05. Juli 2019

Bildungspolitik, Teil eins Die Struktur bestimmt den Inhalt

Der geheime Lehrplan der Staatsschule

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Homeschooling: Nur für christliche Sekten?

Wie erreichen wir das Ziel, dass die Kinder trotz eines Lebens „in Not und Sklaverei“ das herrschende System lieben und ihm treu ergeben sind? Diese Frage lässt der Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld 1925 in seiner Abhandlung „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“ in ironischer Absicht seine Exzellenz, Unterrichtsminister Machiavell so beantworten, man müsse „verstehen, dass die Organisation des Erziehungswesens das entscheidende Problem ist, das wir konsequent und unerbittlich unserem Einfluss restlos vorbehalten müssen, während wir die Lehrplan- und Unterrichts‑, selbst Erziehungsfragen beruhigt den Pädagogen, Ideologen, ja selbst den Sozialdemokraten überlassen können. Doch werde ich auch in dieser Zulassung taktisch vorgehen. Sie wird gefordert werden, wir lassen lange um sie kämpfen und gewähren sie in der Form von Konzessionen immer dann, wenn wir eine Ablenkung der Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für nötig halten.“

Ich zitiere diese Sätze, weil sie aus der Zeit vor der durchgängigen Sozialdemokratisierung der Gesellschaft stammen. Die Sozialdemokraten waren einmal Opposition. Sie träumten von Emanzipation, Menschenrecht und Befreiung, mit welchen verqueren Ideen auch immer. Und sie wurden in das herrschende System so integriert, dass sie schließlich die Herrschaft übernehmen konnten und das System, das sie vermeintlich bekämpft hatten, optimal ausbauten und weiterführten: ihm den Arsch retteten. Besonders deutlich wird das in den 1960er Jahren, als die Neue Linke in Westdeutschland unter anderem Siegfried Bernfeld wiederentdeckte und in ihre Vorstellung von antiautoritärer Erziehung einbezog. Der Staat reagierte genau so, wie Bernfeld es seinen Unterrichtsminister Machiavell vorzeichnen ließ: Die Rebellen kriegten nach und nach Einfluss auf den Lehrplan, ja teilweise sogar auf die Methoden, die in der Schule angewandt wurden. Über diesen Erfolg freuten sie sich dermaßen, dass sie jede Kritik an der Form der staatlichen Pflichtschule vergaßen, sondern sich vielmehr ihrer bedienten, damit ja alle Kinder in den Genuss der von ihnen geplanten Erziehung kommen sollten.

Und genau so wird es der heutigen konservativen, rechten oder liberalen Opposition gegen die herrschenden sozialdemokratisch-grünen Inhalte in der Schule ergehen, wenn sie nicht einen konsequent freiheitlichen Standpunkt entwickelt und gegen alle Korruptionsversuche an ihm festhält: Nach zuerst empörter Zurückweisung des „(Rechts‑) Populismus“ und dann zähem Festhalten an ihren vermeintlich unhintergehbaren „linken“ Inhalten werden die Herrschenden Stück für Stück Konzessionen machen, den Sexualkundeunterricht zurückfahren oder seinen Inhalt ändern, statt Genderismus wieder die klassische Rollenverteilung propagieren, und so weiter und so fort. Das, worum es wirklich geht, bleibt dabei unangetastet: die Struktur der staatlichen Pflichtschule.

Diese Struktur der staatlichen Pflichtschule entfaltet nämlich ihre Wirkung nicht vor allem über die in ihr vermittelten Inhalte, sondern über ihre Form. Es geht darum, dass die Kinder von Anfang an lernen, nicht sich selbst zu gehören, nicht den Entscheidungen ihrer Eltern zu unterliegen und, ab einem gewissen Alter, Entscheidungen für sich selber zu treffen, sondern dem Staat. Der Staat verfügt über ihren Körper, kann befehlen, wo er sich aufhält, wie er sich verhält, welche Inhalte ihr Kopf aufnimmt. Die Abhängigkeit vom Staat und zugleich die Fürsorge durch den Staat erziehen zur Unselbständigkeit und zur Verantwortungslosigkeit.

Seit den 1960er Jahren benennt die erziehungswissenschaftliche Forschung die Wirkung der Institution Schule jenseits des expliziten Lehrplans und über ihn hinaus als den „heimlichen Lehrplan“. Obwohl es also diesen Begriff gibt und die entsprechenden Wirkungen der Schule zumindest rudimentär erforscht worden sind, ist das der Aspekt der (linken) Kritik an der Schule, der gerade keinen Eingang in Reformen der Schule gefunden hat.

Ganz im Gegenteil. Seitdem die Linken sich im Besitz der Macht befinden und die Inhalte in den Schulen beherrschen, stigmatisieren sie alle Versuche, die Struktur des Bildungswesens zu verändern, als rechtsradikal. Homeschooling sei die Forderung von christlichen und kreationistischen Sektierern, um ihre Kinder dem Zugriff der aufklärerischen Schule zu entziehen. Alternativschulen könnten zum Hort von deutschtümelnden, frauenfeindlichen und homophoben Rassisten werden. Bildungsgutscheine seien das Instrument, die Gesellschaft kulturell zu desintegrieren, rassisch zu segregieren, sozial zu stratifizieren. Dabei zeigten die soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Forschungen in den 1960er und 1970er Jahren, dass die heute den Alternativen vorgeworfenen Effekte genau die Wirkung des heimlichen Lehrplans jeder öffentlichen Pflichtschule sind. Diese damals als „links“ geltenden Forschungsergebnisse ignorieren die heutigen Linken beharrlich, ja kehren sie in grotesker Weise um. Sie behaupten heute, dass Befreiung, Emanzipation und Aufklärung einzig durch ein Zwangssystem erreicht werden könnten, das die „Errungenschaften“ staatlich sichere. Der Widerspruch zwischen Herrschaft und Bildung, zwischen Zwang und Emanzipation schon auf der rein logischen Ebene kann von ihnen gar nicht mehr gedacht werden. Ihn auch nur anzusprechen, macht einen bereits zu einem „Rechten“.

Die Kritik an der staatlichen Zwangsschule steht aus diesem Grund heute mit noch mehr Recht als damals „jenseits von rechts und links“. Solange sich die jeweilige Opposition politisch versteht und in die sinnlose Achse von „rechts“ und „links“ einschreibt, wird sie keine Überwindung der Herrschaft erreichen, sondern sie immer nur in neuem Gewand fortsetzen. Die Schule ist eins der wichtigsten Felder, auf dem die Herrschaft überwunden werden muss und überwunden werden kann, aber nicht, indem die Opposition versucht, auf die Inhalte Zugriff zu erhalten, sondern indem sie die Struktur des Zwangscharakters der Staatsschule selber zum Ausgangs- und Angriffspunkt nimmt. Es ist Ziel dieser Serie, dazu anzuregen.


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