26. Februar 2019

Menschenwürde und Freiheit Geht und streitet

Wider die Kristallpaläste vom kollektiven Glück

von Frank Jordan

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Bildquelle: aphotostory / Shutterstock.com Halten nicht lange: Kristallpaläste des kollektiven Glücks

Wer dem „Recht auf eigentlich alles“ und der Selbstverwirklichung des Einzelnen auf Kosten anderer (Bedingungsloses Grundeinkommen) das Wort redet, ist ein Betrüger. Wer die Würde des Menschen an der Sorglosigkeit in Bezug auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse festmacht, degradiert ihn heute in Worten, morgen dann in Taten zum Tier.

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Wir wissen es längst. „Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“, schrieb Goethe. Dostojewski wetterte aus dem „Kellerloch“ mit großer Kraft gegen die „Kristallpaläste“ des kollektiven Glücks. Als in der Bibel das Volk Israel aus Sklaverei und Knechtschaft herauskam, da ging es so richtig los mit den Schwierigkeiten. Sie waren jetzt wohl frei. Die Weisung, die von Gott erging, war aber nicht: „Kommt und habt Spaß.“ Das Gegenteil war der Fall: „Geht und streitet“, hieß es. Streitet gegen Feinde im Innern und von außen, gegen Hunger und Durst. Und Thilo Sarrazin brachte es auf den Punkt, als er sinngemäß schrieb, das Bier nach zehnstündiger Überwindung und Arbeit sei ein anderes als jenes nach einem Tag auf der Couch.

Der allen Utopien zugrundeliegende Irrtum: Nicht der bloß am Leben seiende Mensch ist die Krone der Schöpfung. Der freie Mensch ist es. Frei entscheidend, handelnd, in der Verantwortung stehend, Schuld tragend oder Erfolg erntend. Wer die Menschen aus gutem Willen oder aus Berechnung davon scheiden will, scheidet sie nicht nur vom innersten Kern ihres Menschseins, sondern auch von ihrer Chance auf Glück und ein erfülltes Leben. Die trügerische Zufriedenheit kurzfristiger Bequemlichkeit und Sicherheit entpuppt sich immer als die Wärme, in der die Schlangeneier von Frustration, Neid und Hass ausgebrütet werden.

Die Gründe dafür sind sowohl ökonomischer als auch menschlicher Natur. Wo mehr verzehrt als produziert wird, ist irgendwann nichts mehr da. Das leuchtet jedem Kind ein. Wo man jenen, die ihr Bestes geben, den größten Teil des Lohns wegnimmt zum Wohl aller, wird aller Antrieb zerstört und werden diese entweder nichts mehr tun oder – wenn man sie lässt – anderswohin ziehen, wo sie die Früchte ihrer Anstrengung und ihres Engagements genießen können. Und wer glaubt, der grundversorgte Mensch würde aus reinem Idealismus und mit Freude 40 Stunden die Woche herunterreißen für ein Gehalt, von dem er im Namen des kollektiven Glücks gerade mal 30 Prozent behalten darf, der träumt oder betrügt sich selber. Das Resultat solch organisierter Glücksgestaltung sind immer wirtschaftlicher Bankrott, sich steigernder Zwang und Gewalt. Aber bei allen Schrecken – es ist nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste ist das, was solche Versuche mit und aus den Menschen machen. Es bringt nicht das Beste in ihnen zum Vorschein, Friedfertigkeit und Wohlwollen, wie die Befürworter der Grundversorgung nicht zu behaupten müde werden, sondern das Schlechteste. Rücksichtslos, gierig, betrügerisch und mörderisch wird nämlich nicht im Rahmen freier Kooperation und friedlichen Wettbewerbs gekämpft. Das kann man sich, wo man langfristig als Kunde oder Anbieter aufeinander angewiesen ist, gar nicht leisten. Es geschieht dort, wo es Dinge umsonst gibt. Unverdient. Dort, wo persönlicher Einsatz, Leistung und Qualität absolut keine Rolle spielen, sondern bloß die Tatsache, da zu sein und einen Puls zu haben. Hier gewinnen nicht die Besten, sondern die Rattigsten. Wer am besten bescheißt, bekommt am meisten. Wer am besten lügt, garniert doppelt. Wer am besten einschüchtert, bedroht und wenn nötig zum Schweigen bringt, kriegt den Platz zuvorderst in der Reihe.

Es ist die Umkehr jeder natürlichen Ordnung. Die Besten, Stärksten, Risikofreudigsten, jene mit dem größten Know-how und den breitesten Schultern in Sachen Verantwortungslast werden vertrieben, zermürbt oder – die Experimente sozialer Gerechtigkeit zeigen es – ausgerottet. Was sie aufgebaut haben, ihr Vermögen, ihre Unternehmen, ihre Investitionen werden ausgehöhlt, zu Boden gewirtschaftet oder unter den Apparatschiks verlost. Nach oben spült es die Ratten, die hinter sich als Beitrag zum kollektiven Glück eine Schneise von Angefressenem, Zerstörtem und Dreck zurücklassen.

Wo solches andauert, ist es die Hölle auf Erden. Indes: Dank der Gesetzmäßigkeiten der verteufelten Ökonomie hält es nicht an. Die Brühe in den Fleischtöpfen Ägyptens wird immer wässriger, und von der Gratis-Plörre nach der Zwangsarbeit wird einem schlecht. Es gibt keine „Reichen“ mehr zu hassen und als Blitzableiter zu verfolgen und keine „Ungerechtigkeit“ mehr zu beklagen. Es gibt schlicht nichts mehr. Die Kristallpaläste sind zerbröselt, die Seifenblasen klebrigen Selbstbetrugs geplatzt.

Das „Gute“ in dem ganzen Elend: Wo der Mensch nichts mehr zu verlieren hat, wird er wieder Mensch im besten Sinn: frei. Mit den Besten um sich her und dem Besten, was er in und an sich hat, geht er ins Risiko. Wagt, erschafft, kooperiert, baut auf, verändert, verbessert, sorgt vor und sichert ab. Und ob er es weiß oder nicht: Es ist seine Chance auf Glück. Die einzige, die er hat und die nie ein anderer für ihn ergreifen kann.

Das ist Leben, Menschsein. Alles andere ist Halbleben an der Hundeleine.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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