07. Januar 2020

Energiewende in Solingen Diesel statt Elektro

Neue Technik hat immer Kinderkrankheiten

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Machen bei Kälte schlapp: Elektrobusse

Wegweisendes geschah im goldenen Oktober 2019, dem siebten Jahr des Energieausstiegs, mit dem Deutschland der Welt ein leuchtendes Beispiel dafür gibt, wie sich Öl, Kohle und Atom gleichzeitig verabschieden lassen, ohne dass irgendein Mensch auch nur auf die Idee kommt, dass die höchsten Strompreise der Welt ihm anschließend nur noch wenig Spielraum lassen werden, anders als sehr, sehr teuer zu heizen oder sich fortzubewegen.

In jenem Klima-Oktober jedenfalls eilte der grüne Ex-Hoffnungsträger Cem Özdemir nach Nordrhein-Westfalen, um dort in seiner letzten repräsentativen Funktion als Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses die Zukunft einzuleiten: Özdemir schnitt sinnbildlich gesprochen das Kabel durch, mit dem der Betrieb der Buslinie 695 zwischen den Solinger Stadtteilen Gräfrath und Meigen von umweltvernichtendem Dieselantrieb auf klimaneutrale Elektrobusse umgestellt wurde, die über Oberleitungen mit Strom versorgt werden, für Fahrten auf oberleitungsfreien Strecken aber mit einem zusätzlichen Hochleistungsakku ausgestattet sind.

Ein Experiment, das nicht ohne Risiko ist. Neue Technik wie der elektrisch betriebene Bus – Werner Siemens stellte das erste Exemplar erst 1882 in Berlin vor –hat immer Kinderkrankheiten, die wagemutigen Unternehmen alle Businesspläne verhageln können. Doch zwischen den beiden Meilern Gräfrath und Meigen lief alles glatt, wenigstens für einige Wochen. Dann kamen ein paar kalte Wintertage, letzter Nachklapp der Zeit, bevor die Erderhitzung zur schärfsten Waffe im Kampf gegen die Klimakatastrophe wurde. Und mit den „kalten Wintertagen“ („Solinger Tageblatt“) machten die Batterien, auf denen die Zukunftshoffnungen einer ganzen Region und mit ihnen im Grunde die des gesamten Landes ruhen, „Probleme“, die „kurzfristig nicht lösbar“ seien, wie die Solinger Stadtwerke mitteilten.

Bevor diese Probleme dazu führen, dass Busse auf der Strecke liegenbleiben und Fahrgäste umsteigen müssen, entschlossen sich die Stadtwerke nach einer Untersuchung jetzt, die funkelnagelneuen „batteriebetriebenen O-Busse“ („ST“) aus dem Verkehr zu ziehen. Zum Schulstart in der nächsten Woche würden wieder die alten Dieselbusse eingesetzt, zumindest so lange, bis die Antriebsprobleme der elektrischen Nachfolger „vollständig aufgearbeitet“ worden seien.

Allein die Solinger Stadtwerke haben 16 weitere Busse der derzeit kinderkränkelnden Modellreihe bestellt, die bereits im Frühjahr geliefert werden. Auch Städte wie Frankfurt und Berlin setzen auf das mit 15 Millionen Euro von der Bundesregierung geförderte Konzept, Busse auf den Streckenabschnitten unter der Oberleitung für Fahrten auf Strecken ohne Oberleitung aufzuladen. Der dazu verbaute Akku hat eine Reichweite von immerhin 20 Kilometern. Die Solinger Stadtwerke wollen mit dem Umstieg auf den Bus-Batterieantrieb pro Jahr 320.000 Liter Diesel weniger verbrauchen. Das entspricht einer Menge von 726 Tonnen Kohlendioxid – etwa der Menge, die 1.500 als Haustier gehaltene Hunde im Jahr emittieren.

Weil die Batteriebusse allerdings wegen der gigantischen eingebauten Hochleistungsbatterie viel länger sind als die Dieselfahrzeuge, mussten viele Haltestellen entlang der Linie 695 aufwendig umgebaut werden. Die dabei verwendeten Mengen des klimaschädlichen Zements mindern den Soforteffekt des Umstiegs auf Stromantrieb ebenso wie der momentane Rückschlag durch den Rückgriff auf die Dieselbusse.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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