02. April 2019

Die etablierten Medien reagieren auf Aufrufe gegen „gendergerechte“ Sprache Von Dichtern und Demagogen

Wenn du dir vorstellst, dass es über Nacht wieder so werden kann...

von Frank W. Haubold

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Bildquelle: Schelm (CC BY 3.0)/Wikimedia Commons In der DDR verfolgt, heute wieder denunziert: Schriftsteller Reiner Kunze

In den letzten Wochen erschienen gleich zwei Aufrufe gegen die sogenannte „gendergerechte“ Sprache, die von einer ganzen Reihe prominenter Schriftsteller, Kulturschaffender und Sprachwissenschaftler erstunterzeichnet wurden. Warum das nicht besser koordiniert wurde, ist mir zwar schleierhaft, aber Tatsache ist, dass sich mit Monika Maron, Wolf Schneider, Rüdiger Safranski, Uwe Tellkamp, Günter Kunert oder Reiner Kunze zahlreiche herausragende Persönlichkeiten an den Aufrufen beteiligten.

Angesichts der Fülle an Prominenz und Zehntausender Unterzeichner wurde das übliche Verfahren des Ignorierens und Totschweigens für die etablierten Medien unmöglich, weshalb man alsbald zum Gegenschlag ausholte. Für den durch die Relotius-Affäre zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen „Spiegel“ besorgte das eine einschlägig bekannte (oder berüchtigte) Dame namens Margarete Stokowski, deren literarisches Oeuvre sich zwar auf zwei feministische Kampfschriften beschränkt, die aber zusammen mit Sibylle Berg und Georg Diez als kolumnistische Speerspitze des Blattes gegen das Ewiggestrige medial dauerpräsent ist.

Besagte Dame übernahm es dann also, die Erstunterzeichner mit diesem bemerkenswerten Satz abzuqualifizieren: „Die meisten kennt man nicht unbedingt, und die, die man kennt, lesen sich wie eine Liste von prominenten Wutbürgern, die nur noch keine Zeit hatten, einen AfD-Mitgliedsantrag auszufüllen.“

Nun ist es gewiss nicht das Problem des Lesers, sondern eher eines der Allgemeinbildung der Autorin, wenn sie die obengenannten Persönlichkeiten entweder nicht kennt oder der AfD zurechnet, und natürlich auch eines des Mediums, das derart plumpe Unterstellungen veröffentlicht. Aber vermutlich wollte sich kein ernst zu nehmender Autor für derlei Polemiken hergeben, was ja die Geschäftsgrundlage von Figuren wie Stokowski ist.

Nun könnte man meinen, es folge eine Auseinandersetzung mit Text und Inhalt der beiden Aufrufe, aber weit gefehlt. Stokowskis weitere Einlassungen befassen sich fast ausschließlich mit Zitaten der Erstunterzeichnerin Sibylle Lewitscharoff, die gar nicht in besagten Aufrufen stehen. Offenbar stellt die renommierte Schriftstellerin Lewitscharoff (unter anderem Georg-Büchner-Preisträgerin 2013) für die Feministin Stokowski eine Hassfigur dar, was angesichts der unterschiedlichen Positionen zwar nachvollziehbar ist, aber leider so gut wie nichts mit dem angeblich behandelten Thema zu tun hat.

Nun muss ich allerdings zugeben, dass ich besagten „Beitrag“ niemals gelesen hätte, da ich Texte der drei genannten „Spiegel“-Persönlichkeiten im Interesse meiner Vitalparameter grundsätzlich meide, wenn sich nicht der von mir hochgeschätzte Dichter Reiner Kunze öffentlich gegen die Unterstellungen zur Wehr gesetzt hätte: „Ich las, ich hätte mich in den Dunstkreis der AfD begeben. Ich fühle mich tatsächlich in einer Art Dunstkreis – es ist der Dunstkreis einer mehr und mehr zurückkehrenden DDR, als dort die gleichen Methoden politischer Denunziation angewandt wurden.“

Dazu muss man wissen, dass Reiner Kunze in der DDR selbst Opfer von Denunziation und Verfolgung wurde. Als sein Prosaband „Die wunderbaren Jahre“ 1976 im Westen erschien, wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und musste 1977 das Land verlassen. Seine Stasi-Akte, in die er später Einsicht nehmen durfte, umfasste 3.500 Seiten (!). Ich hatte zweimal die Freude, Lesungen von Reiner Kunze zu besuchen, und war tief beeindruckt nicht nur von der Kraft seiner Worte, sondern auch von seiner stillen, aber entschiedenen Art, sich auch zu aktuellen Themen zu äußern.

Ich zitiere aus Reiner Kunzes großartigem Buch „Die wunderbaren Jahre“, in dem er die Reaktion seiner Tochter auf die Lektüre von Solschenizyns „Archipel Gulag“ beschreibt: „‚Wenn du dir vorstellst, dass es über Nacht wieder so werden kann‘, sagte sie, ‚es laufen doch genug herum von diesen Typen – wenn du dir das vorstellst, dann fragst du dich, warum du hier nicht abhaust. Lieber sich dabei abknallen lassen.‘“

Nun war das eine andere Zeit, in der Flüchtende tatsächlich damit rechnen mussten, an der Grenze erschossen zu werden. Heute sind die deutschen Grenzen weit offen, damit die Freiheitsliebenden und Kritischen auswandern und die Bedürftigen und Kriminellen aus aller Welt einwandern können. Aber der Ungeist selbsternannter „Anständiger“, der die Kriminalisierung und Verfolgung Andersdenkender erst möglich machte, ist in diesem Lande lebendiger als je.

Aufruf „Stop Gendersprache jetzt!“

Verein Deutsche Sprache: „Schluss mit dem Gender-Unfug!“

Margarete Stokowski auf „Spiegel Online“: „Wer ist hier hysterisch?“

„Tichys Einblick“: „Schriftsteller Reiner Kunze wehrt sich gegen Spiegel-Vorwurf“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Geolitico“.


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