19. Juni 2019

Warum die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen? Der solitaristische Knall

Vom Festredner zum Festochsen auf dem Burschentag der Deutschen Burschenschaft

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Boris15 / Shutterstock.com Kitschig: Dritte Strophe des Deutschlandliedes

Am Freitag radelte ich noch entlang der Etsch, und am Samstag schon fragte man mich, weshalb ich denn die Hymne nicht mitsänge; ich hätte ja die Strophe, worin die Etsch als Südscheide gen Welschland ihren heiklen Platz hat, weglassen können, aber warum verschlösse ich mich beziehungsweise meinen Mund auch der dritten? Sei ich denn ein Özil oder Boateng?

So schnell wird man vom Festredner zum Festochsen! Ich musste den braven Mann, einen Alten Herren einer für mich Unkundigen nicht identifizierbaren Verbindung, mit der Bemerkung abspeisen, dass ich eben nicht sänge, also nicht im Chor und mit der Menge, daheim unter der Dusche oder beim Revierreinigen nähme ich es mit jeder Wagner-Partie auf, Isolde und Brünnhilde inbegriffen. Ja, und die Senta erst! Joho-ho-hé! Aber die Nationalhymne? Ich könne sie so wenig mitbrummeln, wie es mir widerstrebe, an einer Messe teilzunehmen, ich sei eben ein vernagelter Querulant, dem die Kollektivisten im deutschen Gottesstaat der Atheisten jeden Impuls ins Gemeinschaftliche abdressiert hätten. In mir habe für alle Zeiten der solitäre, womöglich solitaristische Knall obsiegt. Anders bei Özil, der habe deshalb nie mitgesungen, weil er einem anderen Kollektiv angehört, dort falsettiere er bestimmt brav zu Cümbüş, Kabak-kemâne und Sackpfeife (Tulum). Boateng indes hätte gewollt, konnte sich aber bloß den Text der ersten beiden Strophen merken, und die kamen nie dran. Aber ich singe nicht und kann nicht anders, hätt‘ Allah mich bestimmt zum Hymnenmitsinger, so hätt‘ er mich als Hymnenmitsinger geschaffen. Hergottsakra!

Wo die Szene spielt? Auf dem Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Bachs Geburtsstadt, wo ich als sogenannter Festredner geladen war. Die fesch kostümierten und mit Degen bewaffneten Herrschaften auf dem Podium blieben übrigens während meines gesamten Vortrags stehen, was mich anfangs etwas irritierte – mein Publikum, wenn es sich schon nicht vor Kaminen auf Eisbärenfellen räkelt, soll wenigstens sitzen –‍, doch schließlich stillte mich die Erwägung, dass ich ja selber stünde. An jenen Stellen, wo der Applaus fällig wurde, rasselten die auf dem Podium mit ihren Degen, während das Publikum im Saal teils heftig auf die Tische klopfte. Hier beziehungsweise dort herrscht noch Manneszucht.

Zur Hymne denn also. Alle drei Strophen wurden am Ende gesungen, zum elektrischen Pianoforte, derweil ich mit vernähtem Munde immerhin halbwegs strammstand, wobei mich bei der ersten Strophe durchaus sacht der Haber stach, wenn nicht gar der Habermas!, meinen Mund doch aufzutun. Die erste ist ja, ästhetisch betrachtet, eindeutig die beste. Zwei und drei sind Kitsch. Aber gut, eine kitschige Hymne, das ist ein weißer Schimmel oder ein grüner Gauner. Deutschland wiederum ist das einzige Land der Erde, wo nach Polizei und Verfassungsschutz gerufen wird, wenn jemand die vollständige Nationalhymne singt. Deutschland ist aber auch das einzige Land der Erde, das zwei Weltkriege und obendrein noch in der Vorrunde gegen Südkorea verloren hat; da wird man halt irgendwann meschugge.

Die erste Strophe gilt heute als revanchistisch, weil sie geographisch akkurat den deutschen Sprach- und Kulturraum umreißt, den Gevatter von Fallersleben weiland als einiges Land ersehnte, und man weiß nicht recht, was aus heutiger Warte daran falsch sein sollte, denn es herrschten ja dann Buntheit und Weltoffenheit, Energiewende und Willkommenskultur, Greta und Grüne von der Maas bis an jene Memel, an der jetzt Russen, Weißrussen und Litauer den Fortschritt behindern wie in anderen einstmals deutschen Ostlanden die störrischen Polentrolle. Man stelle sich vor: Merkeldeutschland in den Grenzen von wenigstens 1937! Doch die Amtsvorgänger von Trump, Putin und den Brexiteers hatten etwas dagegen. Die zweite Strophe gilt als besonders kitschig, was dem deutschen Weißwein gegenüber ungerecht ist. Die dritte mag ich nicht mehr hören, seitdem ich weiß, wer sie sonst noch singt.

Sela, Hymnenende.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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