28. Februar 2019

Ungarndeutsche im Vogtland Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Die Heimat ist immer noch Ungarn

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Porrima at Hungarian Wikipedia (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Immer noch viele deutschstämmige Einwohner: Waschkut heute

Es gibt hier, im Süden Ungarns, eine kleine Quartalszeitschrift, die „Batschkaer Spuren“. Ein ungarndeutsches Magazin, von Ungarndeutschen für Ungarndeutsche, ein Traditionsblatt, das zwar keine lange Geschichte aufweisen kann, aber an der Aufarbeitung einer solchen und dem Kampf gegen das Vergessen arbeitet.

In einer Ausgabe taucht mein deutscher Heimatort, Auerbach im Vogtland, auf und ein Name, der bekannt klingt: Reitzenstein. Sofort werden Erinnerungen wach. Frau Reitzenstein wohnte gleich um die Ecke, sie war Lehrerin meiner Schule und galt als „Ungarin“, die immer dann, wenn Ungarisch gefragt war, gerufen wurde. Auch einige meiner besten Freunde aus der Kinder- und Jugendzeit waren „Ungarn“. Einmal ging ich mit meinem Freund zu dessen Großeltern – die hatten gerade ein Schwein geschlachtet, die Frauen in langen schwarzen Kleidern standen um einen großen Kessel herum, in dem es über offenem Feuer brodelte, oder rührten Blut in einem Schuppen. Von dem, was sie sagten, verstand ich kein Wort, aber wir aßen frisches Wellfleisch, und ich brachte meinen Eltern eine Wurst mit, als Entschädigung für das lange Wegbleiben.

Und jetzt, mehr als 40 Jahre nach diesen Erlebnissen, wird mir alles klar. Damals interessierte man sich nicht dafür. Es waren Ungarn, aber mein Freund war Deutscher, und überhaupt spielte das alles keine Rolle für uns. Aber es waren keine wirklichen Ungarn, es waren Deutsche, und für sie spielte dies alles sehr wohl eine große Rolle. Denn sie waren vertrieben, sie waren Ungarndeutsche aus der Batschka, sie lebten sechs Kilometer von unserem jetzigen Aufenthaltsort entfernt, sie waren hier Bauern gewesen oder Handwerker, und sie sprachen Ungarndeutsch, einen einst schwäbischen Dialekt, der nun eine eigene Färbung bekommen hatte.

Doch damit nicht genug. Etwa gleichzeitig erfahre ich in einem Sprachkurs von einer anderen älteren Dame, die ebenfalls vertrieben worden war, deren Familie jedoch nach Ungarn zurückging und die in Auerbach, nur wenige Hundert Meter von meinem Jugendort entfernt, gelebt hat. So kreuzen sich drei Lebenslinien, über Jahrzehnte versetzt. Ein eigenartiger, faszinierender Zufall. Ich will diese Menschen und ihre Geschichte kennenlernen.

Frau Reitzenstein treffe ich in Rebesgrün, einem kleinen Dorf, das heute Auerbach eingemeindet ist. Viele ostdeutsche Städte haben die starke Abwanderung nach der Wende durch Eingemeindung zu kompensieren versucht, aber nur wenigen dürfte das gelungen sein. In Rebesgrün hat der Bund der Vertriebenen, Ortsgemeinde Vogtland, seinen Sitz. Man hat sich ein Büro und einen kleinen Traditionsraum eingerichtet. Nicht nur die Ungarndeutschen, sondern auch die Vertriebenen aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern, Schlesien und dem Sudetenland haben hier ihren Sitz. Auch meine Mutter wuchs bis zum vierten Lebensjahr in der Nähe von Posen auf, aber bereits für sie hatte das kaum noch eine Rolle gespielt. Zumindest sprach sie nie darüber.

Am Tisch sitzen vier ältere Damen, eine Kaffeemaschine gurgelt vor sich hin. Frau Reitzenstein empfängt uns freundlich, wir setzen uns in den Traditionsraum. Ich schaue auf ein Buchregal mit entsprechenden Werken. An der Wand hängen Leinentücher mit alten Sinnsprüchen, und ein paar Schneiderpuppen tragen Trachten zur Schau.

Drei Transporte habe es gegeben, erfahren wir. Der erste, bereits 1946, führte nach Aschaffenburg/Ulm, wo sich noch immer eine ungarndeutsche Gemeinde befindet. Der zweite und dritte jedoch – Sommer 1947 und Winter 1948 – endeten im Vogtland. Während Frau Reitzenstein uns das erklärt, wird von draußen hereingerufen, dass es heute Ungarndeutsche in 130 Ländern dieser Welt gebe. Insgesamt wurden zwölf Millionen Menschen vertrieben, gab es drei Millionen Tote; 700.000 Vertriebene landeten in Sachsen. 50.000 davon stammten aus Südungarn und gelangten in die sowjetische Besatzungszone – von diesen Schicksalen sprechen wir.

Es waren meistens Frauen. Viele Männer befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft oder waren auf dem Schlachtfeld geblieben. Von der halben Million Ungarndeutscher in ganz Ungarn hatten sich 300.000 zur deutschen Nationalität bekannt, und sehr viele Männer hatten bei der SS gedient, andere in ungarischen Einheiten. Diejenigen, die nicht gefallen oder gefangengenommen worden waren, konnten nach Westdeutschland fliehen, immer weg von den Russen, so dass es in einigen Fällen bereits vorgefertigte Strukturen, Verwandte und Bekannte gab.

Und Zehntausende Ungarndeutsche und Ungarn befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in russischen Arbeitslagern. Es dürfte kaum eine Familie gegeben haben, in der das Leid nicht schon längst zu Hause war, als die Vertreibungen begannen. Man wurde, erzählt die alte Frau, in einen Viehwaggon verladen, in dem es nichts gab. Ein Loch wurde in den Boden gesägt, wo alle Insassen – circa 30 Personen – ihre Notdurft verrichten mussten. Hin und wieder wurde ein Eimer Wasser hineingereicht. Als Kind habe man die Dramatik dieser Ereignisse noch gar nicht verstanden, sagt sie. Als man nach Budapest kam, so erinnert sie sich, war sie vom endlosen Lichtermeer überwältigt. Fast war es ein Abenteuer.

Die Kinder konnten den enormen Verlust nicht verstehen. Die Familien hatten sich über Jahre und Generationen etwas aufgebaut. Ihr Vater war Schneidermeister – sie zeigt uns den Meisterbrief. Der Name „Matthias“ steht in der ungarischen Variante: „Mátyás“. Schon der Großvater sei Herrenschneider gewesen. Sie hatten ein Haus in Waschkut (Vaskút), in der Damjanich utca. So heißt sie heute. Als ich später Frau Schadt, die andere Vertriebene, mit dieser Information versorge, sagt sie sofort: „Ja, das war die Raizengasse, dort gab es mehrere Schneider.“ „Raizen“, so nannten die Ungarndeutschen die Bunjewatzen, eine südslawische Ethnie, Serbokroatisch sprechend, die neben den Ungarn den dritten Bevölkerungsteil im Ort stellte. Bis vor dem Krieg waren die Beziehungen unproblematisch, auf der Straße unterhielt man sich meist Schwäbisch, in den Familien wurden die Muttersprachen gesprochen.

Auf der Potsdamer Konferenz wurden große Umsiedlungsprogramme beschlossen, die die ungarische Regierung nun durchsetzte. Aus der Slowakei wurden Ungarn in die Batschka umgesiedelt. Diesen sollten die Deutschen nun Platz machen. 80 Kilogramm pro Person – Frau Schadt erinnert sich an nur 50 – waren als Mitnahme erlaubt. Aller Hausbestand, Vieh – man hatte eine Kuh –‍, Mobiliar und natürlich Haus und Hof wurden ersatzlos den „Slowaken“ übergeben. In den meisten Fällen wurden diese Wirtschaften – die Höfe, die Felder, die Weinberge – in kürzester Zeit ruiniert.

Schließlich kam der Transport in Pirna an, in der „Grauen Kaserne“ – ein legendärer Ort unter den Ungarndeutschen. Dort lag man zwei Wochen in Quarantäne, bevor es zur Verteilung kam. Frauen und Männer wurden nun meist getrennt. Die Männer kamen ins Erzgebirge, nach Johanngeorgenstadt, und mussten im Uranbergbau arbeiten, aus dem sich wenig später die Wismut bildete. Die Arbeit war für die Bauern schwer erträglich, und viele erkrankten. Frau Reitzensteins Vater hatte Glück – man suchte Schneider in der Wismut, er fand bald eine neue Arbeit in der dortigen Schneiderwerkstatt. Das sollte sich später als Einstieg in die Gesellschaft erweisen.

Die Frauen und Kinder kamen stattdessen ins Vogtland. Sieben Personen mussten sich zwei kleine Zimmer teilen. Die Kinder kamen sogleich in die Schule. Die ersten drei Schuljahre hatte das Mädchen in Waschkut Ungarisch gelernt, zu Hause ein ungarndeutsches, schwäbisches Idiom gesprochen, nun saß sie mit deutschen Kindern zusammen, die einen starken vogtländischen Dialekt sprachen. So wurde sie schnell „die Ungarin“, und oft wurde sie ob ihrer Aussprache verlacht. Diese Erfahrung hört man immer wieder – das anfängliche Ausgeschlossensein, das Verlachen –‍, sie scheint bei den jungen Menschen fast tiefere Spuren hinterlassen zu haben als der eigentliche Verlust der Heimat.

Ab der vierten Klasse besuchte sie nun die Goetheschule in Auerbach, an der sie später Lehrerin werden sollte und die auch meine Polytechnische Oberschule wurde. Der Vater baute der Familie eine Existenz auf, die Tochter wurde Erzieherin, später Lehrerin und lebt nun seit 75 Jahren an diesem Ort.

Ich frage sie nach ihrer Heimat. Und wieder erstaunt die Antwort: Die Heimat sei Ungarn, auch wenn man hier zu Hause ist. Jedes Jahr fährt sie ein oder zwei Mal nach Waschkut, besucht die Verwandten. Wir gehen im Geiste ein paar Orte im nahegelegenen Baja durch und wie sich die Stadt in den letzten Jahren zum Positiven verändert hat. Ob sie zurück wolle? Das nun nicht. Hier leben die Kinder, die schon nicht mehr fließend die Sprache sprechen, hier lebte sie mit ihrem Mann, und hier wird sie wohl bleiben. Aber man spürt, wie schwer ihr diese Worte fallen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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