27. März 2019

Deutsche Bischofskonferenz zu „synodalen Prozessen“ und die Fridays for Future Demokratieendstufe

Die Gretaisierung der Politik

von Felix Honekamp

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Bildquelle: Paapaya / Shutterstock.com Dienen nicht der Freiheit: Fridays for Future

Ich musste mich erst mal sortieren, bis mir ein Licht aufging für einen Beitrag, der zwei Themen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, doch auf einen Nenner bringt: einerseits die Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), die Glaubens- und Morallehre zukünftig einem „synodalen“ Prozess zu unterwerfen, andererseits die politischen Reaktionen und die geistigen Hintergründe bei Aktionen wie „Fridays for Future“. Da gibt es nämlich einen Zusammenhang, und der sollte uns – Katholiken genauso wie Freiheitsfreunde, diejenigen, die beides in sich vereinen, sowieso – nervös machen.

In wenigen Dingen ist die Bibel so klar wie in der Sexual- und Ehelehre, in wenigen Dingen war die Kirche in den Jahrhunderten so klar wie in eben jenem Punkt und in der Frage der Konsequenzen des Bruchs moralischer Imperative. Entgegen moderner Meinungen geschah dies nicht – jedenfalls nicht in erster Linie –‍‍‍, um die Gläubigen zu unterdrücken, sondern um sie zu schützen. Ein schuldhaft unausgebildetes Gewissen führt nämlich ziemlich zielstrebig in die Hölle, desgleichen das Versagen beziehungsweise die Weigerung der mit der Lehre und Verkündigung Beauftragten, Bischöfe und Priester vorneweg, diese Lehre den Menschen zu vermitteln. „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1. Korinther 9,16b), wusste schon Paulus und müssen auch wir wissen.

Demokratisierung der Moral

Und katholisch zu sein bedeutet insofern auch, an der kirchlichen Lehre nicht einfach vorbeizukommen, nur weil man sie nicht kennt oder sie nicht zu erkennen bereit ist, oder sie gar – in Kenntnis ihrer – einfach so mit dem Hinweis auf das eigene Gewissen verwirft. Wenn ich also der Meinung sein sollte, dass Ehebruch dann doch nicht soooo schlimm ist, dann kann ich damit vielleicht in Talkshows Punkte machen, vor meinem Schöpfer werde ich dabei aber nicht bestehen. Und auch wenn es aufgrund der mannigfaltigen Versuchungen der Welt und deren fehlendem Verständnis für die Existenz und die Unabänderbarkeit von Wahrheit schwer sein sollte, sich an die Zehn Gebote zu halten, auch wenn man immer und immer wieder vor Gott schuldig wird, heißt das natürlich nicht, dass die Lehre an sich falsch wäre.

Ein synodaler Prozess ist nun nicht gleichzusetzen mit Demokratie: Bischofssynoden sind ein Beratungsgremium der Kirche, das Empfehlungen aussprechen kann, denen aber am Ende beispielsweise der Papst nicht folgen muss. Das wird heute komplizierter: In Prä-Internet-Zeiten haben die meisten von irgendwelchen Synoden kaum etwas mitbekommen. Heute erscheint den meisten – wahrheits- und moralentwöhnten – Menschen ein Synodenbeschluss als etwas, dem die Institution Kirche aus demokratischen Erwägungen zu folgen hätte, so dass sie sich demnach außerhalb der Wahrheit befände, wenn sie der entschiedenen Unwahrheit nicht folgte: Wahrheit ist Lüge, so schnell kann das gehen.

Marx gegen den Rest der Kirche

Das weiß natürlich auch die DBK, das weiß auch Kardinal Reinhard Marx, wenn er beschließen lässt, die Morallehre der Kirche – Sexualmoral, Ehelehre, Sakramentenlehre, Priesterverständnis und so weiter – in einem synodalen Prozess der Lebenswirklichkeit der Menschen gegenüberzustellen. Das weiß Marx ganz besonders, wenn er in erster Linie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zu diesem Prozess einlädt, einer nicht-repräsentativen Lobbyorganisation, die Kirchensteuermittel in dem Versuch verschleudert, die Kirche möglichst zeitgeistkonform zu gestalten. Und das weiß Marx auch, wenn er andeutet, dass man nicht auf Rom warten müsse, sondern selbst mutig voranschreiten dürfe, der dumme und antimoderne Rest der Weltkirche werde dann schon folgen, da müsse man Verständnis haben.

Was Kardinal Marx und die Mehrheit seiner Bischofskollegen hier also treiben, ist die Instrumentalisierung der Demokratiegläubigkeit der Menschen zur Umsetzung ihrer eigenen Ziele. Man darf, man muss befürchten, dass ihnen das gelingen wird. Wie immer rechtgläubige Katholiken darauf reagieren werden, ob mit Kirchenaustritt, mit demonstrativer Verachtung und Missachtung der „neuen Lehre“, die diese verwirrten Geister verkünden wollen, oder in einem aufreibenden Kampf gegen die Windmühlen des Zeitgeistes, die Marx mit dicken Backen in weitere Drehungen pustet: Die katholische Kirche in Deutschland (als Institution, nicht als mystischer Leib Christi) wird anschließend nicht mehr die Gleiche sein. Und das alles mit demokratischem Segen.

Gegen die Schulpflicht? Langsam!

Und was hat das mit Greta Thunberg und Fridays for Future zu tun? Und ist das nicht eine Graswurzelbewegung, die einem libertären Schulpflichtverächter gefallen müsste, auch wenn er deren unmittelbare Ziele nicht teilen mag? Langsam: Erstens stellt sich immer mehr heraus, dass Fridays for Future mit einer von Kindern organisierten Graswurzelbewegung in etwa so viel zu tun hat wie das ZdK mit der Katholikenbasis. Was aber noch schlimmer ist, ist, dass das Ziel der Demonstrationen sich gar nicht gegen irgendwelche Mächtigen im Lande richtet, sondern die bereits eingeschlagene politische Richtung – Antikapitalismus und Deindustrialisierung des Westens – im Gegenteil unterstützt. Es wäre ja ein Leichtes für die Teilnehmer der Demonstrationen, auf Pkws zu verzichten statt Innenstädte nach den Demos vollgemüllt zu hinterlassen. Es wäre ein Leichtes, Energie zu sparen und dafür Werbung – Missionierung im Sinne der Bewahrung der Schöpfung – zu betreiben.

Hier wird aber Regierungshandeln gefordert, und das bedeutet, dass anderen Menschen etwas verboten werden soll – Auto fahren, fliegen, heizen, unternehmerisches Handeln, was der Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien in unterschiedlichen Ausprägungen sowieso schon ein Dorn im Auge ist. Man erinnere sich an die vollständig faktenresistente Argumentation zur Energiewende (Stichwort: „Atomkatastrophe“ in Fukushima), die uns die nächsten Jahrzehnte noch beschäftigen und dafür sorgen wird, dass wir so schnell gar nicht unabhängig werden können von Kohlestrom, selbst wenn letzteres Konsens wäre.

Kinder nicht infantilisieren? Was denn sonst?

Mit Hilfe von Greta Thunberg und den demonstrierenden Kindern erweckt man also den Anschein eines demokratischen Konsenses. Und wenn der nicht in der Gesamtbevölkerung zu erreichen ist, helfen traurige Kinderaugen: Die Zukunft der Kinder wird angeblich verspielt, warum sollen da alte weiße Männer ein Wort mitreden dürfen? Jeder Diktator auf der Welt weiß, wie man mit Kinderemotionen Pluspunkte sammeln kann, weshalb Anton Hofreiter im denkwürdigen DLF-Interview (Lese‑, besser noch Hörbefehl!) auch immer wieder darauf hinweist, man dürfe die Kinder nicht infantilisieren, also übersetzt: sie nicht verkindlichen. Ja, was denn sonst? Es sind Kinder, wir haben in der Tat eine Verantwortung, die Schöpfung für sie zu bewahren, aber das bedeutet auch, dass wir ihnen Regierungsentscheidungen tunlichst nicht in die Hände geben. „Gott bewahre“, sie setzen sich sonst irgendwann noch mal für Atomkraft ein (um dann natürlich nach öffentlichem, quasidemokratischem Druck schnell wieder zurückzurudern).

Grüne und der Großteil der etablierten Politik machen aus Fridays for Future einen demokratischen Mehrheitsbeschluss, der es nicht ist, um Freiheiten einzuschränken, die man eh nicht bestehen lassen will, und können sich – das ist beinahe das Schlimmste – sicher sein, dass die tatsächliche Mehrheit schon nicht aufmucken wird. Hier wird also nicht etwa Freiheit von der Schulpflicht befördert: Mit dem Mittel dieses Widerstands wird Unfreiheit gefordert, Antikapitalismus als Staatsräson etabliert, am Ende die Zukunft auch dieser Kinder verspielt.

Die Abschaffung von Wahrheit und Freiheit

Wahrheit wird abgeschafft, Freiheit wird abgeschafft, Meinungsfreiheit sowieso: Natürlich hat FDP-Chef Lindner recht, wenn er sagt, dass energiepolitische Entscheidungen in die Hände von Experten gehören und nicht in die Hände von Kindern (wenn ich auch ergänzen möchte: ganz sicher nicht in die Hände von Politikern). Zukunft wird verspielt, auch die Zukunft derjenigen, die sie ganz offenbar entweder verachten oder gar nicht um sie wissen. Das macht die DBK, das macht Kardinal Marx, das passiert bei Fridays for Future, das ist das Ergebnis einer Gretaisierung der Politik.

Interview mit Anton Hofreiter im Deutschlandfunk: „‚Wir sind dabei, deren Zukunft zu zerstören‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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