08. Juli 2019

Bildungspolitik, Teil zwei Pflicht, sich verstümmeln zu lassen

Das Problem des Schulzwangs

von Stefan Blankertz

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nicht im Sinne der Kinder: Schulpflicht

Mit der Schulpflicht stellt der Staat sicher, dass jedes Kind die für die Gesellschaft, für das Funktionieren der Wirtschaft und für die Sicherung der eigenen Zukunft notwendige Bildung wahrnimmt, auch wenn seinen Eltern oder ihm selber dies nicht passt. Wirklich?

Mit der Schulpflicht stellt der Staat sicher, dass jedes Kind die Chance auf Bildung erhält, die für seine eigene Zukunft wirtschaftlich und menschlich gesehen positiv wirkt, auch wenn die Eltern lieber sähen, dass es stattdessen arbeitet und ihnen nicht mehr auf der Tasche liegt. Wirklich?

Diese beiden Rechtfertigungen der Schulpflicht sind so universell in der herrschenden Meinung, der Meinung der Herrschenden, verankert, dass sie kaum in Frage gestellt werden können, ohne Kopfschütteln hervorzurufen. Und dennoch handelt es sich um klassische Fake News.

Als im 19. Jahrhundert in der sogenannten westlichen Welt der Industrienationen die Schulpflicht flächendeckend eingeführt oder dort, wo sie pro forma schon galt, durchgesetzt wurde, gab es in den wirtschaftlich entwickelten Zentren bereits einen fast vollständigen Schulbesuch der Kinder. Da es sich aber um nichtstaatliche, oft auch nicht einmal kirchliche Einrichtungen handelte, werden sie von der herrschenden, auf den Staat fixierten pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Forschung nicht ernst genommen. Ihnen wird durchweg und ohne jede Belege unterstellt, schlecht, minderwertig und den Kindern gegenüber brutal gewesen zu sein. Aber wenn diese von den Eltern freiwillig ausgesuchten und bezahlten Einrichtungen so schlecht waren, warum bedurfte es der Schulpflicht, um die Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken? Es hätte doch genügt, schlicht das bessere Angebot zu machen. Auf dem Land dagegen konnte die Schulpflicht lange Zeit nicht oder nur zu bestimmten Jahreszeiten durchgesetzt werden; die Kinder wurden in der Produktion gebraucht.

Die erste Erkenntnis lautet, dass die Möglichkeit des Schulbesuchs für die Masse der Kinder (also abgesehen von den Kindern der Privilegierten) an die kapitalistische, industrielle Entwicklung gebunden ist und nicht an den staatlichen Befehl an die Eltern, ihre Kinder die Schule besuchen zu lassen. In der vorkapitalistischen Zeit war nicht etwa die Herzlosigkeit der gierigen Eltern dafür verantwortlich, dass die Kinder, soweit ihre Kräfte reichten, mithelfen mussten, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Ein Zwang, zur Schule zu gehen, hätte in diesem Zusammenhang eine Verarmung sowohl der Eltern als auch der Kinder bedeutet und ihnen bestimmt nicht genutzt.

Die zweite Erkenntnis lautet, dass Eltern, wenn es ihnen wirtschaftlich möglich ist und es ihnen für die Zukunft ihrer Kinder sinnvoll erscheint, Bildungsinstitutionen selber aufbauen oder vorhandene private Angebote nutzen. Dafür bedarf es ebenfalls keines Zwangs. Da aber nun die Schulpflicht überall eingeführt wurde, welches waren die Gründe, sollten tatsächlich keine wirtschaftlichen und menschlichen vorgelegen haben?

Auf der Suche nach den Gründen für eine Einführung der Schulpflicht ist es hilfreich, den Blick noch ein wenig weiter zurück zu wenden. Das Konzept der Schulpflicht ist nämlich nicht erst im 19. Jahrhundert mit der kapitalistischen Industrialisierung entstanden, sondern bereits im 16. Jahrhundert im Rahmen der Reformation. Die beiden führenden und einflussreichsten Theoretiker der Reformation, Martin Luther und Johannes Calvin, vertraten beide die Ansicht, dass jedes Kind eine Schule besuchen solle, aber nicht etwa, um es wirtschaftlich zu qualifizieren oder menschlich zu bilden, sondern um es im Sinne der protestantischen Moral zu disziplinieren und im Glauben zu festigen. Die Schule wurde als Instrument der ideologischen Indoktrination erkannt.

Schauen wir uns auf diesem Hintergrund an, welche Anklagen gegen die privaten Schulen im 19. Jahrhundert erhoben wurden, fällt auf, dass sie gerade das Fehlen des disziplinierenden und ideologischen (religiösen) Aspekts hervorhoben: Diese Schulen seien nur darauf aus, den Kindern bestimmte wirtschaftlich verwertbare Fertigkeiten beizubringen. Wir haben hier den ersten Grund, der zur Einführung der Schulpflicht führte, nämlich den Wunsch nach staatlich gesteuerter Bevormundung. Der amerikanische Anarchist und Schulkritiker Paul Goodman nannte das 1964 „compulsory mis-education“, den Zwang, sich fehlbilden zu lassen (ein Wortspiel, da im Englischen Schulpflicht „compulsory education“ heißt). Der Aspekt der Bevormundung begleitet fast alle staatlichen Maßnahmen.

Der Wunsch nach Bevormundung reicht jedoch meist nicht aus, um eine staatliche Maßnahme gesellschaftlich durchzusetzen. Es muss noch der ökonomische Aspekt hinzutreten, dass die Maßnahme einer der herrschenden Gruppen nützt. Und auch einen solchen Aspekt gibt es: Jedem leuchtet ein, dass die Mitglieder der Mittel- und Oberschicht Bedarf nach mehr und nach längerer (Aus‑) Bildung haben. Zur Schulpflicht trat nun noch hinzu, dass die Schule kostenlos sein müsse, damit sie sich alle leisten könnten. Auf diese Weise wurde der öffentlichen Schule ein soziales Mäntelchen verpasst, obwohl die Arbeiter ja bereits gezeigt hatten, dass sie durchaus in der Lage sind, für die Bildung ihrer Kinder zu sorgen. In Wirklichkeit jedoch nutzte die öffentliche Finanzierung der Schule vor allem denen, denen die Schulbildung am meisten wirtschaftliche Vorteile brachte und die sie am längsten in Anspruch nahmen. Auch die Unternehmen hatten ein wirtschaftliches Interesse an der öffentlich finanzierten Pflichtschule. Dort, wo nicht genügend oder nicht passend qualifizierte Arbeiter zur Verfügung standen, mussten sie selbst diese Qualifizierung vornehmen und finanzieren. Ihnen war es nur recht, wenn sie diese Kosten auf die Öffentlichkeit überwälzen konnten.

Soweit Bildung für das berufliche Fortkommen oder das individuelle Wohlergehen und die eigene geistige Entwicklung als vorteilhaft angesehen werden, bedarf es keiner Schulpflicht. Nur wenn der Staat mehr und anderes will als das, was dem Einzelnen zu Nutz und Frommen ist, muss er Gewalt androhen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bildung

Mehr von Stefan Blankertz

Über Stefan Blankertz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige