21. Juni 2019

Renate Graber im „Standard“ über die geplante Verleihung des Hayek Lifetime Achievement Award an den Historiker Thomas Woods Herr, lass Hirn – und Anstand – regnen!

Murray Rothbard als Rechter?

von Andreas Tögel

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Bildquelle: LvMI (CC BY 3.0)/Wikimedia Commons Murray Rothbard (1926-1995): Ein Rechter?

Den Namen „Murray Rothbard“ muss nicht jeder kennen. Jedenfalls jene Zeitgenossen nicht, die sich weder für ökonomische Theorien noch für die Ideengeschichte insgesamt interessieren. Allerdings wäre es kein Fehler, wenn sich eine Schreibtischtäterin der Wiener Tageszeitung „Der Standard“, nach eigenem Verständnis ein „linksliberal“ positioniertes Blatt, das von bürgerlichen Spöttern „Arbeiterzeitung für Maturanten“ genannt wird, ein paar Hintergrundinformationen beschaffte, ehe sie Rothbards Namen in die Nähe des Rechtsextremismus rückt.

So geschehen im Zusammenhang mit der Ankündigung einer für den Herbst im Kassensaal der Österreichischen Nationalbank geplanten Konferenz, in deren Rahmen dem US-amerikanischen Historiker Thomas Woods („The Church and the Market“) der Hayek Lifetime Achievement Award verliehen werden soll.

Über den im Artikel enthaltenen Schreibfehler „Achievemet“ statt „Achievement“ mag man ja noch hinwegsehen. Wer erhebt heute noch den bürgerlich-reaktionären Anspruch auf korrekte Rechtschreibung? Dass allerdings im gesamten Artikel der Begriff „libertär“ durchgängig in Anführungszeichen gesetzt wird, ist wirklich übel. Hier ist es der Autorin ganz offenkundig darum zu tun, den Libertarismus als etwas Fragwürdiges zu brandmarken und mit dem Odium des Obskuren zu umgeben. Sozialdemokraten würde sie zitieren, ohne dabei Anführungszeichen zu verwenden.

Sei‘s drum. Zur Erleuchtung der Redakteurin, falls dieser Kommentar ihr jemals unterkommen sollte, was bei Typen, die ihre eigene, selbstreferentielle Meinungsblase niemals verlassen, nicht sehr wahrscheinlich ist, in aller Kürze: Murray Rothbard war ein Schüler des auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA emigrierten Ludwig von Mises, den sein Biograph Jörg Guido Hülsmann als den „letzten Ritter des Liberalismus“ bezeichnet. Mises war einer der bedeutendsten und in wissenschaftlicher Hinsicht produktivsten Vertreter der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, deren Protagonisten sowohl in ökonomischen als auch in gesellschaftspolitischen Fragen zumeist klassisch-liberale Positionen einnehmen. Im Klartext: Sie treten für die größtmögliche Zurückhaltung des Staates hinsichtlich der Regulierung zwischenmenschlicher Interaktionen und für einen maximalen Entscheidungsspielraum für den einzelnen Bürger ein. Kein Wunder, dass ihre europäischen Vertreter sich in den 1930er Jahren vor den nationalsozialistischen Kollektivisten in Sicherheit bringen mussten, deren überzeugte Gegner sie allesamt waren.

Murray Rothbard ergänzte die strikt utilitaristische Lehre von Mises‘ durch den normativen Imperativ des „Nichtaggressionsprinzips“ („non-aggression principle“, kurz „NAP“), was ihn in der Konsequenz zu einem radikalen Staatskritiker machte. Immerhin nimmt der Staat für sich in Anspruch, initiierte Gewalt üben zu dürfen, die nicht durch eine zuvor erfolgte Aggression seiner Insassen gerechtfertigt ist. Stichworte dazu: Besteuerung und Wehrpflicht. Man kann die Position Rothbards, der sich stets als Gegner militärischer Interventionen der USA hervorgetan hat, getrost als pazifistisch bezeichnen. Wer, wie die zitierte Redakteurin, auf der Verwendung des längst obsoleten, linearen Links-rechts-Schemas besteht, muss Rothbard konsequenterweise links der Mitte einordnen. Eine Frage der Logik, mit der die Linke offenbar auf Kriegsfuß steht.

Ausgerechnet Rothbard in die rechte Ecke stellen zu wollen, beweist also entweder völlige Ahnungslosigkeit oder pure Bosheit. Wenn die Autorin Renate Graber im Zusammenhang mit der Preisverleihung von einem „extrem rechten Rothbard-Ökonomen“ schreibt, ist das geradezu infam, zumal davon auszugehen ist, dass sie niemals die Werke von Rothbard oder Woods gelesen hat, sondern ihr Verdikt vielmehr auf Hörensagen stützt. „Der umstrittene Ökonom Woods“ – was für eine erbärmliche Ansage.

Doch wie so oft, so auch in diesem Fall: Man prügelt den Sack (hier Thomas Woods), meint in Wahrheit aber den Esel, dessen Rolle Graber für die Vizepräsidentin der Oesterreichischen Nationalbank, Barbara Kolm, zugleich Chefin des Wiener Hayek-Instituts, und den designierten Gouverneur der OeNB, Robert Holzmann, ebenfalls ein Liberaler, reserviert. Holzmann wird im Herbst dem braven Genossen Ewald Nowotny ins Amt nachfolgen. Der Abgang des Letzteren wird insofern vielfach als schmerzlich empfunden werden, als man sich auf seine geldtheoretischen Einlassungen immer zu 100 Prozent verlassen konnte: Stets traf das exakte Gegenteil des von ihm Gesagten zu.

Der zitierte Artikel des „Standard“ nährt – einmal mehr – den Verdacht, dass die Mainstreampresse sich allenfalls auf Desinformation versteht.

„Der Standard“: „Saalschlacht in der Notenbank und warum dort ein Rechter geehrt wird“


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