20. Mai 2019

Satirische Betrachtungen zum Strache-Video Heiße Spur nach Russland

Makellose Arbeit des Geheimdienstes

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Hat mal wieder ganze Arbeit geleistet: Russischer Geheimdienst

Das aufsehenerregende Video mit dem inzwischen zurückgetretenen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in der Hauptrolle ist nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ nicht gezielt kurz vor der Europawahl veröffentlicht worden. Man habe in Hamburg gar nicht gewusst, dass eine solche Wahl anstehe, hieß es bei dem Blatt, das seine „Recherchen“ („Spiegel“) gemeinsam mit der „Süddeutschen Zeitung“ eine Woche vor dem Urnengang öffentlich gemacht hatte.

Zuvor hatten bisher ungenannte Urheber des Films nach Angaben des Chefs des österreichischen „Falter“, Florian Klenk, „seit einem Jahr“ versucht, die Aufnahmen auf dem publizistischen Markt loszuschlagen. Ein Rechercheverbund aus „Spiegel“ und „SZ“, geschmiedet in den Feuern des Schicksalsberges… nein, der Trumpkriege griff dann zu, ohne dass Geld oder andere Zuwendungen an die Filmemacher erfolgt seien. Laut „Süddeutscher Zeitung“ wurde das Material zünftig „in einem verlassenen Hotel auf USB-Sticks“ übergeben. Im Plural.

Geschehen ist das nach Angaben des auf „Rechtsextremismus, Islamismus, Terrorismus und Kriminalität“ spezialisierten „Spiegel“-Reporters Wolf Wiedmann-Schmidt „im Laufe des Monats“, danach folgte die „Recherche“, die allerdings nicht zu Erkenntnissen darüber führte, wer die russische Oligarchin darstellt, die Strache umwirbt, wer die Villa auf Ibiza gemietet und die Aufnahmen finanziert hat. „Als wir uns dann sicher waren, dass es authentisch und echt ist, haben wir gesagt: Dann publizieren wir das Video“, so Wiedmann-Schmidt im Stile eines hippen Youtube-Influencers.

Woher das Material kommt, könne er aus Quellenschutzgründen nicht sagen, sagte Wiedmann-Schmidt, der allerdings auch nicht ausdrücklich bestätigte, dass der „Spiegel“ die Identität der oder des Anbieters kennt. Die zweifellos heißeste Spur führt jedenfalls nach Moskau und Sankt Petersburg, wo Kreml-Herrscher Wladimir Putin seit Jahren an gezielten Störungsaktionen gegen alle Wahlen im Westen arbeitet. Zuletzt hatte EU-Sicherheitskommissarin Věra Jourová vor ausländischen Desinformationskampagnen gewarnt, eine spezielle EU-Einheit wurde gegründet, um Falschmeldungen aus Russland aufzudecken.

Doch Russlands Fünfte Kolonne hat ihre Strategien und Taktiken längst verfeinert, russische Trollfabriken wie die geheime Agentur „Internet Research“ spielen nach Ansicht des früheren Stasi-Internetexperten Horst Kranheim heute über Bande, um ihr Ziel zu treffen. „Hier passt eigentlich alles“, sagt der letzte Chef der Abteilung für funkelektronische Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit, „die eigenen Angaben zufolge lettische Animierdame, die Rundumerfassung mit modernsten Kameras, der professionelle Videoschnitt, der satte, saubere Ton“.

Für Kranheim, der seine ersten Dienstjahre noch an der Seite sowjetischer Sonderaufklärer als DDR-Vertreter des Rechenzentrums Jena bei der Internet Assigned Numbers Authority (IANA) verbrachte, traut dem gefürchteten russischen Geheimdienst GRU zu, nach dem Skripal-Anschlag im englischen Salisbury nun die Demokratie in Europa auf besonders miese Weise ins Visier zu nehmen. „Dass der Kreml bereit ist, mit Strache einen Mann zu opfern, der als direkter Lohnempfänger Russlands gilt, täuschte sogar ‚Spiegel‘ und ‚SZ‘ über die wahren Urheber“, freut sich der Geheimdienstprofi aus Deutschland über die „makellose Arbeit der GRU-Kollegen“.

Dabei hatte Věra Jourová die Methoden der Russen zur Manipulation der Europawahl schon vor Wochen enthüllt. Es gehe nicht um die plumpe Unterstützung bestimmter Kandidaten oder fortschrittsfeindlicher Bewegungen wie früher, als der frühere Dresdner Putin in seiner alten Heimatstadt Pegida aus der Taufe heben ließ.

Heute zielten „organisierte Desinformationskampagnen aus dem Ausland darauf ab, existierende Polarisierungen in der Gesellschaft aufzugreifen und zu verstärken“, ist die tschechische Politikerin sicher. Falsche Spuren wie die, die jetzt zum deutschen „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) und zum Fernsehmoderator Jan Böhmermann gelegt werden, tragen nach Kranheims Ansicht „gerade aufgrund ihrer Uneindeutigkeit die deutliche Handschrift hervorragender Geheimdienstarbeit“. Mit Strache als Gegenstand der Video-Enthüllung, glaubt der Experte, habe der Kreml die „Publikation dieses Videos zur demokratischen Pflicht eines jeden Journalisten“ gemacht, obwohl der Meinungskampf um die Honigfliegenfalle die Gesellschaften in der EU noch weiter auseinanderzutreiben droht.

Diese um mehrere Ecken gedachte Strategie zeichne aus, dass sie funktioniere, die Ergebnisse in der zweiten Dimension kaum vorhersehbar seien und die Urheber ihre Beteiligung perfekt zu verbergen wüssten, weil die Beeinflussung der Europawahl subtiler stattfinde als seinerzeit in Amerika. Věra Jourová ahnte damals schon: „Das macht es schwer, sie zu erkennen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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