26. April 2019

RezensionGerhard Weinberger: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen

Die Krise des Islam hautnah erlebt

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Das Buch stammt aus der Feder des zur Zeit des „Arabischen Frühlings“ in Tunesien stationierten österreichischen Botschafters. Im ersten Teil wird die Situation vor Ort geschildert: Ennahda, eine moderat islamistische Partei, hatte, nach dem Ende der von Zine el-Abidine Ben Ali geführten Diktatur, 2011 die Wahlen gewonnen. Ab 2012 verstärkte sich der Terror salafistischer Extremisten, die mit der Ennahda gemeinsame Sache machten und arbeitsteilig an der Islamisierung des Landes arbeiteten. Nachdem die Lage sich immer weiter zuspitzte, erkannten die Moderaten, dass sie die Zusammenarbeit mit den Radikalen beenden mussten. Nach massiven Unruhen und einem von der Gewerkschaft angedrohten Generalstreik kam es zu einer alle Parteien umfassenden Vereinbarung für den künftigen Kurs des Landes: Die Regierung sollte, zeitgleich mit der Präsentation einer neuen Verfassung, zurücktreten und Neuwahlen ausschreiben. Das Tauziehen über die Details zog sich bis ins Jahr 2014 hin und endete mit einem parlamentarischen Festakt. Die neue Verfassung sieht eine zivile Verwaltung und die Gleichstellung von Mann und Frau vor und nimmt keinerlei Bezug auf die Scharia. Die in Tunesien bestehende Kluft zwischen Reformern und Fundamentalisten ist typisch für die gesamte islamische Welt, deren Krise anno 1798 mit dem Einmarsch Napoleons in Ägypten begann. Damals wurde klar, dass man gegen die Macht des Abendlandes über keine wirksamen Mittel verfügte. Seither besteht eine Dichotomie von Reformkräften, die sich am Westen orientieren möchten, und Konservativen, die zurück zu den Wurzeln wollen. Während die Reformation im Abendland zu einer Erschütterung der Kirchenmacht führte, würde eine Reformation in der Welt des Halbmonds die Kleriker stärken. Da der Koran das Wort Allahs enthält, ist seine Anpassung an die Moderne undenkbar. Der Autor ist von der Inkompatibilität des Islam mit liberalen abendländischen Werten überzeugt. Mit dem Koran sei kein Staat zu machen – jedenfalls kein moderner!


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