21. Februar 2019

Religion und Herrschaftslegitimation „Ich bin der Staat, dein Gott“

Das Motiv ist nie göttlich, sondern stets menschlich

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Gott als Gesetzgeber außerhalb des Menschlichen: Moses und die Zehn Gebote

Im zweiten Buch Mose steht: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft in Ägyptenland geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Der Gott der Bibel steht außerhalb alles Menschlichen. Außerhalb der Natur. Wenn einer sich entscheidet, daran zu glauben – an den einen Gott der Bibel oder – abstrakter – an ein Ideal, ein höchstes Prinzip der Wahrheit –‍, dann ist das einzig seine Sache. Sie geht niemanden etwas an und schadet auch keinem. Das Gegenteil ist möglich: Wer so lebt, als sei er jemand Höherem über all sein Tun Rechenschaft schuldig, ist möglicherweise besser gefeit gegen das tödliche Virus des Regierens, der Macht über andere und eigener Allmachtsvorstellungen.

Problematisch und gefährlich wird es dann, wenn Menschen – im Namen Gottes oder anderer „höherer“ Motive wie zum Beispiel „Gerechtigkeit“ oder „Gleichheit“ – Gott spielen; sich selbst herausnehmen aus der „Menschheit“ oder der „Gesellschaft“. Sich außerhalb positionieren als „Stellvertreter“ Gottes oder Vertreter des Volkes, als Gestalter, Retter, Lenker oder Führer der „Menschen“.

Ihr Motiv ist nie göttlich, sondern stets menschlich, nie Hilfe, sondern am Ende stets Herrschaft und ihr Erhalt. Die Kirchen und ihre Vertreter haben es getan. Der Staat, internationale Organisationen und ihre Repräsentanten tun es heute. Und heute wie damals ist der Glaube einer Mehrheit der Leute an das durch nichts Reales begründete Wohlwollen dieser kleinen Gruppe von Menschen, die sich ober- und außerhalb aller anderen wähnt, ungebrochen.

Die Reden von der säkularen Gesellschaft und dem aufgeklärten Menschen entbehren deshalb nicht der Komik. Jawohl – Staat und Kirche sind offiziell getrennt. Der Staat ist heute beides. Mehr noch: alles. Gott, Kirche und absoluter Herrscher. Das Gebot ist jetzt ein anderes – aber, die Geschichte zeigt es, ebenso unvergänglich wie jenes der Bibel – egal, ob man daran glaubt oder nicht: „Ich bin der Staat, dein Gott, der dich in die Knechtschaft führen wird. Du sollt keine anderen Ideen und Ideale haben neben mir.“

An den Gott der Bibel kann man glauben. Oder nicht. Es gibt keinen wie auch immer gearteten Zwang. Im Fall des Staats sieht das anders aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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