der freie Markt nichts mehr, trotz allen Freelancer- und Startup-Getues. Denn der Markt kann nur das produzieren, was die Leute wollen, er kann sie jedoch nicht zu solchen Menschen erziehen, die sich als Stützen einer gesunden Gesellschaft erweisen. Das müssen schon wir selber tun. Deshalb mein Appell an alle Leser: Libertärinnen und Libertäre aller Länder, vereinigt Euch (ja, genau, untenrum), bekommt so viele Kinder wie möglich und erzieht die verdammt noch mal vernünftig. Alles andere ist völlig zwecklos.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Fortschritt

Mehr von Bernard Udau

Autor

Bernard Udau

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige